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Der Strand von Langwasser

#LNGWSSR, Gemeinschaftshaus Langwasser und curt Schreibkrise präsentieren Langwassers ersten Fortsetzungsroman zum Mitbestimmen!
Verfasst von: Dominik Steiner, Anja Gmeinwieser, Len Korvin, Lisa Neher, Felix Kaden und den Menschen aus Langwasser

Der Strand von Langwasser als Hörbuch

JETZT NEU: Den Strand von Langwasser gibt es jetzt auch als Hörbuch. Beim Putzen, beim Kochen oder beim Spazierengehen - den Langwasser-Krimi auf den Ohren. Alle fünf Teile in einer Audiodatei als Download. Von den Autor*innen selbst eingelesen.

So funktionierts

  • Jede Autorin und jeder Autor schreibt einen Teil der Geschichte, insgesamt gibt es fünf Teile
  • Am Ende der Teilgeschichte gibt es drei Optionen wie der Krimi fortgesetzt werden könnte
  • Auf Facebook stimmt Langwasser und die ganze Region für eine der Optionen ab. Jede*r darf mitentscheiden!
  • Die Option mit den meisten Stimmen hat gewonnen. Die nächste Autorin oder der nächste Autor muss die Geschichte dementsprechend weiterschreiben
  • Die neue Teilgeschichte erscheint immer am Donnerstag, abgestimmt wird bis zum folgenden Montagmorgen um 9:00 Uhr
  • Alle Autorinnen und Autoren kommen aus der Region und schreiben (semi-)professionell
  • Bitte teile die Geschichte mit allen Langwasseranern (mit Wohnsitz oder gefühlt!), die du kennst
  • Achtung: Damit deine Stimme zählt, musst du im original Facebook-Post abstimmen
  • Die ganze Geschichte findest du auch hier zum Nachlesen

DER STRAND VON LANGWASSER


Teil 1. Verfasst von Dominik Steiner

Kommissar Keller nippt an seinem Filterkaffee. Die Überraschung: er schmeckt hervorragend. Das hätte er in diesem Laden gar nicht erwartet. Eigentlich mag der Kommissar keine Fast-Food-Restaurants. Aber jetzt ist er im Dienst und im Dienst kann er sich nicht aussuchen, wo er sich hinsetzt. Das Lokal hat er gewählt, weil es strategisch günstig liegt. Von hier hat er den besten Blick auf die Kunden, die im Franken-Center flanieren. Der gute Kaffee ist dabei eine willkommene Unterstützung. Kommissar Keller nippt noch einmal, um den Genuss etwas hinauszuzögern, dann sammelt er sich. Er ist ja nicht zum Spaß hier. Keller durchleuchtet streng dienstlich seinen aktuellen Fall.
Lizzy Bergmann ist verschwunden. Hier im Einkaufszentrum hat sie sich oft mit ihren Freunden getroffen. Nun wartet der Kommissar auf Mira, Lizzys beste Freundin. Am Telefon hat er Miras Angst vor einem Verhör spüren können. «Keine Angst, das ist kein Verhör», hat sie der Kommissar beruhigt. «Das ist nur ein Gespräch. Bisher wissen wir ja noch nicht mal, ob ein Verbrechen passiert ist.» Trotzdem hat er nur wenig von Mira erfahren. Keller weiß, dass die Beiden vorgestern mit einigen anderen am Heinrich-Böll-Platz gesessen waren. Kurz darauf war Lizzy weg. Seitdem fehlt jede Spur von ihr. Keller bemerkt jetzt, dass Mira auch schon zu spät ist. Nicht dass sie auch noch verschwindet, denkt er.
Um sich von diesem Gedanken abzulenken, sieht sich der Kommissar die Menschen an, die an ihm vorbeigehen. Schnell sind sie unterwegs. Als wären alle zwischen zwei Terminen. Das haben wir gemeinsam, denkt Keller und macht, was er am besten kann: Er knipst sich aus. Vielleicht haben sie ihm ja deshalb den Fall anvertraut. Wegen seiner Gabe, sich in Luft aufzulösen, nur noch Auge zu sein und ein gemeinsames Gefühl in einer großen Menge erspüren zu können. Wenn er jetzt einfach so bleiben würde, könnte auch bald jemand eine Vermisstenanzeige wegen ihm aufgeben. Körperlich ist er zwar noch anwesend, aber niemand würde ihn jetzt ganz finden.
Kommissar Keller sieht, dass es vielen hier so geht. Wir haben alle etwas, das nicht gefunden werden soll und hier sind wir sicher, dass niemand danach sucht. Hier können wir suchen und immer weiter suchen und wir werden etwas finden, immer wieder etwas Neues finden, etwas das uns tröstet, oder ablenkt. Vielleicht sitzt Lizzy ja auch einfach nur hier irgendwo und trinkt einen Kaffee, denkt Keller. Vielleicht hat sie ja auch die Gabe, nur noch zu beobachten und ein Geist zu werden. Und vielleicht wusste Lizzy nichts von dieser Gabe und hat sich während einer Shoppingpause einfach aufgelöst. Jetzt ist sie hier irgendwo und findet nicht zurück.
Die Situation erinnert Keller an seine eigene Jugend. Da hat ihm teilweise auch jede Spur gefehlt. Davongelaufen ist er nie. Zumindest nicht so, dass die Polizei nach ihm suchen musste. Wenn er es getan hätte, wäre er nicht gefunden worden. Da ist er sich sicher. Hat er es deshalb nicht gemacht, weil er sich immer sicher war, es zu können? Die Flucht als Joker zu haben, den er immer ausspielen könnte, aber den er so lange wie möglich in der Hinterhand haben will? Vielleicht ist er ja auch nur nie geflohen, weil er viel zu gerne sitzt, weil es ihm reicht, im Kopf zu verschwinden. So wie jetzt.
Keller spürt, dass er an einem Ort ist, an dem keine Sorgen existieren, als könnte man sie im Eingang des Shopping-Centers einfach in ein Schließfach sperren und niemand würde einen je daran erinnern, dass man sie dort wieder abholen soll. Wie ein großer, offener Farbeimer steht das Einkaufszentrum in dem Viertel. Es hat genug frische Farbe für alle Wohnblocks drumherum gespeichert und jeder Besucher ist wie ein Pinselstrich, der den Stadtteil bunter macht. Keller sieht viele Besucher. Viel Farbe. Er ist in einem klimatisierten Naherholungsgebiet, das für jeden offen ist.
Lizzy und Mira waren hier fast jeden Tag unterwegs. Hier war ihre Bühne. Keller weiß nicht viel über sie, nur ein wichtiges Detail hat er von Mira erfahren. Er kennt ihren Lieblingsort: den Strand von Langwasser. So nennen die beiden den kleinen Brunnen am Heinrich-Böll-Platz. Eigentlich wollte Keller Mira dort treffen, aber sie will den Ort lieber meiden. Der Kommissar wird ihr jetzt vorschlagen, gemeinsam dort hin zu gehen, wenn sie endlich kommt. Keller spürt, dass ihn jemand im Vorbeigehen streift. Er sieht auf und erschrickt. Er holt sein Handy aus der Tasche und tippt hastig drauf herum. Jetzt hat er das Bild. Lizzy. Er erhascht nur einen kurzen Blick, aber die Ähnlichkeit macht ihn unruhig. Ist Lizzy wirklich hier drin unterwegs?
Keller steht nervös auf. Er sieht auf die Uhr. Mira ist Zwanzig Minuten zu spät. Das Mädchen, das wie Lizzy aussieht, geht zur Tür, die aus dem Franken-Center führt. Das kann doch nicht sein, denkt Keller. Jetzt hört er einen Schrei. Keller dreht sich um. Ein Mann rennt genau auf ihn zu. Der Mann flieht, panisch und blind. Er stürmt einfach keuchend weiter. Immer passiert alles gleichzeitig, denkt der Kommissar. Was soll ich tun?

