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Publikation lässt die Stadtbibliothek als Kunst- und Wunderkammer wiedererstehen

Über Jahrhunderte hinweg sind Kunstwerke, naturhistorische Objekte, wissenschaftliche Instrumente oder ethnographische Zeugnisse fremder Kulturen mit den Büchern aufbewahrt worden.

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Wunderkammer im Wissensraum. Die Memorabilien der Stadtbibliothek Nürnberg im Kontext städtischer Sammlungskulturen, hrsg. von Christine Sauer - Beiträge zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg 27, Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2021. VIII, 198 Seiten, 83 Abbildungen.

Verkauf an der Rezeption der Stadtbibliothek Zentrum für 24,00 Euro

Sammeln und das Besuchen von Sammlungen als eine Form der Wissensvermittlung

Das Sammeln und das Besuchen von Sammlungen war in den Jahrhunderten zwischen 1500 und 1800 eine Form der Wissensvermittlung, an der sich Vertreter und Vertreterinnen der gebildeten Gesellschaftsschichten beteiligten. Kunst- und Naturalienkabinette bei Hof, in Bürger- und Gelehrtenhäusern waren nicht nur die Urform der heutigen Museen, sie waren Begegnungsstätten und Laboratorien, die Wissen archivierten und generierten. Selbstverständlich partizipierte auch Nürnberg an dieser Sammlungskultur und war in das Netzwerk der Sammler, Händler, Experten und Besucher eingebunden. Die Reichsstadt wies sogar einen zusätzlichen, bisher kaum erforschten Sammlungstyp auf: Im Auftrag des Rats entstanden öffentliche Sammlungen, darunter als prominentester Vertreter die seit 1538/43 im ehemaligen Dominikanerkloster direkt neben dem Rathaus untergebrachte Stadtbibliothek. Erweitert um Pretiosen, Kuriositäten aus Übersee, Naturalien und Präzisionsgeräte zählte die hybride Bibliothek mit ihren multimedialen Beständen im 17. und 18. Jahrhundert in doppeltem Sinn als Attraktion, wie der Hamburger Kaufmann Caspar Friedrich Jenquel 1727 in seinem Handbuch für Sammler darlegt. Im der „Museographia“ angehängten Ortskatalog mit besuchenswerten Sammlungen führt er zu Nürnberg aus: „Man hält diese Stadt für das Centrum von Teutschland und Europa. Die Denckwürdigkeiten dieser Stadt betreffend, so findet man in dem Prediger-Kloster eine vortreffliche Bibliothec, die man über 20000 Bücher starck schätzet. … Auf dieser Bibliothec werden viele Curiosa gezeiget.“

Die Aufsatzsammlung „Wunderkammer im Wissensraum“

In dem neu erschienenen Band „Wunderkammer im Wissensraum“ bieten mehrere Beiträge den Kontext für eine Aufarbeitung der Stadtbibliothek in ihrer Funktion als Museum: Claudia Valter (Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg) charakterisiert den Zuschnitt ausgewählter Privatsammlungen im Nürnberg des 18. Jahrhunderts; Elke Valentin (Stuttgart) weist erstmals auf Präsentationen von Meisterstücken in unterschiedlichen Umfeldern durch den Rat der Stadt Nürnberg hin; Eva Dolezel (Staatliche Museen zu Berlin) begibt sich auf Spurensuche zur Existenz und Bedeutung hybrider, aus Büchern und Objekten bestehender Sammlungen.

Vor diesem Hintergrund versucht Christine Sauer (Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg) anhand von historischen Schrift- und Bildquellen eine Rekonstruktion der Sammlung in der Stadtbibliothek und eine Identifikation der heute noch im Germanischen Nationalmuseum und bei den Museen der Stadt Nürnberg erhaltenen Originale. Eine im Wesentlichen auf den 1576 verstorbenen Anatomen und Mediziner Volcher Coiter zurückgehende Sammlung von Tier- und Menschenskeletten wurde wahrscheinlich in den späten 1620er Jahren in einem Schrank deponiert, der sich im Regal mit den medizinischen Buchbeständen befand. Bei den Präparaten sind vier Antiquitäten – zwei Öllampen und zwei Gefäße in rotfiguriger Vasenmalerei – sowie ein ständig wechselnder Bestand an Wachs- und Holzmodellen von Blasensteinen aufbewahrt worden.

Als Pendant zum Naturalienschrank entstand 1675 ein ebensolches Möbel, das die gerade von der Familie Ayrer angekaufte Sammlung an astronomischen und mathematischen Prachtinstrumenten aufnahm, darunter auf Johannes Regiomontanus zurückgehende Gerätschaften. In der Galerie mit den theologischen Beständen konfrontierte man durch die gemeinsame Präsentation in einem verschließbaren Fach drei heterogene kunsthandwerkliche Objekte: In Dialog zueinander traten eine Reformationsmemorabilie, nämlich ein von Martin Luther 1543 verschenktes Trinkglas; ein aus der Neuen Welt importiertes Ethnographicum, nämlich eine als Vitzliputzli bekannte, angebliche Darstellung des aztekischen Sonnengottes, sowie ein von Christian Heyden 1552 in Nürnberg angefertigtes wissenschaftliches Multifunktionsgerät.

Die Schenkungen des 18. Jahrhunderts konzentrierten sich auf Objekte mit Bezug zu Nürnberg. Dazu zählten etwa der Stamm einer Aloe, die 1726 im Volkamerschen Garten in Gostenhof zum Blühen gebracht worden war, ein Meistersingerschrein oder die Porträts bedeutender Persönlichkeiten. Die Sammlung von zuletzt rund 170 Merk- und Denkwürdigkeiten wurde im 17. und 18. Jahrhundert mehrmals beschrieben, abgebildet, besichtigt und für wissenschaftliche Publikationen genutzt.

Im 19. Jahrhundert begann dann die Herauslösung aus der Bibliothek durch Aufteilung auf die neu gegründeten Museen. Der letzte Aufsatz von Sarah Wagner (Humboldt-Universität zu Berlin) behandelt folgerichtig die Wiederentdeckung des Wunderkammerprinzips in der zeitgenössischen Museumspraxis.

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