Nachrichten aus dem Rathaus

Nr. 16 / 09.01.2019

Ansprache von Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly am Mittwoch, 9. Januar 2019, beim Neujahrsempfang der Stadt Nürnberg im Foyer des NCC-West der NürnbergMesse

– Es gilt das gesprochene Wort –


Anrede,

„Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium (…),
Alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt.“

Elysium ist die Insel der Seligen.

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil das der deutsche Text zur Melodie der Europa-Hymne ist und das deutlich macht, wie groß die Kluft ist zwischen dem europäischen Gedanken als Friedensprojekt, den viele hier im Saal hoffentlich immer noch so faszinierend finden wie ich, und der allgemeinen Wahrnehmung von Europa als vermeintlich nicht beherrschbare Bürokratie, als permanenten „Kontrollverlust“ nationaler Politik, als Bankenrettungsschirmmacht, als Gurkenkrümmungsverordnungserlasser und heuer überwiegend als eine Institution, die mit den Briten über den Brexit zäh verhandelt – Ausgang offen.

Europa, das ist für uns meistens ein Vertragskonstrukt von Nationalstaaten, gegründet 1957 in Rom, Zug um Zug erweitert, sowohl geographisch als auch von den Zuständigkeiten her, bis zum heutigen Stand. Wir reduzieren allzu oft den europäischen Gedanken allzu schnell auf die EU.

Begeben wir uns auf eine kurze Spurensuche: Woher kommt der Begriff Europa? Aus der Antike. Die Griechen gebrauchten das Wort für das nördliche Land, in dem die Barbaren wohnen.

In der Mythologie ist Europa die schöne Jungfrau, die von Zeus in Gestalt des Stiers nach Kreta entführt worden ist.

Der französische Lyriker und Philosoph Paul Valéry hat Europa einmal als Halbinsel Asiens bezeichnet.

Europa – nicht die EU – umfasst 10,5 Millionen Quadratkilometer mit über 700 Millionen Menschen. Schon das ist aber unter Geographen wieder umstritten.

Europa verändert sich, historisch wie geographisch, und ist gleichwohl ein Raum mit einer – weit definiert – eigenen Kultur, wurzelnd in Kunst, Wissenschaft, Ästhetik und Rechtsprechung. Auch die Demokratie wurde in Europa „erfunden“. Als der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im Jahr 2003 abschätzig von „old Europe“ sprach, nahm ich das als Kompliment. Aber Halt! Ich will nicht der Gefahr erliegen, wegen eines allzu eurozentrischen Geschichtsbildes eine falsche Geschichte zu erzählen.

Europa erhielt durch kulturelle Einflüsse von außen – das heißt konkret: aus Arabien, China und Indien – viele Impulse, ja entscheidende Anregungen für seine Entwicklung. Seien es Mathematik, Astronomie, Schriftsprache, Architektur, Medizin oder auch Porzellan. Papier und Druck haben „wir“ genauso wenig erfunden wie, auch wenn man es manchmal glauben möchte, das Geld.

Als Andalusien noch al-Andalus hieß, war das Mittelmeer nicht etwas Trennendes zwischen der arabischen und der europäischen Welt, sondern ein bewegter Raum der Zusammenführung und Vermittlung von Kulturen. Johann Gottfried Herder bezeichnete Europas Kultur als „Gemeinschaftswerk aller Völker“, von ihr seien „die großen Errungenschaften wie die Schrift und das Zahlensystem nicht gekommen, ja zu [Europas] Zivilisierung habe es des Christentums bedurft, einer fremden Religion aus dem Osten, das seinerseits jüdische Überlieferung, orientalische Erlösungsgedanken und Mysterienkulte angenommen hatte“.

Warum dieses kleine Geschichtskolleg in Schlaglichtern?

1. Weil es auf den Punkt bringt, was Europa auch auszeichnet: eine gewisse Unbekümmertheit in der Assimilation des Besten aus ganz verschiedenen Welten – arabisch, persisch, chinesisch …

Europäische Kultur fußt darauf, dass sie von kulturellem Transfer geprägt war und bis heute ist. Das passt so gar nicht zu dem heutigen Wiedererstarken nationalstaatlicher Träume, man müsse sich von Europa abgrenzen, wo doch die europäische Kunst eine andere ist: das Einhegen des „Fremden“ in den eigenen kulturellen Bestand.

