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Fachstelle Trauma für Flüchtlinge

Bild: Holzmännchen stehen im Kreis

Gradwanderung zurück ins Leben

Das Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg setzt mit einem ehrgeizigen Projekt neue Zeichen: Am 1. April wurde in der Dianastraße die Fachstelle Trauma für Flüchtlinge eröffnet. Die Nachfrage übersteigt alle Erwartungen.

Wer bei uns ankommt, hat Schreckliches hinter sich, ist geflohen vor Verfolgung und Gewalt, vor Bomben oder vor rassistisch oder religiös motivierten Übergriffen. Viele haben zu Hause oder auf der Flucht Angehörige oder Freunde sterben sehen, haben Gewalt und Gräueltaten erlebt. Sie leiden unter Erinnerungen, die sie quälen und immer wieder einholen. Flashbacks nennen die Fachleute die immer wiederkehrenden Bilder, die die Betroffenen „überfallen“ und sie das Schreckliche wieder und wieder erleben lassen: Überfälle auf die eigene Familie, Hinrichtungen oder Entführungen. Und viele wissen bis heute nicht, was mit ihren Kindern, Eltern oder Geschwistern passiert ist.
„Die dramatisch hohe Zahl an schwer traumatisierten Flüchtlingen, die hier psychiatrisch und psychologisch nicht ausreichend versorgt werden können, war für uns Anlass, die Fachstelle Trauma ins Leben zu rufen“, beschreibt Dr. Katja Günther, stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamtes Nürnberg und zuständige Bereichsleitung für die Flüchtlingsversorgung, die Motivation für das ehrgeizige Projekt. Geboren worden war die Idee schon vor Jahren am Runden Tisch des „Netzwerks Trauma“, zu dem sich Organisationen und Ämter, Stadträte und Kliniken der Stadt unter der Führung des Gesundheitsamtes zusammengeschlossen haben. Am 1. April 2017 wurde die Idee Realität: Unter einem Dach mit der medizinischen Fachstelle eröffnete das Gesundheitsamt in der Dianastraße 29 die Fachstelle Trauma für Flüchtlinge. Ein einmaliges Pilotprojekt der Flüchtlingsarbeit in Deutschland, das Kooperationspartner wie das Traumahilfezentrum Nürnberg, die Ausbildungsinstitute IVS und DGVT oder die Stadtmission sowie Sponsoren unterstützen. „Besonders dankbar sind wir für das herausragende Engagement der Psychotherapeuten und der Sprachmittler, die sich von der Idee begeistern ließen“, freut sich Dr. Katja Günther über die breite Unterstützung.
Dass die Nachfrage nach Hilfe groß sein würde, damit hatten alle Verantwortlichen gerechnet. Aber dass die Fachstelle Trauma regelrecht überrannt werden würde, hat dann doch alle Mitarbeiter überrascht. Innerhalb nur weniger Monate gelang es inzwischen über 80 Patienten an die Fachstelle anzubinden, über 20 Therapien einzuleiten und Stabilisierungsgruppen zu organisieren. Und doch wird die Warteliste immer länger.

