Nachrichten aus dem Rathaus

Nr. 994 / 05.10.2018

N2025: Die Themen der Kulturhauptstadtbewerbung Nürnbergs stehen

Mit den drei Themen „embracing humanity – Menschlichkeit als Maß“, „exploring reality – Welt als Aufgabe“ und „evolving community – Miteinander als Ziel“ geht die Stadt Nürnberg in das Rennen um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025. Sie spiegeln Nürnbergs Vision für die Kulturhauptstadt wider: Nürnberg entwickelt mit den Menschen in der Stadt und der Region eine neue Idee von Stadt und Europa – einen Raum der Menschlichkeit und Gemeinschaft, einen Raum des Experimentierens, ein Labor für die Kultur und die Künste.

Die Grundlagen für diese Themen wurden in einem ausführlichen Prozess in den zurückliegenden Monaten erarbeitet: Kunst- und Kulturschaffende, städtische und nicht-städtische Institutionen, Vereine, Initiativen und nicht zuletzt zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter aus der Stadtgesellschaft arbeiteten zusammen und brachten ihre Ideen, Meinungen und Wünsche in die Themenfindung ein.

Für Nürnberg ist die Bewerbung Chance und Herausforderung zugleich. Es ist die Chance, die Vielfalt von Kunst und Kultur in Nürnberg und der Region für Europa sichtbar zu machen und umgekehrt Kultur und Kunst aus ganz Europa einzuladen. Es ist die Chance, ein neues Gefühl des Zusammenhalts in der Stadtgesellschaft zu schaffen, das internationale Profil der Stadt zu stärken und die kulturelle Landschaft neu zu beleben. Es ist die Chance, Ideen zu generieren und Prozesse anzustoßen, die in und für Europa nachhaltig positiv wirken.

Auf der anderen Seite stehen die Herausforderungen, mit denen sich Nürnberg wie viele Städte in Europa konfrontiert sieht: Migration, Globalisierung, Digitalisierung, ökologische Veränderungen, Stadtentwicklung und europäischer Zusammenhalt. Neben diesen übergreifenden Herausforderungen stehen zusätzlich jene, die speziell Nürnberg als wachsende Stadt mit knapper werdenden Flächen und einer zunehmend diverseren Stadtgesellschaft anzugehen hat. Die Themen, mit denen sich Nürnberg um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 bewirbt, sind Destillat aus diesen Chancen und Herausforderungen.

embracing humanity – Menschlichkeit als Maß
Nürnberg blickt auf eine blühende und zugleich wechselvolle Geschichte zurück und konnte sich ab dem hohen Mittelalter als freie Reichsstadt früh zu einem europäischen Zentrum in Politik und Kunst entwickeln. Die Nürnberger Patrizierfamilien lenkten die Geschicke der Stadt; Humanismus und Reformation trugen prägend zu ihrer Entwicklung bei. Die Geschichte Nürnbergs – seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in dem Bild von der Stadt als des „Reiches Schatzkästlein“ gefasst – wurde durch den Nationalsozialismus für propagandistische Zwecke genutzt. Und so schrieb sich Nürnberg mit den Reichsparteitagen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (1927, 1929, 1933 bis 1938) und den „Nürnberger Gesetzen“ (1935) als ein Ort der Täter ins kollektive Bewusstsein ein. Nürnberg hat sich diesem historischen Erbe gestellt und geht nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv mit der nationalsozialistischen Vergangenheit um – zum Beispiel durch den Aufbau des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, durch das Memorium Nürnberger Prozesse, durch den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis und die Straße der Menschenrechte sowie die Internationale Akademie Nürnberger Prinzipien. Diese widmet sich der Aufarbeitung der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher, den zwölf Nachfolgeprozessen und der Bedeutung für das internationale Völkerstrafrecht heute.

Die Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 will alle Seiten der Geschichte der Stadt als Herausforderung und Auftrag annehmen und danach fragen, welche Verpflichtungen daraus für die Gegenwart und die Zukunft entstehen. Die Menschlichkeit steht daher im Zentrum der Überlegungen: das menschliche Miteinander, Teilhabe, Gerechtigkeit, die Menschenrechte. Kunst und Bildung werden dabei zum Motor für eine neue und zugleich kritische Befragung der Vergangenheit. Die Zeppelintribüne und das Zeppelinfeld auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände werden im Rahmen der Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas als wichtige historische Orte auch für kommende Generationen baulich gesichert, geöffnet und als Lernorte neu durchdrungen.

