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Vom Spiegelei zum Rührei – Nachgedanken zu einem Neujahrsempfang

Sekt

Eine der ganz seltenen Gelegenheiten als Ehrenamtlicher im Stadtseniorenrat "Ehre" zu erfahren ist die jährliche Einladung zum Neujahrsempfang der Stadt Nürnberg. Wer dieser Einladung folgt, hat nicht nur die Chance, mit vielen engagierten Bürgerinnen und Bürger der Stadt in Kontakt zu kommen, sondern den großen Genuss der Ansprache des Oberbürgermeisters.

Mal voller kluger Anspielungen, mal nachdenklich und stets auf dem Punkt gelang ihm auch in diesem Jahr wieder eine Rede mit klarer Botschaft: Das Jahr 2017 erfordert etwas Haltung, etwas lachenden Mut und die Bereitschaft, ab und zu die Blickrichtung zu ändern.
Warum wünscht dies der OB mit den Worten von Carolin Emcke, zitiert aus ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels?
Warum zitiert der OB außerdem ein anschauliches Beispiel aus einer österreichischen
Kulturhauptstadtbewerbung?

Die "gute alte" Stadt war wie ein Spiegelei: In der Mitte das Dotter - Zentrum, Altstadt,
Hauptmarkt - außenherum das Eiweiß: Industriegürtel, Wohnviertel, eine klare Ordnung."
Dazu der Oberbürgermeister: "Die Stadt, wie sie heute zusammengesetzt ist, gleicht dagegen eher einem Rührei. Der Rechtspopulist verspricht die Rückverwandlung des Rühreis zum Spiegelei. Die Selbstvergewisserungsdebatte der Zivilgesellschaft auf der Suche nach Orientierungspunkten analysiert dagegen das Rührei, findet darin klar erkennbare Eiweiß- und Eigelbbestandteile vor und sucht danach, was beide in dieser Mischung zusammenhält."

Was geht dies alles uns an? Uns Ältere, die z.T. die Schrecken des Krieges, zumindest aber die Nöte und Einschränkungen der Nachkriegszeit erlebt haben? Rückblickend betrachtet ist doch gerade unsere Generation überwiegend die große Gewinnerin einer friedlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Bildung, technische Neuerungen, medizinischer Fortschritt, besserer Umweltschutz (keiner spricht mehr vom Waldsterben) und Abrüstung in einem geeinten Europa waren Garanten einer positiven
gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Auch unsere persönliche Entwicklung war häufig eine Erfolgsgeschichte, gekennzeichnet durch persönliche Freiheiten, berufliche Chancen und Karrieren.
Profitieren nicht die meisten heute von einer sicheren Rente bzw. Pension? Sind wir uns
dessen eigentlich bewusst, wenn wir im Alltag an so mancher Kleinigkeit herumnörgeln und uns zum wiederholten Mal über den Nachbarn oder den verspäteten Bus ärgern?
Und dennoch bleiben berechtigte Sorgen und Ängste vor weltweiten Veränderungen.
Aber sind diese Probleme, ob vor unserer Haustüre oder in unserem Land, wirklich so lähmend, dass wir nicht mehr selber denken wollen und lieber ein paar wortgewaltigen Populisten in den Talkshows auf den Leim gehen? Oder, noch schlimmer: PolitikerInnen wählen, die sich weit im rechten bzw. linken Spektrum verirren? Sind wir informiert genug, mit gutem Gefühl und nüchternem Verstand selber richtig zu entscheiden? Trauen wir uns noch zu, eine eigene Meinung zu bilden und diese zu vertreten?
Sicherlich, der Soziologe Heinz Bude und manch andere Wissenschaftler stellen treffend fest: "Heute macht sich das bedrohliche Gefühl breit, dass es für die Jungen schwieriger geworden ist, den Sozialstatus der Eltern auch nur zu halten."
Von vielen anderen Ängsten, so vielschichtig sie sind, will ich hier nicht reden, sondern dafür plädieren, dass wir "mit Haltung" darüber und miteinander sprechen. Wir, die 60-, 70- und 80-Jährigen (bis zu den Hundertjährigen) sind doch in einem abwechslungsreichen Leben zu der Gewissheit gelangt, dass Veränderungen zum Leben gehören und wir unser Leben aktiv gestalten können. Sprechen wir doch mit unseren Kindern und Enkelkindern über die heutigen Sorgen und Ängste und sprechen wir auch über unsere Haltungen und Werte, mit denen wir all die gesellschaftlichen Umbrüche im letzten halben Jahrhundert gestaltet haben.
Denn wir kennen noch das "Spiegelei" mit seiner klaren Ordnung und seinen erkennbaren Bestandteilen: Respekt und Solidarität, Selbstreflektion und Dialog. Auch im Rührei der heutigen Stadtgesellschaft sind diese Essenzen Grundlage von friedlichem Miteinander und Wohlergehen.
Diese Verantwortung, "Haltung und lachenden Mut" zu zeigen, nimmt gerade uns "Alten" niemand ab. Carolin Emcke hat recht, wenn sie sagt: "Demokratie ist eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheiten und Kritik. Eine freie
säkulare demokratische Gesellschaft ist etwas, das wir lernen müssen. Im Einander-Zuhören. Im Nachdenken übereinander. Im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und individuellen Einzigartigkeiten. Und nicht zuletzt im gegenseitigen Zugestehen von Schwächen und im Verzeihen."