Verstörende Zahlen

Dass so viele Hilfe suchen ist für Experten keine Überraschung, denn die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Bei wenigstens 45 % der Flüchtlinge stellen schon die beiden im Auftrag des Sozialministeriums von der LMU München und dem KNN 2012 durchgeführten Studien eine „diagnostisch relevante psychiatrische Symptomatik“ fest. Das heißt: Fast die Hälfte der bei uns ankommenden Flüchtlinge ist schwer traumatisiert. Etwa 70 % der Erwachsenen, so ein Papier der Psychotherapeutenkammer, haben bereits in der Heimat oder auf der Flucht Gewalt gegenüber anderen erlebt, viele wurden selbst Opfer von Gewalt, 43 % wurden gefoltert.
Und so ist es kein Wunder, dass die Ärzte des MD Asyl, die bereits im Rahmen der Erstuntersuchungen/Untersuchungen bei Familiennachzüglern ein kurzes psychiatrisches Screening bei den in Nürnberg Angekommenen durchführen, überproportional häufig Angststörungen, Depressionen und Posttraumatische Belastungsstörungen feststellen. Und bei vielen Traumatisierten auch Suchterkrankungen, weil sie versuchen, die Erinnerungen zu „betäuben“.
Die Einschätzung der Ärzte in Nürnberg bestätigen damit die Zahlen, die die Psychotherapeutenkammer vorlegt. Sie attestieren knapp der Hälfte der in Deutschland angekommenen Flüchtlinge Posttraumatischen Belastungsstörungen oder schwere Depressionen, wobei beide Krankheiten häufig gemeinsam auftreten. Wer aber unter Posttraumatischen Belastungsstörungen leidet, wird häufig von Suizidgedanken gequält. Etwa 40 % der Betroffenen, davon geht die Studie der Kammer aus, hatten bereits Pläne, sich das Leben zu nehmen oder haben es auch tatsächlich versucht.
Mit Sorge stellen auch die Gutachter des Gesundheitsamtes der Stadt Nürnberg einen stetigen Anstieg der Selbstmordversuche vor allem unter den jungen Flüchtlingen fest und verweisen damit auf eine besonders vulnerable Gruppe: die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Zur Traumatisierung in der Heimat kommen dann oft heftige Gewalterfahrungen während der oft monatelangen Flucht. Experten gehen davon aus, dass wenigstens 60 % der Jugendlichen, die sich allein durchschlagen mussten, schwer traumatisiert sind, bei den jungen Mädchen geht man sogar von 70 % aus. Während die jungen Männer meist vor Krieg, Entführung durch IS oder Taliban flüchten, sind bei den jungen Mädchen vorrangig häusliche Gewalt, drohende Zwangsverheiratung oder Genitalverstümmelung die Ursachen, sich auf den gefährlichen Weg zu machen. Etwa 600 UMFs leben heute in Nürnberg und eigentlich jeder hat eine schreckliche Geschichte im Gepäck.