Darüber hinaus werden temporär in einem kuratierten Programm international tätige Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich mit dem Gelände, seiner architektonischen Verfasstheit und seiner inhaltlichen Aufladung auseinanderzusetzen. Schließlich fragt eine transdisziplinär konzipierte Programmlinie nach den Bedingungen und Wirkungsmechanismen der Ästhetik des Totalitarismus in der Gegenwart.

Nürnberg erinnert sich an seine Vergangenheit mit offenen Augen. Die aus dem historischen Erbe gewachsene Verantwortung verpflichtet die Stadt, Humanismus, Demokratie, Menschenrechte und Diversität mit Blick auf neue Maßstäbe weiterzuentwickeln. In diesem Prozess soll Nürnberg als europäische Stadt wegweisend sein.

exploring reality – Welt als Aufgabe
Martin Behaim schuf circa 1492 bis 1494 den ältesten überlieferten Erdglobus, Albrecht Dürer veröffentlichte 1515 zwei Sternenkarten – die neuzeitliche Vermessung der Welt mit den Mitteln von Kunst und Handwerk hat in Nürnberg stattgefunden. Beide Ereignisse stehen in Zusammenhang mit der Stadtgeschichte: Nürnberg zeichnete sich durch internationalen Handel, politischen Einfluss und herausragendes Handwerk aus. Auch der Zugang zu Bildung nahm in Nürnberg früh große Bedeutung ein, wie das älteste humanistische Gymnasium (1526), die Universität Altdorf (1575/1622) und die älteste Kunstakademie (1662) im deutschsprachigen Raum belegen. Durch die Industrialisierung entwickelte sich Nürnberg rasch zu einem wichtigen wirtschaftlichen Zentrum im deutschen und europäischen Raum, wovon unter anderem die erste Eisenbahn Deutschlands zwischen Nürnberg und Fürth (1835) zeugt. Internationale Bedeutung hatten darüber hinaus der Hopfenhandel, das Brauereiwesen und die Nachrichtentechnik. Auch die industrielle Fertigung von Bleistiften, Pinseln, Zweirädern und Spielwaren war für die Stadt bedeutsam: Schon im 18. Jahrhundert war Nürnberg durch das Spielzeughandwerk geprägt, wo insbesondere Holzspielzeug – Puppen, Tiere, Windmühlen, Trompeten, Puppenhäuser und Zinnspielzeug – für den nationalen und internationalen Handel produziert wurden und für Popularität sorgten. Später entwickelte sich eine Massenproduktion vor allem von Blechspielzeug, und die Modelleisenbahn wurde zu einem der wichtigsten Exportgüter. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war Nürnberg die Spielzeugstadt mit internationalem Rang und das Spiel beziehungsweise Spielzeug wurde zu einem Markenzeichen der Stadt.

Heute beherbergen die Stadt und die Region eine Mischung aus traditionellem Handwerk, High-Tech-, IT- und Dienstleistungsunternehmen. Dem stehen große Herausforderungen gegenüber, die nicht nur in Franken, sondern auch weit darüber hinaus wirksam sind: Fachkräftemangel, Digitalisierung und die Frage nach einer Bildung, die die Potenziale möglichst vieler Menschen hebt. Die Nürnberger Bewerbung will dieses Themenfeld insofern umfassend bearbeiten, als dass sie Arbeiten, Lernen und Spielen aus neuen Blickwinkeln beleuchtet und nach zukunftsfähigen Lösungsansätzen für die großen Herausforderungen unserer Zeit sucht.

Bei der Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas wird das Pellerhaus zu einem Haus des Spiels und einem Spiele-Lab, in dem das analoge wie das digitale Spiel in aktiver Gestaltung erlebbar sind. Darüber hinaus wird sich die Europäische Metropolregion Nürnberg mit Blick auf das Spiel, das historisch die gesamte Region durchzieht, auf eine Spurensuche begeben: Als spielerische Erforschung von Land und Leuten, Orten und Räumen entsteht in Kooperation mit Jugendlichen der Region ein sogenanntes Local based game, das die Metropolregion neu erfahrbar machen wird.