2. Ich erzähle Ihnen das, weil das genau das in Soziologensprache „Transkulturalität“ genannte Konzept unserer Kulturhauptstadtbewerbung beschreibt. In der multikulturellen Gesellschaft – so das Bild – leben auf geographisch begrenztem Raum Menschen verschiedener kultureller Identitäten nebeneinander her, deshalb führt dieser Ansatz heute auch nicht mehr zum Ziel. Im Konzept der Transkulturalität verschmelzen unterschiedliche Einflüsse in der „kulturellen DNA“ der einzelnen Menschen einer heterogenen Stadtgesellschaft. Ein Blick in die Geschichte der kulturellen Identität Europas zeigt das ebenso wie ein Gang durch unsere Stadt.

3. Weil das, genau das, neben den Punkten Wirtschaft und Frieden und Freiheit dieses Europa beschreibt. Und es beschreibt einen europäischen Geist, der viel älter ist als die Römischen Verträge. Die Nationalstaaten, deren Existenz ja erst die „römischen Verträge“, in denen man sich engere Zusammenarbeit schwor, notwendig machte, sind im Vergleich dazu blutjung und in ihrer übersteigerten Form eher Teil des Problems als Teil der Lösung.

4. Weil das politische Konzept des Multilateralismus seine kluge Stärke genau aus dieser Geschichte zieht. Der Völkerbund und später die Vereinten Nationen, die EWG, dann die EG, schließlich die EU tragen in ihrer Entstehungsgeschichte die Erinnerung an die blutigen Bürgerkriege und Weltkriege, die Europa von 1914 bis 1945 in Atem gehalten haben.

Der heutige Multilateralismus ist ja nichts anderes als das Management der Heterogenität des europäischen (und heute politisch weltweiten) Raums mit all seinen Gegensätzen und Widersprüchen. Diese Gegensätze und Widersprüche wurden früher trotz aller kulturellen Verwandtschaft gerne kriegerisch ausgetragen. Und Imperialismus und Kolonialismus waren diesem Europa auch nicht fremd.

Gerade deshalb wollen und werden wir die „europäische Dimension“ unserer Kulturhauptstadtbewerbung mit der hier geschilderten heterogenen europäischen Identität und nicht mit der europäischen Staatengemeinschaft definieren. Und nicht zuletzt deshalb wollen wir den außereuropäischen Blick auf dieses Europa und seine Kultur ermöglichen.

Was heißt das? Nun, am extremen Beispiel gezeigt: Haben vielleicht afrikanische oder chinesische Kuratoren einen ganz anderen Blick auf die sich ja auch in Nürnberg manifestierende Geschichte des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation oder auf die NS-Geschichte unserer Stadt? Wahrscheinlich. Man darf gespannt sein.

Es gibt eine lange Ahnenreihe aufklärerischer, republikanisch oder vordemokratisch gesinnter Protagonisten eines auch politisch „vereinten Europas“: Erasmus von Rotterdam, Thomas Morus, Leibniz, Rousseau, Kant oder Victor Hugo, der von den Vereinigten Staaten von Europa geträumt hat. Liest man ihre Texte heute, klingen sie oft rührend utopisch, sind aber immer verbunden mit einer leidenschaftlichen Sehnsucht nach einer besseren, sprich: friedlicheren Welt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und geprägt durch die Erfahrung daraus, wurde der Gedanke einer Formalisierung wieder „hoffähig“ in den Staatskanzleien Europas.

Noch während des Zweiten Weltkriegs und zum Teil aus der Gefangenschaft und dem Exil heraus entwickelten Altiero Spinelli und Jean Monnet ihre Ideen einer europäischen Föderation, mit oder nach ihnen der französische Staatsmann Robert Schuman und der italienische Politiker Alcide De Gasperi.

Spinelli wollte jedem einzelnen Staat die Möglichkeit lassen, „sein nationales Leben so zu gestalten, wie es am besten (…) passt“, aber eine föderative Ordnung, die „aber der Souveränität aller angeschlossenen Staaten die Mittel entzieht, mit denen diese ihre partikularistischen Egoismen zur Geltung bringen könnten“. Gemeinsame Außenpolitik, Wirtschaftspolitik, Währung und Militär waren die Elemente der föderativen Ebene.