JETZT LIEGT ES AN DIR WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT:

Wenn Kommissar Keller

- den Mann überwältigen soll, dann drücke den Umarmung-Smiley
- Inkognito bleiben und auf Mira warten soll, dann drücke den Haha-Smiley
- «Lizzy» verfolgen soll, dann drücke den Wow-Smiley

Die Abstimmung funktioniert nur über den original Facebook-Post vom Gemeinschaftshaus Langwasser und läuft bis Montag, den 7.12. um 9:00 Uhr, der zweite Teil der Geschichte wird am Donnerstag, den 10.12. veröffentlicht.
Am Besten ist, ihr liked die Facebookpage und verpasst keine Abstimmung!


Teil 2. Verfasst von Anja Gmeinwieser

Der Mann rempelt im Rennen das Mädchen, das Lizzy sein könnte, an. Er scheint das nicht mal wahrzunehmen, es scheint ihn nicht mal aus dem Schritt zu bringen, während sie mit irritierter Geste über ihre Schulter streicht.
Keller lässt den fliehenden Mann fliehen, wovor wird ohnehin nicht ersichtlich, und heftet sich an Lizzys Fersen. „Vielleicht-Lizzy“, verbessert er sich in Gedanken. Sie hat einen wippenden, blonden Pferdeschwanz, einen großen schwarzen Rucksack und einen Plastikbecher mit grünem Slusheis. Sie lässt den Strand links liegen, geht weiter, wird im Gehen von einem weiteren Mädchen abgepasst. Mira? Denkt Keller. Die beiden umarmen sich, unterhalten sich kurz Hand in Hand. Keller im Sicherheitsabstand. Eine ganze Menge Menschen genießt den frühen Nachmittag: Spaziergänger, die dem sonnigen Tag ihre Hunde und Kinder zeigen, Leute, die leuchtenden Herzens das Frankencenter ansteuern, Mittagspausengesichter. Keller beobachtet die Reaktion der Menschen auf sich selbst und die beiden jungen Frauen: Es gibt keine. Obwohl die drei das einzig statische im Gewusel sind, lösen sie keinerlei Irritation aus. Allein ein Kleinkind zeigt mit dem Zeigefinger auf Miras (Vielleicht-Miras) Piercings, aber dem Zeigefinger folgt kein erwachsener Blick. Bildet sich Keller das ein?
Keller denkt an sein Ausknipsen. Es ist eigentlich nur eine Veränderung des Fokus. Man sieht gleichzeitig alles, man hört gleichzeitig alles, man ist absolut wahrnehmend, kann deshalb nicht mehr wahrgenommen werden, man diffundiert, wird gasförmig, kann so vielleicht noch gerochen werden, aber Gerüche werden von unseren Gehirnen längst ignoriert.
Mira und Lizzy haken sich beieinander ein, gehen weiter. Keller folgt ihnen zur Minigolfanlage. Die Frau am Einlass reagiert nicht auf die Mädchen, sie laufen einfach an der Kasse vorbei. Als Keller dasselbe tun will, hört er die Frau, die sich nicht die Mühe macht, dabei von ihrer Zeitschrift aufzublicken, „vier Euro“ sagen. Er schnaubt, knittert einen Fünfer aus seiner Hosentasche, legt ihn auf den Tresen und folgt Lizzy und Mira in die Anlage. „Vielleicht-Lizzy und Vielleicht-Mira“, verbessert er sich. Er kennt den Minigolfplatz von einer Feier mit Kollegen, erinnert sich, dass Müller Minigolfspielen peinlich fand für Polizisten, und Ayden sich als deutscher Minigolfmeister geoutet hat. Woran er sich jedoch nicht erinnern kann: der Platz ist eine Art Themenpark für optische Täuschungen. „Das war beim letzten Mal noch nicht“, murmelt Keller. Sein Blick schweift zwischen unmöglichen Treppen, die sich um die Löcher winden, gemalte Abgründe, die einen in den Himmel zwischen Hochhäusern fallen zu lassen scheinen, in den Boden führende schwarzweiße Trichter. Ein Bild auf dem Boden sieht vom richtigen Winkel aus betrachtet genau aus wie der Strand von Langwasser mit seinen Fontänen. Keller wird ein wenig schummerig. Er kämpft sich durch die Anlage, da sieht er sie: Lizzy und Mira. Und auch dort: Lizzy und Mira. Und dort drüben: Lizzy und Mira. Graffitis? Keller massiert sich die Schläfen, dabei fällt ihm ein, dass er den Kaffee nicht bezahlt hat, vorhin, als wäre das gerade jetzt wichtig.
Dann nochmal: Lizzy und Mira. Vielleicht Lizzy, die gerade Spraydosen auf einer Tischtennisplatte in einer Reihe sortiert, vielleicht Mira, die leise auf sie einredet. „Mich haben schon die Bullen angerufen.“ sagt sie gerade. Keller hasst es, „Bulle“ genannt zu werden. „Und einer will mich treffen. Wegen dir.“ Lizzy verdreht die Augen. Und sieht ihn, den unsichtbaren Kommissar. Sie wirft sich in eine Selbstbewusstseinspose, verschränkt die Arme, ruft ihm zu: „Hier wird gerade frisch gestrichen. Sie können an den Bahnen weiter vorne spielen.“ Mira dreht sich um, ihn trifft der geringschätzige Blick der Jugend. Keller räuspert sich. „Elizaveta Bergmann?“ fragt er. „Und Sie werden Mira Walden sein.“ Schweigen, Schreck in den Augen. „Ich bin der Bulle, der Sie treffen wollte.“, sagt er zu Mira. „Ihretwegen.“ Er macht eine Geste mit der Hand zu Lizzy. „Aber wie es aussieht, sind Sie wohl gar nicht so sehr verschwunden. Ihre Eltern machen sich aber ziemliche Sorgen.“ Er versucht, ein väterliches Gesicht zu machen. Lizzy lässt ihren Finger immer wieder über eine Spraydosendüse klicken. Mira blickt hektisch zwischen ihr und Keller hin und her. Sie schweigen. Keller merkt, dass ihm der väterliche Gesichtsausdruck langsam entgleist, er versucht, ihn wieder gerade zu rücken. Das Schweigen legt sich auf alles, wie eine dicke Schicht Staub. Schließlich atmet Lizzy einmal tief durch: „Ich bin wirklich verschwunden.“ sagt sie. „Und ich bleibe es auch noch eine Weile.“ Dann blickt sie Keller lange an und sagt: „Und sie sind doch ohnehin auch verschwunden, oder?“ Keller überläuft es heißkalt. Er unterdrückt den Drang, seinen Körper zu betasten, er findet sich lächerlich. Lizzy blickt ihn an, Keller kann den Blick nicht deuten. Dann fasst sie ihn am Handgelenk, zieht ihn in eine Richtung, sagt „Kommen Sie.“
Keller trottet widerstrebend mit. Sie laufen über einen Abgrund, der gar nicht nach Abgrund aussieht, wenn man darüber läuft, einer der Tunnel dagegen scheint Keller ein tatsächlicher Tunnel zu sein.
„Was soll das?“ fragt er.
„Ich will ihnen etwas zeigen.“

