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Multikulturelles Gesundheitszentrum

Bild: Dr. Tadayon

Dr. Mohamadmehdi Tadayon

Dr. Mohamadmehdi Tadayon, Leiter des interkulturellen medizinischen Teams , berichtet über seine Erfahrungen und kulturelle Unterschiede im Umgang mit Krankheit.

Bereits über 7000 Asylsuchende wurden bisher in der „Praxis“ in der Tillystraße betreut. Inwiefern unterscheidet sich diese von einer normalen Praxis?

Bereits über 7000 Asylsuchende wurden bisher in der „Flüchtlingspraxis“ betreut. Inwiefern unterscheidet sich diese von einer normalen Praxis?

"Die Flüchtlinge sehen sich hier mit einem Gesundheitssystem konfrontiert, das auf eine völlig andere Vorstellung von Gesundheit und Krankheit und vor allem auch von Krankheitsursachen aufbaut, als ihnen vertraut ist. Die Sprachbarriere und grundlegende Mentalitätsunterschiede, gerade wenn es um Gesundheit geht, machen vielen Flüchtlingen den eigenständigen Besuch einer Praxis fast unmöglich. So stellen die Ärzte immer wieder bei Kindern asylsuchender Familie eine geringe Versorgungsgüte fest, eben weil die Eltern sich nicht zurechtfinden. Das breite Spektrum der Krankheitsbilder und die Notwendigkeit des Case Managements mit den Kollegen im Gesundheitsamt, den Fachärzten, Krankenhäusern und dem Sozialamt, macht unsere medizinische Einheit zu einem „multikulturellen und multifunktionellem Gesundheitszentrum“.

Das Institut für Qualitätsentwicklung im Gesundheitswesen hat festgestellt, dass kulturelle Unterschiede im klinischen Alltag zu Missverständnissen und Konflikten führen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

"Eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Verständigung ist eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg einer Behandlung. Sprachliche Hürden und Mentalitätsunterschiede machen diese vertrauensvolle Verständigung fast unmöglich. Muss alles übersetzt werden, fühlt sich der Patient vom Arzt nicht wirklich verstanden und hat vielleicht sogar Zweifel, ob der Dolmetscher alles richtig interpretiert und übersetzt hat. Die in den verschiedenen Kulturkreisen durchaus unterschiedlichen Denkweisen über Krankheit und der durchaus andere Umgang mit Krankheit führen oftmals zu Missverständnissen und Fehldiagnosen. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Ein Mann aus dem Iran kommt zum Arzt und legt immer die Hand an die Stirn. Der Arzt vermutet Kopfschmerzen und lässt, um einen Tumor auszuschließen, das ganze diagnostische Programm bis hin zum MRT ablaufen. Beim Gesundheitsamt wurde dann sogar noch ein psychiatrisches Gutachten durchgeführt. Tatsächlich, so stellte sich dabei heraus, wollte der Mann mit dieser Geste seine Trauer zeigen. Ein Bild, das nur ein Arzt, der Sprache und Mentalität versteht, auch deuten kann."

Wie funktioniert das Gesundheitssystem in den Herkunftsländern ?

"Das Gesundheitssystem ist, so vorhanden, grundsätzlich anders strukturiert. Daher nutzen gerade Asylsuchende aus Syrien oder dem Irak, die es gewohnt sind, in ihren Ländern das nächste Gesundheitszentrum aufzusuchen, häufig die Notaufnahme der Kliniken, auch für die primärärztliche Versorgung.
Grundsätzlich unterscheiden sich auch die Bereiche der einzelnen Fachrichtungen. So wird beispielsweise im Iran ein Leistenbruch von einem Urologen behandelt, in Deutschland übernimmt diese Behandlung ein Chirurg. Und zum Kinderarzt geht man in diesen Ländern nur dann, wenn der Hausarzt nicht mehr weiterhelfen kann. Ein verwirrendes System für die Flüchtlinge, die meist ja auch keine Sprachkenntnisse haben. Sie brauchen daher bei der medizinischen Versorgung dringend Hilfe und muttersprachliche Unterstützung. Eine Aufgabe, die wir als MD Asyl- zunächst in der Tillystraße, jetzt in der Dianastraße, übernommen haben."

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