Paul Storz

Den Text der Ansprache von Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly am Mittwoch, 11. Januar 2017, beim Neujahrsempfang der Stadt Nürnberg im Foyer des NCC-West der NürnbergMesse finden Sie hier:


"In Würde sterben – frommer Wunsch oder doch Wirklichkeit?"

Kann und wird uns das neue Hospiz- und Palliativgesetz einem besseren Sterben näher bringen? Wird der grundlegende menschliche Wunsch nach einem Abschied in Würde und liebevollem Versorgtsein in Erfüllung gehen – in einer Zivilgesellschaft, die rastlos das Leben feiert und den Tod am liebsten für immer ausblenden würde?

Die Diskussionsrunde, die der Stadtseniorenrat Nürnberg (StSR) gemeinsam mit der Akademie für Hospizarbeit und Palliativmedizin Nürnberg und dem Verein Hospiz-Team Nürnberg e.V. veranstaltete, brachte hoch qualifizierte Fachleute zusammen, deren ganze Arbeit und Sorge genau diesem Wunsch gewidmet ist. So war es kein Wunder, dass der große Saal des Nürnberger Südstadtforums voll war mit Menschen, die Näheres zu den neuen gesetzlichen Vorgaben erfahren wollten.

Auf dem Podium (von links nach rechts) Dr. Gerhard Gradl, Arzt für Allgemeinmedizin mit Schwerpunkt Palliativmedizin, Uta Behringer, Angehörige, Diakon Hans Müller, Einrichtungsleiter im Rummelsberger Stift St. Lorenz, Sabine Ritter, Leiterin des Caritas-Hospizes Haus Xenia, Diakon Dirk Münch, erster Vorsitzender Hospiz-Team Nürnberg e.V. und Dr. Gerda Hofmann-Wackersreuther, Ärztliche Leiterin und Oberärztin der Station für Palliative Medizin am Klinikum Nürnberg. Allen gemeinsam sind vielfältige Erfahrungen sowohl mit ambulanter, als auch stationärer Palliativmedizin.

Die kenntnisreiche und souveräne Moderation durch Diakon Stefan Meyer, Geschäftsführer der Akademie für Hospizarbeit, formte aus Meinungen, Erfahrungen und Ansprüchen der Diskutierenden und des Publikums einen anspruchsvollen, zugleich verständlichen und berührenden Abend.