JETZT LIEGT ES AN DIR WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT:

Wenn

- die Graffitis von Lizzy und Mira doch keine Graffitis, sondern auch Lizzy und Mira als echte Personen sind, dann drücke den Umarmung-Smiley
- eine der optischen Täuschungen ein echter Tunnel in das Langwasser unterhalb Langwassers sein soll, dann drücke den Haha-Smiley
- Lizzy dem Kommissar den Treffpunkt der Sprayerszene Langwassers zeigt, die weltweit bekannt ist, außer in Nürnberg (dort steht sie nur auf der Feindesliste der Stadtverwaltung), dann drücke den Wow-Smiley

Die Abstimmung läuft bis Montag, den 14.12. um 9:00 Uhr, der dritte Teil der Geschichte wird am Donnerstag, den 17.12. veröffentlicht.


Teil 3. Verfasst von Len Korvin

Keller ist eigentlich niemand, den man einfach so wie ein kleines Kind an der Hand nehmen kann, aber irgendwie fühlt es sich natürlich an. Gerade so, als überträgt sich Lizzys traurige Ruhe auf ihn, seit sie ihn berührt hat und er folgt ihr einfach.
„Vielleicht habe ich mich auch getäuscht…”, sagt sie im Gehen, „... vielleicht sind Sie noch in einer Übergangsphase und noch gar nicht bereit. Aber das merken wir gleich.” Und dann sieht Keller, wie das Mädchen vor seinen Augen die Mauer vor ihnen durchschreitet und den Tunnel dahinter betritt. Wie in Zeitlupe sieht er ihren nach hinten ausgestreckten Arm die Grenze passieren, der ihn wie an einer Leine mit auf die Wand zuzieht. Eigentlich hätte er spätesten jetzt in Panik ausbrechen und sich losreißen müssen. Aber eine geradezu epochale Wurschtigkeit überkommt ihn. Keller lässt es geschehen.
„Lizzy!” Mira ist die Einzige, die mit dem, was passiert, irgendwie nicht einverstanden zu sein scheint. Und dann durchbrechen auch seine Finger die Sphäre. Es fühlt sich kühl an, aber darüber hinaus spürt er nichts Ungewöhnliches. Jetzt taucht er ganz ein, schließt erst seine Augen, um sie dann einen Schritt später wieder zu öffnen. Dahinter ist alles dunkel. Lizzy dreht sich zu ihm um: „Dann wohl doch nicht, Sie sind voll weg.” Und auch Mira folgt ihnen mit hinüber. „Dein Ernst, Lizzy?” Aber die antwortet ihrer Freundin nicht.
„Was ist das hier?”, fragt Keller, während er dem Mädchen tiefer ins Dunkel folgt.
Aber darauf bekommt er nur eine Gegenfrage: „Drehen Sie sich mal um?” Keller tut es, aber da ist nur ein Bogen aus grellem Licht, durch den er nicht hindurchsehen kann.
„Wollen Sie lieber wieder zurück? Das können Sie noch, kein Problem.”
Keller sieht wieder nach vorne zu Lizzy und dann umher, wo es aber nichts als tiefes Schwarz zu sehen gibt. Obwohl er hier fremd ist, fühlt er sich geborgen.
„Nein.”
„Dann sind Sie hier richtig. Kommen Sie!” Sie lässt ihn los und beginnt schneller den gepflasterten Weg entlang zu gehen, der erst noch etwas geradeaus, bald aber in geschwungenen Windungen Treppenstufen hinab führt.
„Wo sind wir hier?”, versucht er es wieder.
„Sie erkennen es nicht wieder? Ich bin mir sicher, Sie sind schon mal hier gewesen. Es würde mich jedenfalls sehr wundern, wenn nicht.” Dann macht der Weg eine Biegung und sie durchschreiten eine Pforte. Dahinter liegt ein riesiges Gewölbe, mit ovalem Grundriss auf dessen Boden sie sich gerade bewegen. Rings um sie ragen geschwungene Stockwerke empor, deren verzierte Geländer zum freien, ovalen Mittelteil zeigen, ein bisschen wie beim Globe Theatre. Keller hatte so einen Ort noch nie gesehen und etwas stimmt auch mit dem Licht nicht. Obwohl alles dunkel ist und es keine Lichtquelle gibt, kann er doch alle Umrisse genau erkennen.
„Okay, das ist ziemlich beeindruckend.” Das muss er ihnen lassen.
„Pah, Sie sollten das hier mal erleben, wenn was los ist”, lacht Mira hinter ihm.
Genau in der Mitte des Raumes, im Zentrum der ovalen Bodenfläche, bleibt Lizzy stehen, dreht sich um und sieht ihn an. Etwas in ihrem Blick hat sich verändert, er ist jetzt stark und herausfordernd.
„Wo sind wir hier?”
„Aber das wissen Sie doch schon längst.” Und Lizzy lächelt. „Es ist gut, dass wir wieder hierher können. Das war eine ganze Weile nicht möglich, wissen Sie?”
Aber Keller hat keine Ahnung, wovon sie spricht.
„Wieso das?”
„Na, weil der erste Eingang weg war”, klärt Mira ihn auf. „Eigentlich kam man auf einem anderen Weg hierher, über die Brücke, aber die haben sie abgerissen. Wegen diesem Fernsehteam und dem ganzen Tamtam.“
„Welche Brücke?”
„Die Brücke ohne Boden”, antwortet Lizzy. „Zugegeben, wir hätten uns etwas mehr Mühe geben können, sie zu schützen. Die ganze Leier, dass da einfach jahrelang eine Fußgängerbrücke sinnlos und ohne Boden rumsteht, die nur nicht abgerissen werden kann, weil das zu teuer ist… Die Nummer war schon ziemlich dünn. Ich meine, das war echt nicht sehr glaubwürdig. Und dann kamen auch noch die Fernsehleute und haben sich auf die Geschichte gestürzt.” Bei Keller klingelt etwas, vor ein paar Jahren hatte er tatsächlich davon gelesen. „Als feststand, dass sie sie abreißen würden, mussten wir uns was überlegen”, steigt Mira wieder mit ein. „Und dann kamen wir auf die Idee mit der Kunst. Kommen Sie mit, ich will Ihnen noch was zeigen.” Kellers Kopf fühlt sich inzwischen an, als hätte jemand ein Wespennest darin angestochen. „Welche Kunst denn? Ach, ihr meint das Gemale?”
„Gemale?” Gerade, als er das Gefühl hat, eine Verbindung aufzubauen, droht die Stimmung zu kippen.
„Na gut, Sprühereien. Sprühkunst. Wie auch immer.”
„Für Sie ist das alles nur Geschmiere”, sagt Lizzy wütend.
„Nein, das hab ich doch nicht gesagt.”
„Aber gedacht. Wow, Sie sind echt…”
„...alt”, vollendet Mira Lizzys Satz, „und verstockt.”
„Okay, tut mir Leid, fangen wir neu an.” Aber das “alt” hat auch ihn getroffen.
„Und nur zu eurer Information: Ich bin vielleicht keine 16 mehr, aber ich bin durchaus bewandert in alternativen Kunstformen.” Oh, das klingt nicht locker, merkt er selbst.
„Ach ja? Nennen Sie mir einen Streetart-Künstler.”
Als sich seine Lippen zu einem triumphalen Lächeln spitzen und er antworten will, legt Lizzy nochmal nach: „Und sagen sie jetzt nicht Banksy!”
Verdammt!
Okay, komm schon, ihr wart in New York, und Agnes wollte unbedingt diese Guided Tour machen. Da gabs diese Audrey Hepburn in tausend Farben an einem Restaurant in Little Italy, und der Tourguide hat den Namen gesagt.”
Die Pause ist jetzt schon so lang, dass man sie nur mit viel Wohlwollen noch als dramatisch durchgehen lassen kann.
Trin-Trinidad-... „Tristan Eaton!”, entfährt es Keller erleichtert, woraufhin er aber umgehend seinen theatralisch empor gehobenen Zeigefinger wieder runter nimmt, weil die Geste ihm selbst etwas überzogen vorkommt. “Hm”, macht Lizzy und nickt anerkennend. Mira nuschelt zwar: „Auch bisschen kommerziell, der Mann, aber na gut.” Trotzdem hat er das Gefühl, den Test bestanden zu haben. Jedenfalls dreht Lizzy sich danach wieder um und setzt zum Gehen an, und Mira überholt Keller, während er immer wieder innehält und sich ungläubig umsieht.

Und mit etwas Abstand zu Keller gehen die beiden Mädchen vorneweg, und ohne, dass er es hören kann, fragt Mira: „Verdammt, Lizzy, du weißt schon, was das jetzt bedeutet, oder? Wir können ihn nicht mehr einfach gehen lassen.” Aber Mira antwortet nicht darauf, sondern wird immer schneller und energischer in ihrem Gang. “Kommen Sie, folgen Sie mir einfach!”

JETZT LIEGT ES AN DIR WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT:

- Auf einmal rennen die beiden Mädchen wie auf ein geheimes Zeichen hin los und hängen Keller ab, der sich nun in einem unterirdischen Labyrinth unter Langwasser zurechtfinden muss.

- Keller erkennt den Ort wieder, als den Rückzugsort seiner Kindheit. Lizzy nimmt ihn mit zum großen Versammlungsort und stellt ihn dem Rat vor, dessen Mitglieder sich teils als alte Bekannte von Keller herausstellen.

- Keller erkennt langsam, dass er sich nicht nur im übertragenen Sinn in einem Keller befindet, sondern tatsächlich in sich selbst und sich zu einer Reise in seinem Kopf aufgemacht hat.

