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Eine Liebe fürs Leben

Auch wenn Emotionen im Stadion kochen: Fanbetreuer Jürgen Bergmann bewahrt einen kühlen Kopf. Aber manchmal muss er auch jemandem aufs Dach steigen.

„Ich bin Streetworker, Psychologe, Diplomat, Übersetzer, Anwalt, Reiseleiter, Kindergärtner und vieles mehr“, sagt Jürgen Bergmann. Kuriose Situationen erlebt er zuhauf: Einmal musste er mithelfen, einen Fan vom Stadiondach bei Union Berlin herunterzuholen, der dort nach besserem Handyempfang suchte, um seine Freundin anzurufen. „Was so alles passiert, glaubt man nicht, wenn man nicht dabei ist“, erzählt der Fanbeauftragte des 1. FC Nürnberg. Seit 2001 macht der 56-Jährige diesen Job ehrenamtlich, seit 2007 hauptberuflich. Unter dem ehemaligen Sportvorstand Martin Bader entschloss sich der FCN, seine Fanarbeit professioneller anzugehen.

Der Club an erster Stelle

Damit war der Verein früher dran als andere. Erst seit 2011 sind die Profivereine verpflichtet, hauptamtliche Fanbeauftragte zu beschäftigen. Bergmanns berufliche Karriere beim Club begann 2003, als er Leiter des Fanshops am Valznerweiher wurde. Davor war er Diplomkaufmann im Vertrieb, die ehrenamtliche Fanarbeit lief nebenher. Sie ließ sich aber immer schwieriger mit der Berufstätigkeit vereinbaren, auch weil die Wochenenden sowieso schon dem Club gehörten. Welche Aufgaben Fanbeauftragte konkret haben, legen die Vereine unterschiedlich aus. Beim Club heißt es, „die Fanbetreuung bildet die Schnittstelle zwischen Fans und Verein“.

Jürgen Bergmann arbeitet in einem sechsköpfigen Team aus drei hauptamtlichen und drei ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen. Eine seiner Kernaufgaben ist es, Spieltage vorzubereiten. Er muss sich sowohl zuhause als auch auswärts mit den Kollegen der gegnerischen Mannschaft und den Sicherheitskräften absprechen. Er meldet etwa die Anzahl der Fahnen, Trommeln und anderer Fan-Utensilien an und gibt durch, wie viele Mitreisende auf welchen Routen die Mannschaft auswärts begleiten. Sicherheitsrelevante Informationen stellt die Fanbetreuung auch den Fans zur Verfügung. Vor Ort gibt es immer noch eine Vor- und Nachbesprechung des Spieltags mit Sicherheitskräften und Fanbetreuern beider Teams.

Geburtsagsfeier mit Marek Mintal

Auch zwischen den Spieltagen ist der Fanbetreuer für die Anhänger da: In seinem Büro, das er sich meist mit zwei Kollegen teilt, bearbeitet er Anliegen und Wünsche der Fans telefonisch oder per E-Mail. Da kann es um die Situation an den Stadioneingängen gehen, um den Bierpreis oder auch um Merchandising- Artikel im Fanshop – oder darum, „dass Club-Legende Marek Mintal doch bitte zum Geburtstag vorbeischauen soll“, erzählt er.

Zwei Mal im Jahr treffen sich die Vorsitzenden aller offiziellen FCN-Fanclubs mit der Vereinsführung. Der Fanbetreuer plant und moderiert die Treffen, außerdem vermittelt er zwischen Verein und Fans. Bergmann und seine Kollegen besuchen die Fanclubs aber auch einzeln. Häufig sind Vorstandsmitglieder und Profispieler dabei. Bei über 700 Fanclubs können das bis zu 100 Treffen pro Jahr für ihn und seine Kollegen werden.

