Stadt Nürnberg
Nachrichten aus dem Rathaus
 
Presse- und Informationsamt
Fünferplatz 2
90403 Nürnberg
 
Leitung: Dr. Siegfried Zelnhefer
Telefon:
Telefax:
E-Mail:
 
Internet:
0911/ 2 31-23 72, -29 62
0911/ 2 31-36 60
pr@stadt.nuernberg.de
 
www.nuernberg.de
Nr. 1248 / 29.12.2006
 

Neujahrsgruß von Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly

 
Anbei übermitteln wir den Neujahrsgruß von Oberbürgermeister Dr. Ulrich
Maly an die Nürnberger Bürgerinnen und Bürger:

Jahreswechsel, Zeit für Rückschau und Ausblick. Die vielen
Jahresrückblicke in diesen Tagen halten es uns vor Augen: 2006 war als
Jahr der Fußballweltmeisterschaft in jeder Hinsicht ein außerordentlich
erfreuliches – auch und gerade in Nürnberg.

Wenn wir jetzt die Bilder sehen, ist das ein bisschen wie das Betrachten
alter Urlaubsfotos: Es war wunderbar, aber es ist vorbei. Wir sollten aber
nicht vergessen, was bleibt. Da ist sicher zum einen das Bewusstsein,
eine solche Riesenveranstaltung nahezu perfekt meistern zu können. Aber
mal ehrlich: Daran hat im Ausland auch kaum einer ernsthaft gezweifelt.
Da ist zum anderen, und viel wichtiger, die weltweite Erkenntnis eines
lächelnden und fröhlichen Deutschland, eines Landes, das seine Gäste
mit offenen Armen empfing und entspannt mit ihnen feierte. Auch die
Nürnbergerinnen und Nürnberger waren tolle Gastgeber, wie uns auch die
Fanpost aus allen Gastländern bestätigt. Dafür danke ich Ihnen herzlich. 
Dieses Gefühl kann man nicht auf Knopfdruck wiederherstellen. Das
macht aber nichts, denn das Leben ist schließlich auch keine Fanmeile.

Das mussten Anfang 2006 die Beschäftigten der AEG in Nürnberg
erfahren und mit ihnen noch manch anderer in Deutschland. Man denke
zum Beispiel an BenQ, die Telekom und viele andere, die zu unbedeutend
waren für die Schlagzeilen, hinter denen aber wie bei AEG immer
Menschen und Schicksale stehen. Dennoch: Mit der Wirtschaft ging es
aufwärts mit einer Dynamik, die wir seit Jahrzehnten nicht erlebt haben. In
Nürnberg ist die Zahl der Arbeitslosen alleine im vergangenen Jahr um
über 4000 Personen zurückgegangen. Das gibt Anlass zur Hoffnung.

Gleichwohl mag sich im Land keine durchwegs optimistische Stimmung
entwickeln. Vielleicht liegt es daran, dass man den Eindruck haben
könnte, die Große Koalition habe sich schon nach einem Jahr festregiert,
etwa bei der Gesundheitsreform. Vielleicht liegt es auch an dem
unsicheren Gefühl, wie sich 2007 die höhere Mehrwertsteuer wirklich
auswirkt.

Zwei Umfrageergebnisse des Jahres 2006 finde ich alarmierend. Sie
geben zu mehr als nur zu politischem Aktionismus Anlass. Erstmals hatten
mehr als die Hälfte der Deutschen kein Vertrauen mehr zum Staat und
eine sehr große Mehrheit glaubt, dass das Leben in Deutschland immer
ungerechter geworden sei. Es gibt eine große Mehrheit für das Soziale in
der Marktwirtschaft.