Die Abstimmung funktioniert nur über den original Facebook-Post vom Gemeinschaftshaus Langwasser und läuft bis Montag, den 21.12. um 9:00 Uhr, der vierte Teil der Geschichte wird am Donnerstag, den 24.12. veröffentlicht.
Am Besten ist, ihr liked die Facebookpage und verpasst keine Abstimmung!


Teil 4. Verfasst von Lisa Neher

Anfangs bleibt Keller Ihnen dicht auf den Fersen, aber das Licht im Tunnel ist schwach und seine Kondition auch, verglichen mit der der jungen Frauen, die seine Töchter sein könnten. Nach nur wenigen Abzweigungen muss er anhalten, sich vornüber beugen und nach Luft schnappen. Überwältigt von einem Würgereiz, entledigt er sich des Filterkaffees von vorhin und schnappt schon in nächsten Sekunde wieder nach mehr Sauerstoff als seine Lungen aufnehmen wollen. „Lizzy!“, ruft er den leeren Gang entlang und „Mira!“, ein Husten erstickt ihren Namen zur Hälfte. Was zur Hölle soll er jetzt tun? „Alles ist besser als Stehenbleiben“, ermahnt er sich selbst „nie wieder stehen bleiben“, und geht intuitiv in irgendeine Richtung. Zum ersten Mal seit Stunden hat er Zeit zum Nachdenken und versucht zu sortieren, was da gerade passiert ist. Eine Brücke ohne Boden, eine Minigolfanlage, geheime Pforten und zwei Freundinnen deren Hobby es ist, Wände zu besprühen, wie geht das alles zusammen und wo verdammt nochmal befindet er sich hier? Wo sind die Mädchen? Waren sie überhaupt jemals real? „Lizzy! Mira!“ Ruft er nochmal, diesmal mit festerer Stimme, jetzt wo sein Atem zum richtigen Rhythmus zurückgefunden hat.
„Hier“, hört er eine Frau mechanisch sagen. Sie kann nur wenige Meter von ihm entfernt sein. Er macht ein paar eilige Schritte in ihre Richtung und sieht nun Lizzy, regungslos in der Mitte des Gangs vor ihm stehen. „Sag mal spinnt ihr? Ihr könntet auch etwas langsamer rennen, wenn ein alter Mann wie ich euch folgen soll“, keift Keller sie an und weiß nicht genau, ob er Wut oder Erleichterung empfinden soll. Ihre Augen sind direkt auf Ihn gerichtet und dunkler als zuvor. Ohne ein Wort dreht Lizzy sich um und geht erneut voraus. „Hör mal Elizaveta, du redest jetzt gefälligst mit mir“ - rauscht Keller sie von hinten an und fühlt sich, als hätte das Väterliche, das vorhin noch als taktischer Kniff gedacht war, ungute Züge angenommen. Aber sie geht unbeirrt ihres Weges, wie ferngesteuert. Jetzt erst fällt ihm auf, dass sich nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihr Aussehen verändert hat. Ihr Shirt ist an der linken Seite gerissen, sodass ihre Schulter fast ganz frei liegt, der Träger ihres BHs ist durchtrennt. Löcher in der sowieso schon abgegriffenen Jeans entblößen noch mehr nackte Haut. Etliche Strähnen hängen aus dem vorher noch so straff gebundenen Pferdeschwanz, der ihr nun mehr im Nacken hängt.
„Was ist passiert, wo ist Mira?“, drängt der Kommissar, der langsam keiner mehr sein möchte. Schon so oft hat er seinen Beruf angezweifelt, aber jetzt, wo er nicht mal mehr seiner eigenen Wahrnehmung trauen kann, wird er nach diesem Fall einfach alles an den Nagel hängen, das schwört er sich. Er fragt nochmal: „Wo ist Mira?“ Und Lizzy schnellt herum, faucht Keller direkt ins Gesicht, durchbohrt ihn mit weit aufgerissenen Augen in denen er weder Iris noch Pupillen ausmachen kann. Keller hat verstanden. Er soll die Klappe halten und mitkommen und das tut er nun auch, folgt seiner Wegweiserin mit ungutem Gefühl, während er eine Hand in seine halb offene Lederjacke schiebt, um nach dem Waffengurt an seiner Brust zu tasten. Als er heute Morgen das Präsidium verlassen hat, hätte er seine Dienstwaffe beinahe auf dem Schreibtisch liegen lassen, schließlich dachte er am Anfang des Arbeitstages noch, er sei auf dem Weg zu einem harmlosen Zeugengespräch. Plötzlich bleibt Lizzy stehen und Keller tut es ihr nach. Der Tunnel scheint hier ein Ende zu haben, denn vor ihnen liegt wieder eine Art Pforte. „Sie erkennen es nicht wieder? Ich bin mir sicher, Sie sind schon mal hier gewesen. Es würde mich jedenfalls sehr wundern, wenn nicht”, wiederholt Lizzy akribisch genau den Satz, den sie beim letzten Mal an exakt dieser Stelle gesagt hat. Die Worte klingen auswendig gelernt. Doch Lizzy fügt noch etwas neues hinzu: „Sie kennen sie, zumindest manche von ihnen.“
Keller hat keine Zeit sich zu wundern, durch den Torbogen betritt er den unterirdischen Saal. Jetzt, wo der meterhohe, balkonumsäumte Raum von mehreren provisorisch aufgestellten Baustrahlern erleuchtet wird, überkommt ihn ein Schwindel, der ihn komplett aus der Fassung bringt und er weiß nun ganz sicher: er war vor Jahren schon einmal hier. Sein Körper reagiert so heftig auf diese Szenerie – er zittert und schwitzt – dass es ihm schwer fällt den Fokus zu behalten und er zieht sich zurück in den Schatten einer Säule, um an ihr Halt zu finden. Dort, wo sich das synthetische Licht bündelt, im Zentrum des Ovals, hat sich eine Gruppe von Menschen versammelt. Sie sind unterschiedlichen Alters, manche alt, manche jung, doch alle sind adrett gekleidet, die Männer tragen Schlips oder Fliege, die wenigen Frauen unter ihnen Kostüm, einen Blazer farblich abgestimmt zum knielangen Rock. Ihre Stimmen überschlagen sich, sie diskutieren, aber Keller gelingt es nicht, herauszuhören worum sich der Streit dreht. Sie stehen im Kreis und versperren seine Sicht auf das, worum sie sich versammelt haben. Der Kommissar blickt ratlos zurück, sucht Lizzies Blick, um dort eine Antwort zu finden und schaut ins Schwarze. Dort wo die junge Frau bis eben noch stand, ist jetzt nichts als ein dunkler Tunnel zu sehen. Und wieder ist Elizaveta Bergmann das, was sie am Anfang des Tages war: Eine Vermisste.
Liegt sie da vorne inmitten der Unbekannten?
Der Kommissar reibt sich die Augen. Egal, in welchem Film er hier gelandet ist, es ist verdammt nochmal ein schlechter. Aber auch, wenn er kein Fan von kitschigen Blockbustern mit Happy End ist, so ist er doch jedes Mal irgendwie davon gekommen - Keller knipst sich aus.