Da war die überaus bewegende Schilderung einer Angehörigen, die das leidvolle und zeitweise zornige Zögern und Verweigern ihres todkranken Mannes schilderte, das schließlich doch in einer friedlichen, von stillem Glück erfüllten letzten Woche im Hospiz endete.

Da waren die Erläuterungen des Sachverständigen Dirk Münch, der das neue Gesetz als reich an Potenzial, aber auch an Sprengkraft bezeichnete: Eine flächendeckende Umsetzung der Hospiz- und Palliativversorgung könne man nicht innerhalb eines Jahres erwarten, wohl aber die Schaffung verbesserter Strukturen und Vernetzungen. Zudem werden die Hospize eine leichte Verbesserung der Finanzsituation erfahren.
Das Sterben müsse ausgehalten werden, so Diakon Müller, es gelte in jedem Fall den Wunsch des Sterbenden zu achten – auch für den Fall eines möglichen oder verweigerten Notarzteinsatzes.

Das Wichtigste für den Arzt, so Dr. Gradl, sei es, den Gedankensprung vom Heilen zum endlichen Begleiten zu verinnerlichen. Er berichtete aus der Praxis der ambulanten Palliativversorgung samt nächtlicher Rufbereitschaft und geringfügiger Honorare und erhofft sich von deren Verbesserung einen zahlenmäßigen Anstieg von jungen Allgemeinärzten, die die ambulante Betreuung in der Nachfolge übernähmen.

Aus der Praxis der Palliativstation am Nürnberger Klinikum berichtete Dr. Hofmann-Wackersreuther, die ihren Arbeitsplatz als Insel und Platz zum Luftholen bezeichnete. Ein Rettungsanker sei sie, sowohl zu Beginn eines Pflegeprozesses, als auch zur Überprüfung und gegebenenfalls Neueinstellung der Medikamentierung. Pflegende Angehörige und Patienten werden in Gesprächen aufeinander zu geführt, es gibt klärende Moderationen, und natürlich vor allem Hilfe, wenn zu Hause zeitweise nichts mehr gelingen will. Sie wies besonders auf die periodische Überprüfung und Aktualisierung von Patientenverfügungen hin. Hierfür sieht das Gesetz das neue Advanced Care Planning (=Gesundheitliche Planung zum Lebensende) vor, das den Hausarzt darin einbindet. Die Ärztin nannte abschließend ein großes zukünftiges Ziel: " ...dass jeder Arzt die Palliativversorgung beherrscht, dass jede Krankenschwester es gelehrt bekommt, dass jeder Altenpfleger es kann."

Dem stimmte die Leiterin des Hospizes Xenia, Sabine Ritter, ohne Vorbehalte zu. Sie betonte, dass das Sterben endlich in der Gesellschaft als Teil des Lebens begriffen und erfahren werden müsse. Es gelte, erfüllt zu leben und entsprechend zufrieden und in Würde sterben zu dürfen: "Wir sind alle dafür zuständig"

Barbara Bredow, Stadtseniorenrat Nürnberg
Sprecherin des Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit


Ewig jung … und was dann? Ernstes Gespräch zu einem heiteren Abend

Große Bühnen haben alle bespielt, die sich im Schauspielhaus Nürnberg zu einer spannenden Podiumsdiskussion zusammen fanden.

Eingeladen hatte der Stadtseniorenrat und die locker gestellten Tischgruppen im Foyer waren bestens gefüllt, als Friederike Engel, Dramaturgin des Kultabends "Ewig jung" die Gäste begrüßte und die Diskussion souverän moderierte.

Ausgehend von dem heiteren Theaterstück wurden von den Experten des Alltags im 3. Lebensabschnitt die unterschiedlichen Facetten deutlich angesprochen, als es um die Frage ging, ob wir uns, die über sechzig und siebzig Jährigen, zu wenig mit dem Alter auseinandersetzen.