Nürnberg und die Region entwickeln sich zu einem Wissensstandort mit einem dichten Netz von Aus- und Fortbildungsinstituten. Die Kooperation zwischen der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm, der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und der Musikhochschule Nürnberg, die unter dem Label LEONARDO firmiert, stellt ein weiteres Leitprojekt für die Nürnberger Bewerbung dar. In diesem Denk- und Praxislabor verflüssigen sich die Grenzen zwischen den verschiedenen Disziplinen und Fachrichtungen, wird Kreativität und Erfindergeist befördert und gelangt der wechselseitige Austausch zwischen Hochschulen, Wirtschaft und Gesellschaft zu einem Ort des zukunftsgerichteten Lernens.

Wie führt der Mensch im 21. Jahrhundert ein sinnerfülltes, produktives und gutes Leben? Seit vielen hundert Jahren ist Nürnberg die Stadt der Visionärinnen und Visionäre, der Forscherinnen und Forscher, der Künstlerinnen und Künstler, mit intensiver Vernetzung in Europa und der Welt. Mit der transformatorischen Kraft seiner kulturellen DNA nutzt Nürnberg die neuen Chancen der Forschung und Digitalisierung und wird zum (ko-)kreativen Labor für Weltaneignung, Arbeit, Experiment, Spiel und Kunst.

evolving community – Miteinander als Ziel
Nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb Nürnberg 1947 einen Wettbewerb unter Architekten aus und befragte rund 1 200 Menschen zu ihren Ideen für den Wiederaufbau der Altstadt. Dieses frühe Beispiel gemeinschaftlicher Stadtentwicklung kann Vorbild für die zukünftige Gestaltung der Stadt sein. Die Stadt ist Ort des Lebens, des Arbeitens und der Kommunikation, und sie soll sich zur offenen Stadt hin entwickeln, in der eine neue Diskurskultur ein tragfähiges gemeinschaftliches Zusammenleben entwickelt. Dabei gilt es vor allem die Diversität der Stadtgesellschaft – Nürnberg ist seit jeher als Handelszentrum ein Ort der Zu- und Abwanderungen – in den Blick zu nehmen und in der Aushandlung mit allen Teilen der Bevölkerung Konzepte zu entwickeln, die Antworten auf die drängenden Fragen zur Zukunft der Stadt geben.

Zwei Aspekte rücken in den Vordergrund: Einerseits kann Kulturhauptstadt nur dann gelingen, wenn möglichst viele Menschen gestalten und mitwirken – in direkter Verantwortung für den Stadtteil, das Quartier und die Straße. Andererseits bearbeitet die Bewerbung Themen globaler Stadtentwicklung. Daher wird Nürnberg dieses Themenfeld in engem Austausch mit der Europäischen Metropolregion Nürnberg und ausgewählten Partnerstädten durchdringen.

Innerhalb der Nürnberger Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas wird der Idee der Soziokultur und der Kulturläden, die hier in den 1960er und 1970er Jahren wesentlich entwickelt wurde, eine herausragende Rolle zuwachsen. Die Kulturläden können für das 21. Jahrhundert neu gedacht werden – als Orte des gemeinsamen Lernens, an denen sich ein Bildungsbegriff wieder etabliert, der neue Formate und Zugänge zu formaler und nonformaler Bildung entwickelt, als Sozial- und Begegnungsräume, in denen Arbeit und Kultur sich treffen; als Orte des künstlerischen Experiments. Die Kulturläden denken sich neu als Lernlabor für Stadtgesellschaft.

Künstlerisch wird sich die Frage nach der sich weiter ausdifferenzierenden Stadtgesellschaft in mehreren großen Leitprojekten niederschlagen. Menschen aus Nürnberg werden als Expertinnen und Experten des Alltags künstlerische Projekte entwickeln. Das auf mehrere Jahre angelegte Projekt „Songlines“ erforscht die weltweiten Wanderwege von Liedern, ausgehend von Nürnberg und wieder nach Nürnberg zurückkommend. Und eine weitere Programmreihe wird schließlich nach dem Zusammenhang zwischen Natur, Umwelt und Kunst fragen.
Nürnberg entwickelt sich zur lebendigen Stadt in der Region und in Europa, in der Infrastruktur und Kommunikation ausgebaut werden. Grenzen lösen sich auf: sprachlich, ethnisch, ökologisch, sozial, städtebaulich. Das urbane Zusammenleben wird als transkultureller Wachstumsprozess begriffen – friedlich, zukunftsorientiert und in aktivem Austausch, regional, europäisch, international.