Plötzlich steht er auf der anderen Seite des Raums. Die Gruppe in der Mitte befindet sich noch immer am selben Fleck und dennoch hat sich etwas verändert, ihr Kleidungsstil ist anders, die Frisuren auch und sie sind ruhig, kein Streit stört ihre Reihen. Ein, zwei Gesichter glaubt er aus der vorherigen Perspektive schon gesichtet zu haben, jedoch scheinen sie aus diesem Blickwinkel viel jünger zu sein. Keller ist nervös. will sich erneut seiner Waffe vergewissern, doch als er in seine Lederjacke greifen möchte, ist da keine. Weder eine Waffe, noch eine Lederjacke, unter der sie versteckt liegen kann. Er schaut an sich herab und sieht, dass er Kinderkleidung trägt. Viel mehr noch: Er IST ein Kind. Da erhebt sich eine Stimme aus drei Metern Höhe und alle Blicke wandern nach oben. Dort streift ein Mann am Geländer entlang, er wird um die fünfzig sein, trägt einen Trenchcoat und lichtes, zurückgekämmtes Haar. „Danke, dass ihr euch alle heute hier eingefunden habt, hier im Schoße der Hubmann Grube. Tief unter den Bewohnern Langwassers, die über uns umher wandeln, nichtsahnend und naiv!“ Die Gruppe applaudiert. „Hier an diesem geheimen Ort werden wir Operation“ —————
Kellers Hirn wird von einem grellen Kreischen überwältigt. Während die Gruppe unverändert ihrem Redner zuhört, krümmt sich das Kind, das Keller ist, unter dem Lärm, er hält sich die Ohren zu aber die Folter wird nicht schwächer und schließlich, wie eine Feder, die aus dem Getriebe springt, wird er aus der Erinnerung geworfen. Er steht wieder an seinem gewohnten Platz. Der
Blick auf seine Hände verrät ihm, dass er wieder im Körper eines Erwachsenen steckt und soeben schreitet ein uralter Mann mit Trenchcoat im dritten Stockwerk ans Geländer und setzt zur Rede an. Die Geschichte wiederholt sich. Keller hat dieses Ritual schon mal beobachtet, wenn er sich nur erinnern könnte. Wer sind diese Leute? Und was haben sie mit Mira und Lizzy gemacht? Er darf keine Zeit mehr verlieren, das ist die einzige Antwort, die er hat und zielsicher läuft er in den Lichtkegel eines Baustrahlers.

JETZT LIEGT ES AN DIR WIE DIE GESCHICHTE WEITERGEHT:

- Der Rat besteht aus skrupellosen Wissenschaftler*innen. Ihr Ziel ist es, eine spezielle Form der Zeitreise zu entwickeln, mit der man durch spezielle Portale, in die Vergangenheit reisen kann. Diese Eingänge sollen mithilfe von Street-Art kaschiert werden. Deshalb haben sie Mira und Lizzy in ihrer Gewalt.

- Der Rat besteht aus einer Literatur-Elite, die sich als die Erben von Heinrich Böll versteht. Sie verabscheuen jegliche Form von „Verunglimpfung des Worts“. Um dies zu verhindern, schrecken sie vor nichts zurück und das seit Generationen. Als „Wortschmiererei“ zählt das Graffiti zu einer der größten Gräueltaten überhaupt, deswegen haben sie es unter anderem auf Sprayer*innen abgesehen.

- Lizzy und Mira mussten schlichtweg für ihre Neugierde büßen. Auf der Suche nach einem aufregenden Spot zum Sprayen, sind sie versehentlich in die Versammlung eines Banditen-Netzwerks geplatzt, das seit Jahrzehnten organisierte Diebstähle von unterhalb des Franken-Centers koordiniert.


Die Abstimmung funktioniert nur über den original Facebook-Post vom Gemeinschaftshaus Langwasser und läuft bis Montag, den 4.1. um 9:00 Uhr, der fünfte Teil der Geschichte wird am Donnerstag, den 7.12. veröffentlicht.
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Teil 5 (letzter Teil). Verfasst von Felix Kaden