Der Gedanke des Ausgleichs war immer typisch für
Nachkriegsdeutschland. Trotzdem geht die Schere zwischen Arm und
Reich immer weiter auseinander. Deshalb ist es richtig, dass die soziale Frage in Deutschland wieder thematisiert wird. Neben diesen Verteilungsfragen stellt sich aber noch drängender die Frage der Chancen. Wie sollen sich Jugendliche in der 9. Klasse der Hauptschule fühlen, wenn dort im Herbst 2006 weniger als 20 Prozent von ihnen eine
Lehrstelle gefunden haben? Gegen eine solche Zukunftslosigkeit kommen
auch die engagiertesten Lehrer in den Schulen nicht an. Sollen wir uns
damit zufrieden geben, dass die Übertrittsquoten auf Gymnasien und
Realschulen in Nürnberger Grundschulen extrem unterschiedlich sind?
Nein.

In der Stadt können wir nichts an den Einkommens - und
Vermögensverhältnissen ändern. Aber Armut ist in Deutschland viel zu
häufig auch die Armut an Chancen. Da sind wir im Rathaus schon gefragt.
Mehr Geld für Schulen, eine enge Kooperation mit dem Freistaat in
mehreren Modellprojekten zur Überwindung der Chancenungerechtigkeit
und das größte Schulbauinvestitionsprogramm in der
Nachkriegsgeschichte der Stadt zeigen, dass die Weichen hier richtig
gestellt sind.

Allen Menschen eine Chance geben auf Teilhabe an unserer
Stadtgesellschaft – das ist und bleibt Ziel der Politik im Rathaus. Dazu
müssen wir alle gesellschaftliche n Kräfte und Einrichtungen in den Blick
nehmen, die zur Eingliederung gerade der jungen Leute beitragen können.
Neben den Schulen sind das die Kinder- und Jugendhäuser, Kulturläden
und offenen Stadtteileinrichtungen von Kirchen und Verbänden bis hin zu
den Sportvereinen. Dazu gehört ebenso eine an den Bedürfnissen der
Menschen in den Stadtteilen orientierte Stadtentwicklung wie auch eine
aktive städtische Wohnungspolitik. Die soziale und gebaute Umwelt, ein
attraktives Kultur - und Freizeitangebot und möglichst viele Chancen für möglichst viele Menschen in Nürnberg – das ist die Lebensqualität, die wir
als Erfolgsfaktor für Nürnbergs Zukunft brauchen.

Liebe Nürnbergerinnen und Nürnberger, seit ein paar Wochen „sind wir
eine halbe Million“. Nürnberg wächst, und das ist Zeichen für seine
Attraktivität. Wir werden weiter daran arbeiten, den Ruf der Stadt in
Europa und aller Welt zu mehren, alleine und zusammen mit unseren
nordbayerischen Partnern in der Metropolregion.

2007 wird mit der deutschen Ratspräsidentschaft in der Europäischen
Union beginnen und im Frühsommer werden 50 Jahre Römische
Verträge, also 50 Jahre EU, gefeiert. Europa ist für uns politisch wie
wirtschaftlich ein Erfolgsmodell, das sollten wir bei aller Mäkelei über die
Bürokratie in Brüssel nie vergessen. Mit Rumänien und Bulgarien kommen
zwei neue Länder hinzu, die dazugehören, auch das ist – wie schon die
Osterweiterung im vergangenen Jahr – ein weiterer Schritt zur
Überwindung der vier Jahrzehnte Teilung Europas. Ein Blick über den
europäischen Gartenzaun zeigt, dass weltweit die Gerechtigkeitsfrage
noch viel drängender auf der Tagesordnung steht. Mit der Verleihung des
Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises an Eugénie
Musayidire, einer mutigen Kämpferin für die Menschenrechte in Ruanda,
versuchen wir, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, das
Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auf diesen vergessenen Teil der Erde
zu richten.

Vom globalen Maßstab zurück zum persönlichen: Liebe Nürnbergerinnen
und Nürnberger, ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute für 2007,
gehen Sie das neue Jahr mit Optimismus und Freude an, der Optimismus
ist gerechtfertigt, die Freude nie verkehrt. Viel Glück!