Kontakt

Lotsen und Brückenbauer

Bild: Brücke in Nürnberg

Interkulturell und vielsprachig: Das medizinische Team MD Asyl sieht sich als Mittler und Vermittler

Bei der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge hat der Gesetzgeber klare Aufgaben definiert: Gemäß § 62 des Asylverfahrensgesetzes müssen sich alle hier Ankommenden einer Erstuntersuchung unterziehen. Ausserdem kümmert sich das Gesundheitsamt um die primärärztliche Betreuung von Flüchtlingen.
Um all diesen Aufgaben gerecht zu werden, hat das Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg bereits im Dezember 2014 in der Notunterkunft in der Tillystraße eine medizinische Versorgungseinheit eingerichtet, die die Flüchtlinge betreut: vom Erstscreening über die Gesundheitsuntersuchung bis zur offenen Sprechstunde. Im April diesen Jahres ist die „Asylpraxis“, jetzt medizinische Fachstelle für Flüchtlinge mit Fachstelle Trauma, in die Dianastraße 29 umgezogen.

Breites Krankheitsspektrum

Das Spektrum an Krankheiten, dem die Ärzte hier begegnen, ist weitaus größer als das einer normalen Hausarztpraxis. Neben den „normalen“ Erkältungskrankheiten oder Magen-Darm-Infekten müssen sie hier immer wieder Schusswunden oder auch Verletzungen von Folter oder Misshandlungen behandeln. Immer wieder sehen die Ärzte hier schlecht oder gar nicht behandelte Wunden, stellen Hepatitis oder Tuberkulose fest, müssen chronisch Erkrankte mit Bluthochdruck oder Diabetes einstellen. Diphterie, Keuchhusten oder auch Polio sind Krankheiten, die bei Flüchtlingen durch den fehlenden Impfschutz verstärkt wieder auftreten, denn in den Krisenländern wird nicht oder nicht mehr geimpft. Und viele der Patienten leiden nicht nur körperlich, die schmerzhaften Erinnerungen und traumatischen Erfahrungen holen sie immer wieder ein. Viele von ihnen leiden unter Posttraumatischen Belastungsstörungen, haben Angstzustände oder Depressionen.

Screening, Erstuntersuchung und Sprechstunden

Die medizinische Versorgung beginnt für Erwachsene ebenso wie für Kinder mit der nach § 62 des Asylverfahrensgesetzes vorgeschriebenen Erstuntersuchung.

Diese umfasst

  • eine körperliche Untersuchung
  • eine Untersuchung auf Tuberkulose durch Röntgen bzw. Interferon Gamma Bluttest
  • eine Blutuntersuchung auf HIV und Hepatitis B (bei Schwangeren wird zusätzlich der Titer von Masern, Röteln und Windpocken bestimmt) sowie
  • eine Impfberatung und gegebenenfalls eine Impfung

Werden Erkrankungen festgestellt, vermitteln die Ärzte den Patienten weiter zu Fachärzten oder in Kliniken. Da viele der Flüchtlinge traumatisiert in Deutschland ankommen, geht das Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg noch einen Schritt weiter und führt neben der körperlichen Untersuchung zusätzlich ein psychiatrisches Erstscreening durch.

Bild: Holzfiguren im Gespräch

Unüberwindbare Hürde

Nach diesem „Pflichtprogramm“ übernehmen in der Regel niedergelassene Ärzte die medizinische Versorgung der Asylsuchenden. Doch dieser Weg ist für viele der Flüchtlinge schwierig. Der Arztbesuch wird aufgrund fehlender Sprachkenntnisse und dem verwirrenden deutschen Gesundheitssystem oft zu einer schwer überwindbaren Hürde. Das Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg hat auf die spezielle Situation der Flüchtlinge reagiert und bereits im Dezember 2014 in der Notunterkunft Tillystraße eine „Praxis“ mit offenen Sprechstunden eingerichtet. In dieser etwas anderen „Praxis“, die heute in der Dianastraße ist, werden die Patienten hausärztlich betreut und wenn nötig an niedergelassene Fachärzte oder Kliniken weitergeleitet. Und von hier aus werden auch die Sprechstunden und Impfsprechstunden in Gemeinschaftsunterkünften koordiniert.
Die große Stärke des Teams: Interkulturelle Ausrichtung und Erfahrung sowie Sprachkenntnisse in Englisch, Persisch, Russisch, Türkisch und Arabisch.