Das Licht blendet ihn und seine durch die Dunkelheit geöffneten Pupillen ziehen sich zu einem kleinen Punkt zusammen. Sein Kopf schmerzt und seine Ohren klingeln, wie bei einem Bombeneinschlag. Wieder in der Zeit zurückversetzt sieht er seinen Vater vor sich. Seine nackten Füße spüren den fransigen Teppich auf dem er immer spielte und ein Gefühl von zu Hause macht sich in seiner Magengrube breit. „Heute machen wir einen kleinen Ausflug. Du darfst sogar im Polizeiauto vorne sitzen.“ Ein erneuter Schmerzstich, der Keller die Augenlieder zusammenzwingt. Von der Kanzel skandiert der alte Mann: „Jede Hausbesetzung ist ein Angriff auf die braven bayrischen Bürger, auf unsere redselige Stadtgesellschafft. Morgen wird das KOMM geräumt.“ Alle schauen Kellers Papa auffordernd an. Es breitet sich eine kalte Kompromisslosigkeit im Raum aus und Keller dreht sich weg. Traurigkeit erfüllt seinen Körper und die nächste Szene flutet sein Mesencephalon. Er hört wie seine Mutter, die versucht ihre Wut unter Kontrolle zu halten, seinen Vater anschnaufte: „Warum gehst du immer wieder dahin“. „Du weißt, dass ich es nur für unsere Zukunft tue“, versucht Kellers Vater sie zu beruhigen. Türen knallen. Wieder ein Sprung – Keller knallt die Tür zu und dreht Bon Jovi laut auf. Die Platte haben er und sein Vater immer nach der Sportschau vorm Einschlafen gehört. In seiner Hand hält er das Bestätigungsschreiben der Polizeiakademie. Ein kleines Wunder für Ihn da der qualifizierte Hauptschulabschluss mit seinem Notenschnitt ein Ausschlusskriterium wäre.
Als die Blendflecken langsam verschwinden, löst sich auch seine Schockstarre. Die Anwesenden murmeln leise.
Keller bewegt seine Hand koordiniert zu seinem Holster. Er schaut zur Kanzel hinauf. Auf ihr steht niemand geringeres als Medmud Stüdiger Roiber, Bayerns Exminister und neben ihm nicht weniger Prominent Samus Kröder. Im Raum erblickt er beim weiteren umschauen noch andere Persönlichkeiten, die zu diesem auserlesenen Zirkel gehören. Im Zwielicht an eine Säule gelehnt: Nele Haurillij, die frisch ernannte Kulturbürgermeisterin. Am Buffet tut sich der Bürgermeister Gimak Krönus an Hähnchenspießchen laben. Die weiteren Gesichter vermag Keller, außer Ufrich Luchs, den er im Zusammenhang mit einem Fernsehbericht zur Kulturhauptstadtbewerbung gesehen hatte, nicht zu erkennen. Keller versteht, dass sein Vater und jetzt auch er in eine größere Sache, als ein einfacher Vermisstenfall, verwickelt waren. Warum war er so dumm gewesen, den Frauen alleine zu folgen und ihnen zu vertrauen und auch noch die wichtigste Regel - Verstärkung zu rufen - zu missachten. Jetzt war es zu spät, denn hier unten hatte eine Übertragung per UKW keine Chance. Niemand scheint sich daran zu stören, dass er hier ist, was diesmal jedoch nicht an seiner Ausknipsgabe lag, er stand ja mitten im Licht und wollte gesehen werden, als ihm aus seinem Rücken eine bekannte Stimme anspricht: Polizeipräsident Norman Terfinger, sein Vater.
„Mein Sohn, schön, dass du hier bist.“ Keller dreht sich um und zieht aus Reflex die Pistole, entsichert seine P7 mit einem hallenden Echo und richtet sie auf seinen Vater. Seine Hand zittert leicht. „Was soll das Ganze hier?“
Von der Kanzel bellt Kröder: „Bringen sie Herrn Keller zur Ruhe, das geht sonst auf Ihre Verantwortung“. Terfinger wusste, dass seine Karriere von Kröders Gutwillen abhing. Trotzdem ging er dieses Risiko ein in Ungnade zu fallen.
Kellers Vater streckt behutsam die Arme aus. „Senk die Waffe, Konrad, und ich erkläre dir alles“
Keller nimmt zaghaft seine Pistole runter und sein Vater führt ihn zum Buffet. „Hunger?“ -
„Nein Danke“. Keller musste an den zuvor erbrochenen Kaffee denken und nimmt sich ein Glas Wasser, um den Geschmack wegzuspülen.
„Diese Menschen hier haben mir Großes ermöglicht und können auch dir eine Chance bieten. Als es mit mir und deiner Mutter zu Ende ging, habe ich ihr versprochen, dass ich dich niemals mehr mit hierher nehme. Dafür durfte ich dich immerhin jede zweite Woche sehen. Doch jetzt brauchen wir deine Fähigkeiten. Junge, ich will dich von der Straße holen. Willst du noch 20 Jahre als Straßenpolizist weitermachen? Das hält niemand in unserem Gewerbe durch.“
