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„Es gibt so viel gute Musik, die auf die Bühne sollte“

Charly Fischer und Rainer Pirzkall

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Kennen das Bardentreffen wie kaum ein anderer: Charly Fischer und Rainer Pirzkall (v. l.)

Vom 30. Juli bis 2. August 2015 feiert das Bardentreffen sein 40. Bestehen.
Anlässlich dieses Jubiläums traf nuernberg.de Rainer Pirzkall, den Leiter des Festivals, und seinen Vorgänger Charly Fischer für ein Interview, um auf 40 Jahre Festivalgeschichte zurückzublicken.

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Wenn Sie das Bardentreffen einem Nicht-Nürnberger beschreiben sollten: Was ist das Besondere an diesem Festival?

Rainer Pirzkall

Im Grunde genommen ist das Bardentreffen die fünfte Jahreszeit für die Nürnberger. Es ist wie in Köln der Fasching, nur hat es mit Fasching nichts zu tun. Die Altstadt verwandelt sich in eine riesige Konzertbühne. Wir haben neun Bühnen im historischen Altstadtkern. Es kommen über 200.000 Besucher an drei Festivaltagen. Wir haben 400 Musiker aus allen Erdteilen der Welt, von allen Kontinenten. Dazwischen tummeln sich Hundertschaften von Straßenmusikern. Die Stimmung in der Stadt ist einfach unglaublich – das ist für mich Gänsehaut. Man hat das Gefühl, Nürnberg liegt an diesen drei Tagen irgendwo am Mittelmeer. Musik an allen Ecken und Enden – schöner kann es eigentlich kaum sein!

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Herr Fischer, was macht für Sie das Bardentreffen aus?

Charly Fischer

Sommer, Sonne, Musik. (lacht) Nein, für mich ist das Bardentreffen schon tiefergehend. In normalen Medien kommt Musik eigentlich kaum vor: Höchstens fünf Prozent der Musik, die produziert wird, wird auch bei uns im Radio gespielt. Die musikalische Vielfalt, dieses „Andere“, hat eigentlich erst die Weltmusik-Bewegung möglich gemacht. Wir wollen darauf hinweisen, dass Musik einen kulturellen Hintergrund hat und mehr als nur Soundkulisse ist.

Rainer Pirzkall

Ich glaube, die Besonderheit am Bardentreffen, verglichen mit anderen Festivals, liegt darin, dass wir das große Glück haben, keinen Mainstream bedienen zu müssen. Für uns steht die musikalische Qualität im Vordergrund. Wir versuchen zum Beispiel auch, einen Themenschwerpunkt zu beleuchten, der sich wie ein roter Faden durch das Festivalprogramm zieht.

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Jetzt feiert das Bardentreffen in diesem Jahr sein 40. Jubiläum. Wie kam es dazu, dass das Festival entstanden ist?

Charly Fischer

Man muss sich das so vorstellen: In den Siebzigern hat noch nichts auf der Straße stattgefunden, weder Telefonieren noch Essen noch Draußensitzen. Damit sich da was bewegt, war ein Ansatz, Kultur in die Stadt zu holen. 1976 war dann der 400. Todestag von Hans Sachs. Da hat man gesagt: Mensch, wir machen ein Stadtfest, das „Spiel mit Sachs“. Außerdem veranstaltete man noch ein Liedermacher-Festival, das Bardentreffen. Singer-Songwriting und Liedermacherei war damals hochaktuell, das kam aus dem Amerikanischen, über Donovan, über Dylan oder Simon & Garfunkel. Das Bardentreffen war dann so erfolgreich, dass man gesagt hat, man macht es im nächsten Jahr gleich wieder.

"Es bleibt spannend, wohin sich das Festival entwickelt."

Charly Fischer, Jahrgang 1954, prägte das Festival wie kein anderer. Der studierte Ethnomusikologe stand bereits beim ersten Bardentreffen als Zuschauer auf dem Tiergärtnertorplatz. Im Jahr 1990 übernahm er die Leitung des Festivals. Im letzten Jahr ging Fischer in Ruhestand.

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Wenn Sie jetzt das Festival vergleichen, von den Anfängen bis heute: Wie lässt sich die Entwicklung beschreiben?

Charly Fischer

Die verschiedenen Spielstätten waren schon damals über die Stadt verstreut, zum Beispiel an der Brautreppe hinterm Rathaus, am Köpfleinsberg. Aber die Hauptkonzerte fanden am Tiergärtnertorplatz statt. Wenn man vom Organisatorischen ausgeht, ist natürlich der Umzug vom Tiergärtnertorplatz in den Burggraben ein Höhepunkt in der Geschichte des Festivals. Und wie der Burggraben dann im Jahr 2000 wieder zu voll war, der Umzug auf den Hauptmarkt. Was schon interessant ist: Von 2.000 auf 200.000 Besucher ist ein echter Boost. Trotzdem gibt es damals wie heute durchaus noch den einzelnen Gitarristen, der vor Publikum spielt. Es sind also immer Teile erhalten geblieben.