Eine Frage der Mentalität

„Der Umgang mit Krankheiten und die Vorstellung der Ursachen unterscheiden sich in der arabischen Welt grundlegend von den Vorstellungen, die in Deutschland vorherrschen“, weiß Dr. Mohamadmehdi Tadayon, Leiter des interkulturellen medizinischen Teams. Für viele Patienten sei es daher schwierig, überhaupt über Krankheiten zu sprechen und die Symptome klar zu definieren. Daher ist es für den behandelnden Arzt in Deutschland oft schwierig, etwa die benannten Kopfschmerzen zu deuten und die richtige Diagnose zu stellen. Und so kommt es doch recht häufig zu unnötigen, teuren Untersuchungen. „Wir wissen, dass kulturelle Unterschiede immer wieder zu Problemen bei der Behandlung von Patienten führen“, erklärt Dr. Katja Günther, stellvertetende Leiterin des Gesundheitsamtes Nürnberg, den konsequenten Schritt hin zu muttersprachlichen Ärzten. „Der Vorteil der „Medizinischen Fachstelle für Flüchtlinge mit Fachstelle Trauma“ ist, dass unsere Ärzte nicht nur mit den Patienten sprechen können, sondern auch die Mentalität verstehen.“ Generell, so sind sich die Ärzte sicher, besteht ein großer Bedarf an niederschwelliger hausärztlicher Versorgung für die Flüchtlinge mit „Lotsenfunktion“ für die ambulante und stationäre fachärztliche Therapie. Wie wichtig die Beratung in der Muttersprache ist, zeigt sich deutlich am Thema Impfung. In vielen Herkunftsländern wird nicht geimpft oder ist, wie in Syrien, die medizinische Versorgung so weit zusammengebrochen, dass nicht mehr geimpft wird. Hier besteht Aufklärungsbedarf, der nur in der Muttersprache gut geleistet werden kann.

Bild: Katja Günther

Ansprechpartner beim Gesundheitsamt

Unter der Koordinierung des Gesundheitsamtes arbeiten niedergelassene Fachärzte, die Nürnberger Kliniken und die Sozialdienste der Einrichtungen eng zusammen, um auch in (psychischen) Krisensituationen und in besonderen Situationen für die Flüchtlinge da zu sein.

So hat das Gesundheitsamt ein engmaschiges Netz an Hilfestellungen geknüpft, das auch Flüchtlinge in Not- und Krisensituationen nutzen können:
Die Fachärztinnen und Sozialpädagogen des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SpDi) des Gesundheitsamtes der Stadt Nürnberg beraten, unterstützen und helfen psychisch Kranken in Krisensituationen und beraten die Sozialdienste der Gemeinschaftseinrichtungen zum Umgang mit psychisch Kranken.
Als mobiler Elterndienst unterstützen die Kinderärzte und Kinderkrankenschwestern der Aufsuchenden Gesundheitshilfe des Gesundheitsamtes Familien mit Kindern bis zu drei Jahren. Sie begleiten Eltern und Kinder und vermitteln, falls nötig, weiter an andere frühe Hilfen.
Im Kampf gegen den Drogenmissbrauch arbeitet das Gesundheitsamt eng mit dem städtischen Suchtbeauftragten und mudra (Alternative Jugend- und Drogenhilfe e.V.) zusammen, beim Missbrauch von Alkohol mit den verschiedenen Beratungsstellen.

Zurück zum Seitenanfang URL dieser Seite:
<http://www.nuernberg.de/internet/gesundheitsamt/asyl_lotse.html>