„Was ist mit Lizzy und Mira?“ - „Was soll schon mit denen sein? Mittel zum Zweck. Wir haben Ihre Schmierer-Kollegen in U-Haft und du weißt, was das bedeutet. Die Mädels erweisen uns den ein oder anderen Dienst und dafür geht’s ihren Freunden bei unseren Kollegen hervorragend. Und wie die aussehen, glaubt denen eh niemand“
Im Hintergrund hat Roiber eine Rede begonnen. Über die Reinheit der bayrischen Sprache, wie wichtig die konservativen Werte gerade im Bereich Kultur und Tourismus sind, um den Menschen das zu bieten was sie erwarten. Es wird skandiert „Kunst in Nürnberg das san mia. Bratwurst, Oper und Starkbier.“
Keller schluckt. Ist er wirklich in einen dieser schlechten Blogbuster geraten, die er so verabscheut. Kulturgeheimbund und alle stecken mit drin, dass würde sich nicht mal als schlechter Groschenroman verkaufen, geschweige denn, würde ihm irgendwer glauben. Dass die Wirtschaftslobby keinen Hehl daraus macht, Einfluss auf die Politik zu nehmen, geschenkt, aber auch die Kultur? Er entschließt sich erstmal mitzuspielen und die Lage weiter zu sondieren.
Sein Vater fährt fort: „Durch ausgiebige Befragung hat sich ergeben das diese Kriminellen eine sogenannte Kunstaktion auf dem Reichparteitagsgelände vorhaben. Dieser Vandalismus soll nicht geduldet werden und hier kommst du ins Spiel: Wir brauchen einen Maulwurf, jemand, der sich anpassen kann, wie du.“
Die Rede von Roiber wird intensiver: „Dieses sogenannte Regenbogenpräludium wird ein Afterludium haben.“ Hier hatte Roiber eine Pause eingebaut. Keiner lacht. Nur ein unterdrücktes Husten ist zu hören. Er fährt fort: „Wir werden Nürnberg nicht an irgendwelche freie Kunstheinis verlieren. Ich appelliere an euch, besonders an euch: Nele, Samus und Gimak. Das ist eure Stadt und wir lassen nicht zu, dass relevante Kulturprozesse sich von unten aus der Bevölkerung entwickeln. Wir sama die, die bestimman, wos langgeht und wer hia die Kohle einsteckt. Er skandiert wieder „Kunst in Nürnberg das san mia. Bratwurst, Oper und Starkbier.“ Der Raum steigt ein und es mündet in Applaus.
„Wir wollen uns auch nochmal herzlich mit dieser Kleinigkeit“, Roiber holt einen Koffer unter dem Podest vor“, bei Ufrich Luchs bedanken, der heute hier zu Gast ist. Er hat uns nochmal mit Ausdruck versichert, dass die Bewerbung in Nürnberg keiner Gefahr ausgesetzt ist und Chemnitz von innen einen kleinen Schubs auf die Auswechselbank bekommen hat. Alle applaudieren nochmal. Roiber gibt Luchs einen Bruderkuss russischer Art. „Herr Luchs muss sich auch leider wieder verabschieden“. Ein kleiner Abgangsapplaus und eine Jazzcombo beginnt zu spielen. Es wird gesprochen, einzeln auch mal gelacht.
„Diese ganze Korruption, diese Menschen hier, ihr nehmt Sprayer als Geiseln, ich kann das nicht fassen“. „Wie hast du gedacht das der Laden läuft, wir schnappen ein paar böse Buben? So einfach ist das leider nicht.“ Die Bewunderung, die er für das Lebenswerk seines Vaters empfunden hatte, wich der Abscheu. Für Keller war es so einfach und für ihn liefen die letzten 35 Jahre Dienstzeit genauso ab. Er wusste, dass er mit seiner Arbeit keine komplette Gerechtigkeit schaffen konnte, aber hatte Prinzipien und im Inneren brannte der kleine Funke, dass er das Leben der Menschen ein bisschen besser machte, vielleicht sogar ein bisschen die Welt. Bei jedem seiner Fälle, schwor er sich, das sei der letzte und dass er dann irgendeinen ruhigen Beamteninnendienstjob antreten würde, aber er konnte nicht aufhören. Und so war es auch hier: Er wusste, dass er gegen diese geballte Ladung Macht, die hier anwesend war, eingeschlossen seines Vaters, nichts machen konnte, aber vielleicht konnte er ihnen wenigstens die Suppe versalzen und auch, wenn er selber etwas gegen Schmierereien hatte, wusste er, dass heute die bösen Buben nicht an der Spraydose waren.
„Ok, ich mach´s, aber ich will Lizzy und Mira dabeihaben. Zwei bekannte Gesichter aus der Szene können nicht Schaden“. Wiederwillig lässt sich Terfinger auf den Kompromiss ein und klärt Keller über den Einsatz auf.