Raum der Möglichkeiten
Die drei Themen der Nürnberger Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 öffnen einen Raum der Möglichkeiten für die Stadt, die Region und ganz Europa. Kunst und Kultur sind der Motor, mit dem ein positiver Entwicklungsprozess in Gang gesetzt wird. In diesem Prozess entsteht eine Stadt, die lebenswerter, attraktiver und vor allem kulturell reicher ist. Die Nürnbergerinnen und Nürnberger profitieren von einem sympathischen Nürnberg; von einer Stadt, die sie selbst gestalten, die das Alte mit dem Neuen verbindet, die selbstbewusst in die Zukunft blickt und Heimat für alle ist.

Der Weg zu den Themen
Ausgehend von der Entscheidung des Stadtrats trat eine Vielzahl von Akteurinnen und Akteuren der Stadtgesellschaft in einen umfassenden Prozess zur Bestimmung der Themen ein: Von Mai 2017 bis Dezember 2017 entwickelten mehrere Gruppen insgesamt sieben Themen, die für Nürnberg und die Bewohnerinnen und Bewohner bedeutsam und wichtig sind. Die Kulturstrategie der Stadt – auch ein wichtiger Punkt innerhalb des Bewerbungsbuchs – wurde zwischen Juli 2017 und Januar 2018 erarbeitet. Von Oktober 2017 bis Mai 2018 richtete das Bewerbungsbüro vier „Kulturhauptfragen“ an die Nürnberger Bevölkerung. On- und offline speisten viele Bürgerinnen und Bürger über dieses Format Wünsche und Anregungen in den Bewerbungsprozess ein. Mehr als 2 700 Antworten gingen beim Bewerbungsbüro ein und können auf www.n2025.de eingesehen werden. Im November 2017 fand ein großer Aktionstag zur Kulturhauptstadtbewerbung statt, an dem die Themen mit vielen Beteiligten weiter diskutiert und präzisiert wurden. Seit März 2018 werden bis heute zahlreiche Multiplikatoren-Workshops in allen Kulturläden und mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen durchgeführt. Dort kann jede und jeder Interessierte Ideen und Wünsche ebenso einbringen, wie das beim „N2025 Open Call“ möglich war. Auch dieser Projektaufruf legte offen, welche Themen die Stadt heute und in Zukunft bewegen – mehr als 14 000 Menschen beteiligten sich an der Abstimmung darüber, welche Projekte umgesetzt werden sollen. Schließlich fanden hunderte Gespräche zwischen dem Team des Bewerbungsbüros und Kunst- und Kulturschaffenden, Institutionen, Vereinen, Initiativen und zahlreichen weiteren Gruppen statt. Auf dieser Grundlage entstanden die drei nun vorliegenden Themen der Nürnberger Bewerbung.

Der Bewerbungsprozess
Auf Basis dieser Themen beginnt nun die intensive Arbeit am 60 Seiten umfassenden Bewerbungsbuch, das der europäischen Jury spätestens am 30. September 2019 vorgelegt werden muss. Bereits am 16. Oktober 2018 reist ein Team nach Berlin, um vor Mitgliedern der EU-Kommission, des Deutschen Kulturrats und der Kulturstiftung der Länder den Stand der Bewerbung und erste Ideen zu präsentieren. Gelangt Nürnberg auf die sogenannte Short-List, auf der nur noch wenige Städte im Rennen verbleiben, muss im Juli 2020 das zweite Bewerbungsbuch abgegeben werden. Anschließend besucht die Jury die verbleibenden Bewerberstädte. Voraussichtlich im Oktober 2020 fällt die Entscheidung, welche deutsche Stadt im Jahr 2025 Kulturhauptstadt sein wird. jos

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