Für den 56-Jährigen ist die Arbeit bei seinem Herzensverein etwas ganz Besonderes. Gerne erinnert er sich an seine erste Saison, als der Club 2007 Pokalsieger wurde und er den DFB-Pokal in den Händen hielt. Am Fußball fasziniert ihn, wie der Sport die Menschen zusammenbringt: „In der Kurve steht der Anwalt neben dem Hartz-IV-Empfänger, der Arbeiter neben dem Bankdirektor. Die Leute verbindet eigentlich nichts, außer die Liebe zum 1. FC Nürnberg.“ Und es gebe viele Beispiele dafür, dass Fans Gutes auf die Beine stellen: Spendensammlungen etwa und natürlich die vielen farbenprächtigen Choreografien wie etwa 2012 für den ehemaligen jüdischen Trainer Jenö Konrád, der von den Nationalsozialisten verfolgt wurde und bereits 1932 Verein und Stadt verließ.

Engagement gegen Rechts

Der Einsatz gegen Rechtsextremismus ist für Bergmann eine Verpflichtung aus der Geschichte des Clubs, der ab 1933 seine jüdischen Mitglieder ausgeschlossen und sich bereitwillig der nationalsozialistischen Führung untergeordnet hat. Im Juni 2019 unternahm der Verein eine zweitägige Gedenkfahrt in das ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg. Die Resonanz der 20 Teilnehmer war sehr positiv. Die Fahrt soll im nächsten Jahr wiederholt werden. Längerfristig seien auch Reisen nach Auschwitz oder in die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel wünschenswert und vorstellbar, findet Bergmann.

Fußball ist für ihn Emotion pur, einer der wenigen Freiräume in einer komplett durchgeregelten Gesellschaft. Mitunter kochen die Emotionen aber über. „In dem Job ist man auch manchmal mit Gewalt konfrontiert“, sagt er. Beginnende Auseinandersetzungen unter Zuschauern oder zwischen Zuschauern und der Polizei versuchen die Fanbetreuer zu verhindern. „Aber da muss jeder selbst entscheiden, in welcher Situation es wie weit möglich ist, zu beruhigen“, sagt Bergmann. Wie Deeskalation gelingen kann, lernen Fanbetreuer in regelmäßigen, verpflichtenden Schulungen der Deutschen Fußball Liga.

Zwischen Skandal und Verharmlosung

Der Fanbetreuer schaue immer, wo Möglichkeiten zur Konfliktlösung und Deeskalation sind, aber es gebe Grenzen. Und das Gewaltmonopol liege ganz klar bei der Polizei. „Ein bisschen schade ist, dass Störungen oft Titelseiten füllen und manchmal versucht wird, das auch noch zu skandalisieren. Wenn du dann versuchst, etwas zu erklären, wirst du sehr schnell als Verharmloser dargestellt“, findet er. Es gebe auch in Nürnberg nicht mehr oder weniger Probleme als bei Vereinen wie Frankfurt, Köln, Stuttgart oder Dresden. „Mit der überwiegenden Mehrheit der Fans gibt es keine Probleme“, sagt Bergmann.

Die Heimspiele verbringt Jürgen Bergmann meist auf der Haupttribüne, weil er von dort einen guten Blick auf das ganze Geschehen in den Fanblocks hat und relativ schnell überall sein kann, falls sein Eingreifen nötig wird. Völlig unbeschwert Fußball schauen könne er nicht mehr: „Wenn du dein Hobby zum Beruf machst, hast du kein Hobby mehr.“ Aber Fanbeauftragter zu sein ist für ihn ein „Vollblutjob“: kein 40-Stunden-Job, Arbeit am Wochenende oder an Feiertagen ist selbstverständlich. Und der 56-Jährige ist keiner, der dabei auf die Uhr schaut.

Dafür ist die persönliche Verbundenheit zum Club viel zu groß. Seit rund 40 Jahren gibt der FCN bei ihm den Ton an. Auch Bergmanns Familie teilt diese Leidenschaft. Seine Frau drückt dem Club die Daumen und auf seine beiden erwachsenen Kinder hat die Begeisterung ebenfalls abgefärbt: „Wenn da jemand auf die Idee gekommen wär‘, in der Nachbarstadt eine Dauerkarte zu kaufen, hätte das schon größere Erbstreitigkeiten nach sich gezogen“, sagt er. Aber mit Streitigkeiten kennt er sich ja aus.


Fans feiern den Pokalsieg 2007


Text: Johannes Sporrer



Dieser Text stammt aus der Zeitschrift „Nürnberg Heute“ Nr. 107/2019. Das Heft können Sie an den Auslegestellen kostenlos mitnehmen oder hier online lesen.


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