Nr. 719 / 01.07.2026
44 Delegierte aus 34 Riga-Städten werden von Donnerstag bis Samstag, 2. bis 4. Juli 2026, zu einer Gedenkreise nach Riga fahren. Sie kommen aus so unterschiedlichen Städten wie Bochum und Brno, Detmold und Dresden, Herten und Hamburg, Kassel, Münster, Wien und Nürnberg. Sie alle sind Mitglieder des Riga-Komitees. Schwerpunkte der fünften Fahrt des Komitees werden das Gedenken an Deportation und Ermordung jüdischer Menschen in Riga vor 85 Jahren sein sowie die Einweihung der Gedenkstätte Riga-Bikernieki vor 25 Jahren. Nina Lutz, Leiterin des Memoriums Nürnberger Prozesse, wird die Stadt Nürnberg vertreten, die zu den Gründungsmitgliedern des Riga-Komitees gehört.
Riga, die lettische Hauptstadt am Ostseestrand mit einer jungen, musikbegeisterten Bevölkerung, hat eine bewegte Geschichte mit düsteren Kapiteln. Der Erinnerung daran hat sich das Riga-Komitee verschrieben – ein einzigartiges europäisches Städtebündnis.
In den Wintermonaten 1941/42 wurden mehr als 25 000 jüdische Kinder, Frauen und Männer aus dem Deutschen Reich nach Riga deportiert, die allermeisten von ihnen wurden dort ermordet. Lange war das kaum bekannt. Dem Politiker und ehemaligen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei ist es zu verdanken, dass er bei einer Spurensuche 1989 in Lettland diese vergessene Tragödie aufdeckte: „Die Deportation war eine Schande. Unfassbar war, wie die Menschen gequält und ermordet wurden. Die zweite Schande war, dass die Orte völlig verfallen waren, dass es keinerlei Zeichen der Erinnerung gab. Die Menschen joggten oder picknickten an den Orten der Ermordungen“, erinnert er sich. In seiner Heimatstadt Münster initiierte er zum Jahrestag der Deportation eine Gedenkveranstaltung. Das war der Anstoß, dass Riga als Deportationsort in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik Deutschland erstmals wahrgenommen wurde und der auch zur Gründung des Deutschen Riga-Komitees führte.
Im Mai 2000 schlossen sich auf Initiative des damaligen Volksbund-Präsidenten Karl-Willhelm Lange 13 deutsche Städte, aus denen die jüdische Bevölkerung nach Riga deportiert worden war, zu einem erinnerungskulturellen Städtebündnis zusammen. Damit übernahmen sie die Aufgabe, an ihre ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger zu erinnern. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist Gründungsmitglied des Riga-Komitees.
34 Delegationen der Mitgliedsstädte aus drei Ländern werden am Donnerstag, 2. Juli, die Gedenkorte Rumbula und den Bahnhof Skirotova sowie die Überreste des Konzentrationslagers Jungfernhof besuchen. Dort werden sie gemeinsam mit Ilya Lensky, Direktor des Museums der Juden in Lettland, Kinder von Überlebenden treffen.
Am Freitag, 3. Juli, werden die Delegierten die Gräber- und Gedenkstätte Riga-Bikernieki besuchen – ein authentischer historischer Ort, der niemanden unberührt lässt. 55 Massengräber sind durch steinerne Umrandungen erkennbar gemacht. Auf Steintafeln stehen die Namen der Heimatstädte der Toten. Unterschiedlich hohe Granitstelen sollen an die Menschen erinnern, die sich angesichts ihrer Ermordung zusammendrängten. 2022 installierte der Volksbund dort eine Außenausstellung, die Besucher über die Geschichte des Orts informiert. Die Delegationen werden auch an der offiziellen Gedenkveranstaltung zum lettischen Holocaustgedenktag an der Ruine der Großen Choral-Synagoge teilnehmen.
Das Deutsche Riga-Komitee ist inzwischen auf mehr als 80 Städte angewachsen. Sie haben die Aufgabe übernommen, das Gedenken an ihre jüdischen Bürgerinnen und Bürger wachzuhalten. Aber auch der letzte Überlebende des Massakers, der inzwischen 100-jährige Margers Vestermanis, hinterlässt einen Auftrag: „Wenn ich nicht die Gewissheit gehabt hätte, dass es auch gute Menschen gibt, hätte ich nicht leben können." tom