Aber es kam auch Neues hinzu: Das Neue waren zum Beispiel andere Besetzungen, weil die Musiker statt alleine mit der Gitarre lieber mit einer Band auftreten wollten. Also kamen Schlagzeuge und E-Gitarren hinzu, und so weiter. Und es kamen andere Sprachen. Dadurch ist das Bardentreffen internationaler geworden. Auch das Publikum ist mittlerweile sehr, sehr bunt, was ich sehr gut finde, weil das einfach die Realität widerspiegelt. Es bleibt also spannend, wohin sich das Festival entwickelt.

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In welche Richtung entwickelt sich denn das Bardentreffen?

Rainer Pirzkall

Die Stadt Nürnberg besitzt mit dem Bardentreffen ein wertvolles Gut. Daher möchte ich gerne inhaltlich-stilistisch bei den Wurzeln bleiben: Das ist die Liedermacherei, das ist die Weltmusik. Aber das sind auch die modernen Weiterentwicklungen und Ausdifferenzierungen in die unterschiedlichen Grenzbereiche dieser Stilistik. Ich glaube, die größte Innovation in der Musik kommt zurzeit durch den Einfluss der elektronischen Musik. Und da passt sicherlich auch die Bühne im Kulturgarten ganz gut dazu, da passt auch das Publikum. Die Aufgabe besteht darin, das Alte zu bewahren, aber immer auch zu reflektieren, was innerhalb dieser Stilistik gerade Trend ist.

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Nach welchen Kriterien laden Sie die Künstler ein? Wie entsteht das Line-up?

Rainer Pirzkall

Da gibt’s eigentlich eine ganze Handvoll – nein, eigentlich sogar zwei Handvoll Kriterien. Es gibt drei Hauptkriterien: Zum einen soll es in einer möglichst breiten Bevölkerungsschicht funktionieren, es soll möglichst hochwertig sein und es soll bei freiem Eintritt stattfinden. Ein weiteres Kriterium ist dann die Frage: Wo ist der rote Faden bei den Künstlern? Passt die Band zum Themenschwerpunkt, den wir uns in diesem Jahr gesetzt haben? Bewegt sie sich innerhalb der Stilistik, die wir bedienen wollen? Man achtet darauf, dass für die Älteren etwas dabei ist. Und natürlich braucht man auch was für die Jungen. Außerdem ist es wichtig, die regionale Szene gut abzudecken. Und so strickt sich das Programm, Schritt für Schritt.

Charly Fischer

Wir spielen ja auch zum Beispiel keine Coverbands. Und wir haben immer versucht, auch unbekanntere Sachen abzudecken. Das ist auch der Ruf, den das Bardentreffen bei den Künstlern hat, die dann sagen: Das ist ein super Festival, da will ich unbedingt spielen. Aber auch umgekehrt wissen die Leute: Na gut, die Künstler kenne ich vielleicht nicht, aber es ist eigentlich immer was Interessantes beim Bardentreffen dabei.

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Wann beginnen denn die Planungen für das nächste Jahr?

Rainer Pirzkall

Bei uns läuft die Musik-Planung nach der Sommerpause an, ab Mitte September. Da legen wir das Thema für das nächste Jahr fest. Dann hört man drei Monate lang nur Musik. Im Winter geht es eher um die inhaltliche Arbeit, und wenn die abgeschlossen ist, geht es weiter mit den Ausschreibungen für Licht- und Tontechnik sowie Bühnenbauten. Im April und Mai konzentrieren wir uns auf das Programmheft und die Aktualisierung der Homepage. Wenn man kurz vor dem Festival steht, geht es um Themen wie Security, Catering oder Hotelbuchungen. Das sind ganz viele Felder, die im gesamten Festivaljahr zu bedienen sind. Und das macht es natürlich unglaublich spannend.

"Nürnberg liegt an diesen drei Tagen irgendwo am Mittelmeer."

Rainer Pirzkall, Jahrgang 1979, studierte Musikmanagement. Nach einem Praktikum beim Bardentreffen stieg er 2012 als Projektmanager in die Organisation des Festivals ein. Seit Ende 2014 ist Pirzkall nun der neue Leiter des Bardentreffens.