JETZT LIEGT ES AN DIR WIE DIE GESCHICHTE ENDET:

Ende 1:
Keller ignoriert die Befehle seines Vaters, das Regenbogenpräludium zu verhindern und befreit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion die Künstlerfreunde von Lizzy und Mira. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt und so werden die Flüchtigen von Kellers Vater gefunden und es kommt zum Showdown am Strand vom Langwasser. Doch in den Winkeln von Langwasser sind die Sprayer die Könige und überwältigen die Polizisten, die mit dem Zirkel zusammenarbeiten.
Auf den Uniformen prangert ACAB. Ein Bild für die Bild. Terfinger wird als Polizeipräsident abgesetzt und Keller suspendiert. Doch persönlich nahm er diese Degradierung nicht entgegen. Außerdem wird nach ihm, aufgrund Mithilfe der Denkmalbeschädigung und Beihilfe zur Flucht ermittelt. Ob er Teil der Künstlerbewegung wurde oder einfach irgendwo ein ganz normales Leben führt, entzieht sich der
Kenntnis der Öffentlichkeit. Ein letztes Lebenszeichen von ihm bleibt: Ein Brief an die Süddeutsche, die daraufhin einen Artikel veröffentlicht, auf den die Kulturwelt vielleicht sagt „Hab ich mir eh gedacht“, der trotzdem in seiner Brisanz die Kunstszene ein kleines bisschen besser machen könnte.

Ende 2:
Einmal würde sein Vater stolz auf ihn sein. Keller zwingt, trotz seines inneren Zwiespalts, die beiden Frauen, ihn in die Aktion einzuschleusen und so leiteten diese ihn, in Sorge was Terfinger ihnen und ihren Freunden dank rechter Strukturen, dem neuen Polizeischutzgesetz und dem Kampf um den besseren Posten antun konnten, zum Reichsparteitagsgelände. Lizzy und Mira wurden herzlich empfangen. Er wurde einfach nur der Neue genannt. Die ersten drei Streifen des Regenbogens wurden schon angebracht. Gelb, Orange und Rot erkennt er im Licht seiner Taschenlampe. Auf frischer Tat ertappt. Keller zog seine Waffe und befahl „Hände hoch und keiner bewegt sich und alle langsam auf die Knie“. Einer der Künstler rannte los und Keller warnt, er würde schießen. Seiner Pflicht bewusst, drückte er den Abzug. Die Kugel durchtrennt das Fleisch, die Muskeln und Nerven im Oberschenkel des Flüchtigen. Nun würde dieser nicht nur mit einer 3-Jahres-Haftstrafe, die wegen Cannabisbesitz auf Bewährung ausgesetzt war, sondern auch mit einer Verletzung, die lebenslangen Narben hinterlässt, bestraft werden. Das Rot des Präludiums vermischt sich mit dem Rot des Künstlerblutes. Ein einzigartiges Kunstwerk. Das Rot, dass bleibt, nachdem die Kärcher die Farbe noch in dieser Nacht löschten. Mit diesem Blut unterzeichnete Keller seine Versetzung als Stellvertreter seines Vaters.


DANKESCHÖN

Der Strand von Langwasser wird präsentiert vom Gemeinschaftshaus Langwasser und seinem Projekt #LNGWSSR in Zusammenarbeit mit dem curt magazin.
Das Projekt #LNGWSSR wird gefördert über das Modellprogramm „Utopolis – Soziokultur im Quartier“ im Rahmen der ressortübergreifenden Strategie Soziale Stadt „Nachbarschaften stärken, Miteinander im Quartier“ des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat und der Beauftragten für Kultur und Medien.

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