Nr. 1221 / 30.10.2026
Mit einer Jubiläumsfeier im Historischen Rathaussaal hat die Stadt Nürnberg am Donnerstag, 29. Oktober 2026, gleich zwei Meilensteine gewürdigt: 40 Jahre Frauenbeauftragte und zehn Jahre Ansprechpartner für Männer. In Anwesenheit von über 300 Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zeigte der Abend, wie sehr sich die Gleichstellungsarbeit über die Jahrzehnte weiterentwickelt hat, vor welchen aktuellen Herausforderungen sie steht und wie wichtig das Ziel einer geschlechtergerechten Stadtgesellschaft immer noch ist.
„Gleichstellung ist keine Frage des Zeitgeistes, sondern eine Frage der Gerechtigkeit. Eine Stadt ist dann gerecht, wenn Frauen und Männer die gleichen Chancen haben, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten – im Beruf, in Führungspositionen, bei der Bezahlung und bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Vierzig Jahre Frauenbeauftragte zeigen, wie wichtig eine starke Interessenvertretung ist: Gleichstellung entsteht nicht von allein. Sie braucht klare Ziele, engagierte Menschen und Institutionen, die Ungleichbehandlung benennen und Veränderungen vorantreiben“, unterstrich Oberbürgermeister Marcus König in seiner Begrüßung.
Ein Blick zurück auf das Jahr 1986 machte deutlich, mit welchen Aufgaben die Frauenbeauftragte ursprünglich gestartet ist: Sie sollte Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung unterstützen, Stadtratsvorlagen unter Gleichstellungsgesichtspunkten prüfen, Frauenberichte und Frauenförderpläne erstellen, Öffentlichkeitsarbeit leisten und mit Frauenverbänden und -gruppen zusammenarbeiten. Viele dieser Aufgaben sind bis heute aktuell. Ein zentrales Thema war von Beginn an der Zugang von Frauen zu Führungspositionen. Der erste Frauenbericht der Stadt Nürnberg erschien 1988. Damals standen auf der Ebene der Dienststellenleitungen vier Frauen 85 Männern gegenüber. Der Frauenanteil lag bei lediglich 4,5 Prozent. Mit dem 1989 verabschiedeten Frauenförderplan und den seit 2012 fortgeschriebenen Gleichstellungsaktionsplänen wurden Maßnahmen wie Mentoring für Frauen und Führen in Teilzeit vorangetrieben.
„Viele Rechte für Gleichstellungsbeauftragte, die heute selbstverständlich erscheinen, mussten sich meine Vorgängerinnen erst erkämpfen. Sie wurden anfangs belächelt und ihnen wurde sogar die Teilnahme an Vorstellungsgesprächen verweigert. Umso wichtiger ist es, diese Errungenschaften zu sichern und die Gleichstellungsarbeit konsequent weiterzuführen“, sagte Nürnbergs Frauenbeauftragte Hedwig Schouten. Als Schouten 2016 die Leitung des Frauenbüros übernahm, waren wichtige Rechte und Handlungsmöglichkeiten bereits von ihren Vorgängerinnen eingefordert und auf den Weg gebracht worden.
Neben dem Bayerischen Gleichstellungsgesetz, das 1996 in Kraft trat, bildet die Nürnberger Frauenbeauftragtensatzung eine wichtige Grundlage für die Arbeit. Dazu gehört beispielsweise die Teilnahme an Vorstellungsgesprächen, um mögliche Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts, familiärer Verpflichtungen oder vermeintlich fehlender Führungseignung zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. Seither wurden deutliche Fortschritte erreicht: Ende 2025 lag der Frauenanteil bei den Dienststellenleitungen bei 28 Prozent. Auch die Stadtspitze ist inzwischen paritätisch besetzt und umfasst vier Referentinnen. Gleichzeitig zeigt sich weiterhin Handlungsbedarf. Je höher die Führungsebene, desto seltener wird in Teilzeit gearbeitet.
Ein weiterer Meilenstein war die Zusammenlegung des Frauenbüros mit dem Menschenrechtsbüro im Jahr 2015. Ein Jahr später nahm Matthias Becker seine Tätigkeit als Ansprechpartner für Männer auf. Die Stelle wurde zusätzlich geschaffen und ergänzt die Gleichstellungsarbeit um eine weitere Perspektive. Der Ansprechpartner für Männer unterstützt bei Fragen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, bei Geschlechterrollen und in persönlichen Krisen. Dazu gehört auch, männlichen Betroffenen häuslicher Gewalt Orientierung zu geben und den Zugang zu passenden Hilfsangeboten zu erleichtern. Matthias Becker hob hervor: „Männer für Gleichstellung zu gewinnen, heißt auch, ihnen Raum zu geben, eigene Rollenbilder zu hinterfragen. Männer sollen selbstverständlich Verantwortung für Sorgearbeit übernehmen und Unterstützung in Anspruch nehmen können, wenn sie selbst von Gewalt betroffen sind.“
„Gleichstellung ist keine Aufgabe allein der Frauen. Dass Nürnberg seit zehn Jahren auch einen Ansprechpartner für Männer hat, unterstreicht: Wir müssen Rollenbilder hinterfragen, Männer aktiv einbeziehen und gemeinsam faire Bedingungen schaffen. Und Gleichstellung schützt auch vor Gewalt“, betonte Oberbürgermeister Marcus König.
Die Jubiläumsfeier machte deutlich, dass Gleichstellung keine Frage individueller Chancen ist: „Sie betrifft die Personalpolitik der Stadt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, den Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt, von der Frauen überportportional betroffen sind, und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für ein selbstbestimmtes Leben. Sie ist ein gesetzlicher Auftrag und ein wesentlicher Bestandteil einer zukunftsfähigen Stadtverwaltung“, sagte Hedwig Schouten. Gerade angesichts knapper öffentlicher Haushalte forderte die Frauenbeauftragte, dass Gleichstellungsarbeit nicht als verzichtbares Zusatzthema behandelt wird.
Moderiert von Barbara Streidl, Autorin und BR-Redakteurin, führte ein Podiumsgespräch mit Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern durch die Geschichte der vergangenen vier Jahrzehnte. Mit dabei waren unter anderem die ehemalige Frauenbeauftragte Ida Hiller, die frühere Stadträtin und langjährige Leitung des Nürnberger Frauenhauses Gabriele Penzkofer-Röhrl sowie Stefan Bauer vom Jungenbüro Nürnberg/Schlupfwinkel e. V. Ein digitales Grußwort übermittelte Judith Rahner, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrats. Für musikalische Begleitung sorgten die Jessicats. Christl Sittenauer und Bumillo bereicherten das Programm mit Bühnensatire.
Eine kleine Plakatausstellung in der Ehrenhalle gab zusätzliche Einblicke in die Geschichte der Nürnberger Frauenbeauftragten und des Ansprechpartners für Männer. Eine von der Medienwerkstatt Franken erstellte Dokumentation zum Jubiläum ist ebenfalls online in der Mediathek unter medienwerkstatt-franken.de/video/im-namen-der-gleichstellung/ abrufbar. maj