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Die Stabübergabe in der Festivalleitung war offiziell im letzten Jahr. Herr Pirzkall, Sie treten ein großes Erbe an. Welche eigenen Akzente versuchen Sie zu setzen?

Rainer Pirzkall

Na ja, eigentlich gibt es eine große Regel bei der Zusammenstellung des Programms: Du darfst nicht den Fehler begehen, ausschließlich die Musik zu buchen, die dir allein gefällt. Stattdessen musst du schauen, dass was für eine möglichst breite Bevölkerungsschicht dabei ist, ohne dabei den Charakter der Veranstaltung zu verändern. Aber auch bei allen guten Vorsätzen fließt immer ein Stück weit die persönliche Vorliebe mit ein. Das ist bei Charly der Folk oder der Blues gewesen. Ich dagegen bin großer Fan lateinamerikanischer und afroamerikanischer Musik. Das hat beim Bardentreffen bisher nie gefehlt, aber es kann schon sein, dass das jetzt ein bisschen stärker vertreten sein wird. Im letzten Jahr zum Beispiel hatten wir ein Hip-Hop-Konzert mit der US-Amerikanerin Akua Naru im Kulturgarten, da hat die Luft gebrannt. Aber das Bardentreffen soll das Bardentreffen bleiben.

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Das Bardentreffen feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Was ist zur Jubiläumsausgabe geplant?

Rainer Pirzkall

Das Thema heißt „40 Jahre Bardentreffen“ und wir leisten uns Wiederholungen. Normalerweise ist unsere Devise, wir wiederholen so wenig wie möglich, denn es gibt so viel gute Musik, die auf die Bühne gestellt werden sollte. Und wenn man immer nur wiederholt, haben die anderen ja nie eine Chance, jemals auf die Bühne zu kommen. (lacht) In diesem Jahr ist es anders, wir sagen: 40 Jahre – wir blicken mal zurück. Wer war denn da in den 70ern, in den 80ern, in den 90ern, in den 00ern? Das sind spannende Wiederholungen, angefangen mit Günter Stössel, dem fränkischen Mundartdichter, bis hin zu Los de Abajo aus Mexiko, die auch mal auf die Zwölf hauen. Da ist alles dabei, von inhaltlich tiefgehend bis „auch mal tanzen dürfen“, das muss auch erlaubt sein. (lacht)

Dann gibt es natürlich auch eine ganze Reihe an Sachen, die um dieses Musikangebot drum herum passieren. Wir bieten zum ersten Mal Künstlergespräche an. Da hat das Publikum die Möglichkeit, im Rahmen von 30-minütigen Gesprächen mehr über die Künstler zu erfahren. Dann gibt es eine riesige Fotoausstellung, die vor Kurzem im Stadtraum in Erscheinung getreten ist: An 120 Bushaltestellen sind 40 großformatige XXL-Bilder zu sehen. Die Fotos zeigen Szenen der letzten 40 Jahre Bardentreffen. Dann ist das Programmheft ungefähr ein Drittel dicker geworden als sonst. Wir haben uns schon Mühe gegeben, zum 40. neben dem vierten Festivaltag kleine Highlights zu setzen.

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Herr Pirzkall, auf welche Künstler freuen Sie sich persönlich in diesem Jahr besonders?

Rainer Pirzkall

Das ist tatsächlich gar nicht so einfach zu sagen, weil es einfach richtig viel gibt, was ich gerne sehen würde. Ich bin sehr gespannt auf Rainald Grebe auf dem Hauptmarkt. Ich bin natürlich auch sehr gespannt auf das Experiment mit Stephan Eicher und den Musikautomaten am Donnerstag, wie das funktioniert, wie es angenommen wird, wie es wirkt. Ich freue mich auch unglaublich auf Fanfare Ciocarlia, das Balkan-Funk-Urgestein. Die sind seit 20 Jahren auf Weltreise und liefern das Rohmaterial für DJs wie Shantel, die aus deren Musik wieder Samples basteln. Aber es gibt so viel Spannendes – ich weiß gar nicht, wo ich anfangen und wo ich aufhören soll! (lacht)

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Herr Fischer, dies ist Ihr erstes Bardentreffen, bei dem Sie offiziell in Ruhestand sind. Werden Sie hingehen?

Charly Fischer

Ja, ich werde da sein. Dieses Jahr werde ich mir zum Beispiel Gisela João anhören. Das Schöne ist: Ich kenne jeden, jeder kennt mich – und jetzt kann ich auch einfach mal bleiben und muss nicht weg oder gleich zur nächsten Bühne. (lacht)

Rainer Pirzkall

Da beneide ich dich, Charly! (lacht)

Interview: Christina Bleisteiner, Christina Schmid

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