Zur Geschichte der EU gehört natürlich auch die vom Kalten Krieg bestimmte Nachkriegszeit. Churchill und de Gaulle waren geprägt von tiefem Misstrauen gegenüber uns Deutschen. Gemeinsam mit den USA lag als Lösung auf der Hand, Westdeutschland ökonomisch und politisch in die „westliche Welt“ zu integrieren. Die EWG und die EG waren eine „Westeuropaunion“. So gesehen war die Osterweiterung eine grandiose politische Leistung, die wir in Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes „mittendrin“ vielleicht nicht hoch genug eingeschätzt haben.

Noch nie – so haben Historiker ausgerechnet – war das Europa der heutigen EU so lange ohne Krieg wie seit 1945. Warum schätzen wir das eigentlich nicht mehr? Wenn man über Europa redet und den Raum des Friedens und der Freiheit – völlig zu Recht, wie ich meine – feiert, dann sieht man, wie manch einer im Publikum die Augen verdreht.

Wir dürfen es als Exportnation natürlich auch ökonomisch begründen: Die europäischen Märkte sind eine wichtige Quelle unseres Wohlstands. Mit dieser EU geht es uns viel besser als ohne.

Aber das Friedensprojekt steht auf Platz 1. Ich bin da gerne Idealist. Ich bin 1960 geboren. In der ersten Hälfte meines Lebens war die Welt in zwei einander bis auf die Zähne bewaffnet gegenüberstehende Blöcke geteilt. Die zweite Hälfte ist mir entschieden lieber.

Ende Mai sollen, nein: dürfen wir das EU-Parlament neu wählen. Wir alle müssen hingehen zur Wahl und wir alle sollten die demokratischen Kräfte wählen, die dieses Europa voranbringen wollen: ein Europa, das sich aus zwei starken Quellen speist:

Erstens aus einem offenen, den kulturellen Transfer und die innere Heterogenität zu Prinzipien erhoben habenden „gemeinsamen kulturellen Raum“ und zweitens aus der Erkenntnis, dass Multilateralismus und ein System von „checks and balances“ zur Eindampfung partikularistischer Egoismen eine gute Basis für dieses Europa und den Frieden zu sein scheinen.

Wenn dabei zum zweiten Mal nacheinander mit Manfred Weber ein Deutscher Spitzenkandidat eines der beiden (noch) größeren politischen Lager ist, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass alle Bundesregierungen von Konrad Adenauer bis Angela Merkel die von Helmut Schmidt für das wiedervereinigte Deutschland postulierte „Demut“ im Umgang mit unseren europäischen Partnern einigermaßen eingehalten haben. Sonst wären beide Spitzenkandidaten in ihren Parteienfamilien nicht mehrheitsfähig gewesen.

Mit Blick auf den 26. Mai heißt es also: Hingehen, mitmachen und vorher überall dafür werben!

Und genau in diesem und für dieses Europa wollen wir gerne Kulturhauptstadt werden. Warum eigentlich?

In der Ausschreibung steht in nüchterner Sprache folgendes:

Es geht darum, „die Vielfalt der Kulturen in Europa zu bewahren und zu befördern, das ihnen Gemeinsame herauszustellen, das Bewusstsein der Bevölkerung zu einem gemeinsamen kulturellen Raum zu gehören, zu stärken und den Beitrag der Kultur in der langfristigen Stadtentwicklung in sozialer, ökonomischer und urbaner Sicht, eng abgestimmt mit den entsprechenden Strategien und Prioritäten, deutlich zu machen.“

Das klingt auf den ersten Blick nicht wirklich nach einem fröhlichen Kulturevent, schließt es erfreulicherweise aber auch nicht aus.

Es gilt natürlich, diese Erwartungen der EU ernst zu nehmen und das „spezifisch Nürnbergerische“ bei dieser Aufgabe herauszudestillieren.

Mit unserem thematischen Dreiklang


Menschlichkeit als Maß,
Welt als Aufgabe und
Miteinander als Ziel

gehen wir das an.

„Menschlichkeit als Maß“ findet seine historischen Wurzeln positiver Art im Humanismus, die negativen in unserer Geschichte als Ort der Täter in der NS-Zeit. Daraus erwachsen Linien über die Menschenrechtsarbeit der Stadt und die Internationale Akademie Nürnberger Prinzipien in eine Zukunft, die auch 2025 leider nicht frei sein wird von Totalitarismus und Menschenrechtsverletzungen.