Bild: Schatten, Mann an der Treppe

Fragile Stabilität

Für uns, so fasst einer der Psychotherapeuten der Fachstelle die Arbeit mit schwer traumatisierten Flüchtlingen zusammen, ist es eine permanente Herausforderung, eine permanente Gratwanderung zwischen Suizid und Stabilisierung. Jede Nachricht aus der Heimat, jedes Ausbleiben einer Nachricht kann bisher Erreichtes sofort zunichtemachen.
Wie fragil nach außen stabil sein kann, zeigt das Beispiel eines jungen Afghanen, der durch die Explosion einer Autobombe beide Eltern und drei Geschwister verloren hat. Starr vor Schreck blieb der damals 15jährige auf der Straße stehen und geriet so in die Gefangenschaft der Taliban. Zum Gotteskrieger sollte er werden. Und weil er sich weigerte, wurde er immer wieder gedemütigt, vergewaltigt und gefoltert. Erst nach Monaten gelang ihm die Flucht. Darüber und auch über die Zeit der Gefangenschaft kann er kaum sprechen. Viel mehr noch als die eigenen Gewalterfahrungen treibt ihn aber das ungewisse Schicksal seiner Geschwister um, von denen er, weil sie im Gebiet der Taliban leben, seit diesem schrecklichen Tag vor drei Jahren keinerlei Lebenszeichen hat. Die Angst und die Erinnerungen haben ihn schon einmal zum Selbstmord getrieben. In der Fachstelle Trauma konnte er nun eine Psychotherapie beginnen.
Eine Chance zur Bewältigung seiner Erlebnisse und dazu, in der Aufnahmegesellschaft Fuß zu fassen. Denn wenn der Krieg im Kopf weitergeht, die schrecklichen Erinnerungen den Alltag bestimmen, ist es eigentlich unmöglich, sich in der neuen Umgebung zurecht zu finden, die Sprache zu lernen und sich mit der anderen Kultur auseinanderzusetzen. Für die Betroffenen jedenfalls wird der Alltag zur Hölle. Es ist, als würde das alles gerade jetzt passieren, beschreibt ein Betroffener die Bilder und Szenen, die sich immer wieder abspielen. Bilder, die sich allein mit Medikamenten nicht kontrollieren lassen.
„Wer unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung, PTBS, leidet, erlebt die traumatische Situation immer wieder, meist als Albträume, als blitzartige Bilder oder filmartige Szenen sogenannten Flash Backs“, beschreibt Dr. Günther die Auswirkungen der Gewalterfahrung. „Die Erinnerungen sind dann so intensiv, als würde sich das Ereignis in diesem Moment wiederholen. Begleitet werden diese Symptome meist von großer Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, emotionaler Taubheit und Antriebslosigkeit und nicht selten von Depressionen“
Gerade bei PTBS ist Psychotherapie die empfohlene Behandlungsmethode. Doch tatsächlich werden die Flüchtlinge meist mit ihren Ängsten und Depressionen allein gelassen. Selbst bei intensivsten Bemühen ist kaum ein Therapieplatz zu bekommen. Mangelnde Sprachkenntnisse und der Mangel an ausgebildeten Dolmetschern erschweren die Suche erheblich. Nur etwa 6 % der betroffenen Flüchtlinge, so hat die Psychotherapeutenkammer ermittelt, bekommen auch einen Therapieplatz. Lange Wartezeiten aber erhöhen die Gefahr der
Chronifizierung, was eine holländische Studie eindrücklich belegt: Waren bei der ersten Untersuchung kurz nach Ankunft in den Niederlanden etwa 43 % der Untersuchten als traumatisiert eingestuft worden, so stieg die Zahl bei denen, die länger als zwei Jahre im Land waren auf 66 %. Gegen eine zeitnahe psychotherapeutische Versorgung der betroffenen Flüchtlinge aber steht die „Dyskalkulie“ des Versorgungssystems. Obwohl Nürnberg als überversorgt gilt, sind die hier niedergelassenen Psychotherapeuten bereits jetzt überlastet. In allen Praxen gibt es monatelange Wartezeiten. Und das nicht nur für das besonders schwierige Klientel der Flüchtlinge.
Fachleute haben errechnet, dass alle Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und Psychiater in Deutschland zwei Jahre lang ausschließlich Flüchtlingskinder betreuen müssten, um alle zu behandeln, die Hilfe brauchen.