Prof. Dr. Glaser, langjähriger Schul- und Kulturreferent der Stadt Nürnberg, antwortete mit Walther von der Vogelweide: "Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr? Ist mîn leben mir getroumet oder ist ez wâr?"

"A weng O-Weh"

... sei immer dabei, so Glaser, der das Alter als ständiges Abschiednehmen erlebt: kein Abfahrtsski mehr, keine Gartenarbeit, kein Auto. Dennoch sieht sich der 88jährige erst in der vorletzten Alterphase.
Dr. Elisabeth Eigler, ehemalige Chefärztin für Rehabilitationsmedizin am Klinikum Nürnberg, sieht keine Patentrezepte fürs Altern, wohl aber viele Chancen durch vielfältige Angebote, die es zu nutzen gilt. So gründete sie die Gruppe 55 plus in Mögeldorf, engagiert sich in der Begegnungsstätte Degrin und arbeitet als ehrenamtliche Kirchenführerin in St. Lorenz.
Reiner Matschuck, seit fast 20 Jahren am Nürnberger Schauspielhaus, genießt die "gelebten" , altersgemäßen Rollen heute mehr als die "Altersrollen" in jüngeren Jahren. Dennoch sieht er seinen Abschied aus dem "Berufsleben" auch als Befreiung und freut sich auf eine freie Zeit ohne Verpflichtungen. Er will sich nicht sofort von Ehrenämtern einbinden lassen, sondern zunächst eine Phase des Nachdenkens und bewussten Lebens beginnen.

Wie gering der Abstand zwischen Jung und Alt sein kann, zeigte die Moderatorin als jüngstes Podiumsmitglied auf:

ewigjung

Im Arbeitsleben kann man mit 35 als berufsunerfahren gelten, mit 45 aber bereits als schwer vermittelbar. Diese Sicht auf die gesellschaftliche Realität weitete den Blick für viele weitere Aspekte. So wies sie auf die enorme, wirtschaftlich kaum vertretbare Kostenentwicklung bei den Krankenkassenausgaben in den letzten Lebensmonaten hin, während Dr. Glaser einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft sieht: Wurden früher Gebrechen und Behinderungen eher verdrängt, so erlebt er gerade bei jungen Menschen eine große Offenheit und Hilfsbereitschaft im alltäglichen Umgang.

Dem "deodoranten Frischwärts" der Werbung entgehen

Um jedoch dem "deodoranten Frischwärts" der Werbung zu entgehen, bedürfe es einer anderen Bildung, und zwar in ganzheitlichem Sinne, nicht nur einer Aus-Bildung im Sinne von wirtschaftlichem Zweckdenken.
Armin Ulbrich, ehemaliger Oberstudiendirektor und Barbara Bredow, ehemals Dramaturgin und als Stadtseniorenrätin Initiatorin der Veranstaltung, zeigten auf, wie wichtig im Umgang mit dem Alter immer die eigene Persönlichkeit ist. Alter an sich sei kein Verdienst und begründe keine Privilegien, so Bredow. Wie schwierig es sei, im Alter Gelassenheit zu erlernen, führte sie darauf zurück, dass Beschwernis, Verfall und Krankheit zwangsläufig zur Angst vor dem eigenen Tod führten. Auch die bisweilen spürbare Abneigung Jugendlicher sei vielleicht auf diesen Fixpunkt zurückzuführen.
Und so war man sich einig: Die beste Vorbereitung aufs Altwerden beginnt in der Jugend. Lebendigkeit, Interessiertheit, Freude an den Geschenken des Lebens und die Pflege guter Freundschaften sind wichtige Stützen im Alter - grad so, wie es in der anschließenden Aufführung "Ewig jung" so wunderbar gezeigt wird.
Die rundum gelungene Gesprächsrunde wurde beendet vom Vorsitzenden des Stadtseniorenrates, Christian Marguliés, der sich mit Bildbänden bei den Diskutanten herzlich bedankte.

Paul Storz, Stadtseniorenrat Nürnberg

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