Über millionenfache Flucht, die Diskussion über die Sicherung der europäischen Außengrenzen und das skandalöse Sterben Tausender im Mittelmeer sind wir da ganz schnell in einer „european dimension“, die auch 2025 die europäische Debatte weiter bestimmen wird.

„Die Welt als Aufgabe“ ist wahrscheinlich der auf den ersten Blick nebulöseste Begriff. Geschichtlich geht es um nicht weniger als die Aneignung der Welt durch die Menschen durch Handarbeit (Manufakturen), industrielle Produktion, Kopfarbeit (Bildung und Wissenschaft), aber auch durch Spielen. Aus dieser Geschichte heraus erwachsen Linien hinein in die Zukunft der Arbeit in Zeiten der Digitalisierung. Wir fragen, wie digitale Kommunikation Ethik und Ästhetik verändern, was das Ding (Smartphone) kulturell mit uns macht, was „Mensch-ärgere-Dich-nicht“ mit modernen Digitalspielen zu tun hat. Das wird ein Fest für die Kunstszene, sich mit diesen Fragen digital und analog auseinanderzusetzen.

„Miteinander als Ziel“ vereint mehrerlei. Zum einen natürlich die Grundfrage, was hält eine sehr diverse Stadtgesellschaft im Inneren zusammen, was ist unsere gemeinsame sinnstiftende Erzählung? Zum zweiten: Wie funktioniert lokale Demokratie, wie kann Beteiligung gelingen? Wie kommt man an die Bürgerinnen und Bürger heran, die nicht zu den partizipationsfreudigen Bevölkerungsgruppen gehören? Kultur für alle, das hat in Nürnberg seit den 1960er Jahren Tradition. Wie müssen Kulturläden als Labore der Gemeinschaftsbildung in Zukunft aussehen? Gilt die Dualität von Hoch- und Soziokultur noch? Lösen sich künstlerische Genres spartenübergreifend auf? Oder ganz praktisch anlässlich des Bauprojekts Oper: Was ist Oper im 21. Jahrhundert, welche Funktion muss der „Kulturpalast“ haben?

Der „Boulevard Babel“ in der Wölckernstraße im September 2018 war ein Beispiel dafür, wie ein Graswurzelansatz heute künstlerisch umgesetzt werden kann, die Open Calls, also die Aufrufe, konkrete Projekte vorzuschlagen, sind ein anderes.

Eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt braucht Kopf und Füße und im besten Fall gelingt es uns, die Geschichten von Vergangenheit und Zukunft, die Nürnberg (und die Region) erzählen, vom Kopf auf die Füße zu stellen. Wir arbeiten daran.

Natürlich wird der Prozess des „künstlerischen Aufladens“ dieser Geschichten nicht ganz trivial und sicher nicht konfliktfrei. Man braucht dazu die „lokalen Helden“, die institutionell etabliert sind und die freie Szene.

Mit ihnen allein wird man aber nicht bestehen können.

Man braucht dazu Kreative und Kuratoren aus ganz Europa und darüber hinaus.

Alleine mit eingeflogenen Stars wird man aber auch nicht bestehen können.

Die kulturelle Transformationsfähigkeit, die ich eingangs als eine DNA Europas beschrieben habe, werden wir brauchen, aber wir bräuchten sie auch ohne diesen Titel.

2025 ist, wenn wir gewinnen, nicht das rauschende Finale eines dann erfolgreichen Bewerbungsprozesses, sondern Anfang und Aufbruch. Im besten Fall erleben wir eine Stadtgesellschaft, die tief einschnauft, den Rücken streckt und den Kopf hebt, um nach vorne zu schauen, weit über das nächste Jahrzehnt hinaus.

Heute schauen wir erstmal auf 2019, und ich wünsche Ihnen allen eine ordentliche Portion Optimismus, viel Glück und Gesundheit.

Dass dieser Optimismus sich auch auf die schweren Fälle erstrecken muss, zeigt ein Blick auf die Bundesligatabelle. Aber wie heißt es doch so schön: Wenn’s leicht wäre, könnte es ja jeder!

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