Bild: Netzwerk mit Holzfiguren

Die Bausteine der Fachstelle Trauma

Wir versuchen die Lücke zu schließen, die in der Versorgung von Flüchtlingen klafft, benennt Dr. Günther das ehrgeizige Ziel der Fachstelle Trauma: „Mit dem Konzept der Fachstelle für Flüchtlinge wird das Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg subsidiär tätig, wobei mit allen Akteuren der psychosozialen Beratung sowie der psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung zusammengearbeitet wird.“
Ganz bewusst hat man die beiden Fachstellen – die der medizinischen Versorgung und die Fachstelle Trauma – unter einem Dach angesiedelt: Beide Fachstellen arbeiten eng zusammen, um niederschwellige Angebote zu machen. Denn für viele der Flüchtlinge ist der Gang zum Arzt schon schwierig, der Gang zum Psychotherapeuten aber unvorstellbar. Viele kommen aus einem Kulturkreis in dem psychische Erkrankungen zur Ausgrenzung und Isolation führen. In einigen Sprachen wie etwa Oromo gibt es gar kein Wort für Trauma oder Psychotherapie. Und so gilt es nicht nur die Sprachbarriere, sondern auch die kulturelle Schranke zu überwinden. Und genau dabei können die Ärzte des medizinischen Teams helfen. Sie beraten in der Muttersprache, verstehen die Hürden und können so an die Angebote der Fachstelle Trauma heranführen.
Eng abgestimmt ist die Zusammenarbeit der Ärzte und Psychotherapeuten mit der Psychiaterin des Gesundheitsamtes, die in der Fachstelle konsiliarisch tätig ist.
Wesentlicher Baustein des „Erfolgskonzepts Traumafachstelle“ sind die engagierten Psychotherapeuten, die Einzelsitzungen und Gruppentherapien anbieten. Durch die Kooperationen mit den beiden Ausbildungsinstituten IVS und DGVT ist es gelungen, auch junge Therapeuten für die Arbeit in der Fachstelle zu gewinnen.
Neben den Einzeltherapien bietet die Fachstelle inzwischen auch Gruppentherapien an. Große Nachfrage herrscht beispielsweise bei den Stabilisierungsgruppen, die das Gesundheitsamt zusammen mit der Traumafachberaterin der Stadtmission organisiert. In Kürze werden auch EMDR-Gruppen in Kooperation mit dem Traumahilfezentrum anlaufen. Um all diese Aufgaben zu bewältigen hat das Gesundheitsamt in Zusammenarbeit mit dem Traumahilfezentrum einen Pool an Dolmetschern und Sprachmittlern aufgebaut, die für ihre Arbeit in der Fachstelle Trauma speziell geschult wurden. Sie sind eine wesentliche Stütze sowohl bei Einzeltherapien als auch bei Gruppensitzungen und sind oft mehr als nur Sprach- sondern auch Kulturmittler.

Eine große Vision

Einzeltherapien, Stabilisierungsgruppen und EMDR-Sitzungen. Damit ist das Ziel der Fachstelle noch lange nicht erreicht. Gerade bemüht sich das Team spezielle Angebote für traumatisierte Kinder zu erstellen. Denn nach Einschätzung der Fachleute zeigt sich bei Kindern bisher nur die Spitze des Eisbergs. Untersuchungen gehen davon aus, dass rund 40 % der Flüchtlingskinder direkte Kriegshandlungen erlebt haben, dass jedes vierte Kind, jeder vierte Jugendliche Zeuge von Gewalt an Mitgliedern seiner Familie wurde und 41 % bei körperlichen Angriffen auf andere zusehen mussten. Zahlen, die eine von der TU München in der Bayernkaserne mit Flüchtlingskindern durchgeführte Studie untermauert: Fast die Hälfte der Flüchtlingskinder ist deutlich psychisch belastet, so das Ergebnis, jedes fünfte Flüchtlingskind leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Doch viele verbergen ihre Ängste und Trauer hinter einer Maske, die nur schwer zu durchschauen ist, tragen eine Fröhlichkeit zur Schau, die täuscht. Wie der muntere Elfjährige, der selbstbewusst bei den Ärzten zum Impfen aufschlug, seine kleinen Geschwister im Schlepptau. Erst nach und nach ließ er die fröhliche Maske fallen, erzählte von dem Bombenangriff bei dem die Mutter starb und der Vater schwer verletzt wurde. Seither sei er das „Familienoberhaupt“, organisiert den Alltag, sorgt dafür, dass seine Geschwister in den Kindergarten und in die Schule gehen, dass sie etwas zu essen bekommen und er liest ihnen auch vor. Zusammen mit Gleichaltrigen soll er nun in einer Spielgruppe in der Fachstelle lernen, wieder Kind zu sein. Konsequent soll das Angebot für Kinder und Jugendliche in den nächsten Monaten auf- und ausgebaut werden: Gruppen für Maltherapie, Musiktherapie und Spieltherapie für verschiedene Altersgruppen sind geplant. Ein buntes Angebot für die oft „Sprachlosen“, damit auch ihre Integration gelingen kann.

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