Kontakt

Dritter Ausstellungsbereich

3.1 DEMOKRATIE ALS BAUHERR

Harald Loebermann, der Preisträger des Architekturwettbewerbs zum Bau der Meistersingerhalle, orientiert sich bei seiner Planung an der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion in der jungen Bundesrepublik. Adolf Arndt fasst sie während der Berliner Bauwochen 1960 in seiner berühmt gewordenen Rede in der Berliner Akademie der Künste zusammen:

„Muss es nicht für die Demokratie eine politisch-existenzielle Frage werden, wie gebaut und wie gewohnt wird, eine Frage, bei der es um mehr geht als um Hygiene, Sozialkomfort und Lebensstandard?
Mit diesen Betrachtungen kreise ich ein Geheimnis ein, das Geheimnis des Gleichgewichts. Das Gleichgewicht des Menschen im sich selber und das Gleichgewicht des Menschen mit dem Raum, den er sich durch sein bauen schafft und in dem er sich als Mensch für sich und als Mensch im Gefüge und als Gemeinschaft darstellen soll. Ich hoffe, es schält sich heraus, dass aus politischer Sicht die Frage nach dem Bauen eine Frage nach dem Menschen ist, dass es um die unaufhörliche Aufgabe geht, Mitmenschlichkeit in dieser Selbstdarstellung wirklich werden zu lassen.

Das souveräne Volk als Bauherr. Ich meine, dass Demokratie als politische Lebensweise von ihrem Ansatz her auf den mündigen Menschen angewiesen und darum alles in ihr, auch das Bauen, darauf angelegt sein muss, dem Menschen zu seiner Mündigkeit zu verhelfen und ihn sich in dieser Welt bewusst werden zu lassen, dass er politischer Mensch ist, der zu seinem Teil geschichtliche Mitverantwortung trägt.

Eine Demokratie ist nur so viel wert, wie sich ihre Menschen wert sind, dass ihnen ihr öffentliches Bauen wert ist.

Was hier angestrebt werden sollte, ist ein solches Höchstmass an Dichte, an Wahrheit der Aussage, dass von ihrer Lauterkeit her, wie sie die Aufgabe meistert, jenes Bleiben an Strahlkraft über die Zeiten hin ausgeht, wie es als Geheimnis der Kunst erfahren wird.
Das Ideal, das souveräne Volk als Bauherr seiner öffentlichen Bauten zu sehen, lässt sich mit keiner Mechanik messen. Auf dem unendlichen Weg zur Annäherung an dieses Ideal lässt sich nur in der freiheitlichen Weise fortschreiten, dass Bauten zur Diskussion gestellt werden, ob sie den Menschen dazu verhelfen, sich ihrer mündigen Mitmenschlichkeit, ihrer Gemeinschaft, der von ihnen zu formulierenden sozialen Aufgabe bewusst zu werden."

Adolf Arndt war von 1949 an Bundestagsabgeordneter. Seine Rede Demokratie als Bauherr regte die Architekten seiner Zeit zu intensiven Diskussionen an. Sie galt und gilt noch heute als die wichtigste Orientierung für alles öffentliche Bauen.

3.2 DIE ARCHITEKTUR DER MEISTERSINGERHALLE

Standort, Wettbewerb, der Architekt, der Künstler

Bis ins 19. Jahrhundert konzentriert sich das Musikleben der Freien Reichstadt Nürnberg auf die Kirchen. 1902/03 entsteht der Kulturvereinssaal als neuer Mittelpunkt des Nürnberger Musiklebens. Umfangreiche Spenden aus der Bürgerschaft ermöglichen den Bau. Nach 1920 finden öffentliche Konzerte auch im Velodrom und in der Katharinenkirche statt. Zur gleichen Zeit wird auch ein großer neuer Veranstaltungssaal für den Cramer-Klett-Park konzipiert, dessen Realisierung die Weltwirtschaftskrise jedoch verhindert. Nach 1933 sorgen die Nationalsozialisten für ganz andere Akzente: sie verschieben die großen Veranstaltungsbereiche an den Dutzendteich.

Während des zweiten Weltkriegs werden alle für Konzerte nutzbaren großen Säle der Stadt zerstört, nur die maßlos überdimensionierte, unvollendete Kongresshalle am Dutzendteich bleibt den Nürnbergern als belastende Hinterlassenschaft aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Nach 1945 baut die Stadt für die wiederbelebte Nürnberger Spielwarenmesse eine große Halle, die sie zunächst auch für Konzerte nutzt. Der Bau einer neuen Veranstaltungs- und Konzerthalle erweist sich jedoch als unerlässlich, und 1956 können tatsächlich Vorarbeiten für das Bau- und Raumprogramm beginnen.

Der Stadtrat beschließt, dass das nördliche Gebiet des Luitpoldhains Standort für die geplante Halle sein solle. Die Lage entspricht den gewachsenen Erfordernissen der Verkehrserschließung. Im Übrigen ist der Bau in einem traditionsreichen Gartenareal gelegen und ermöglicht die Anbindung an den Volkspark Dutzendteich. So kann die Halle eine Brückenfunktion zwischen dem historisch gewachsenen Nürnberg und seinem neuen Stadtteil Langwasser übernehmen. Als besonderes Ziel formuliert der Stadtrat, eine Konzerthalle im Grünen zu schaffen.

Nach der Ausschreibung des Wettbewerbs im Juli 1958 werden 28 Entwürfe eingereicht. Der Architekt Harald Loebermann erhält den 1. Preis. Die Jury hebt seine vorbildliche Anordnung der Säle hervor, wie zum Beispiel der Restauration und der Küche in Verbindung mit einem Innenhof zu einer organischen, klaren und lebendigen Wechselbeziehung sowie die Möglichkeit der Kombination in Verwendung der verschiedenen Raumgruppen. Mit dem Beschluss vom 21. Januar 1959 erhält Harald Loebermann den Auftrag für das Vorprojekt. Bei der architektonischen Gestaltung der Repräsentationsräume wird dann Professor Wunibald Puchner eingebunden.

Harald Loebermann

(*1923 Ansbach, †1996 Nürnberg) war Architekt und Kunstsammler. Im Jahr 1954 gründet er sein eigenes Atelier und gewinnt 1958 den Architektur-Wettbewerb für die Gestaltung des geplanten Nürnberger Konzert- und Veranstaltungsgebäudes, der späteren Meistersingerhalle, die sein wichtigstes Bauwerk wird. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass er zugleich einer der weltweit bedeutendsten Sammler der Grafiken von Lyonel Feininger ist. Seine bildhafte Kompetenz trägt dazu bei, dass es ihm vorzüglich gelingt, seine preisgekrönte Gestaltungsidee – die Zusammenfassung der wesentlichen Räume auf einer Ebene – baulich umzusetzen und durch eine großzügige Verglasung des Foyers auch die umgebende Landschaft in die Wirkung des Gebäudes mit einzubeziehen.

Wunibald Puchner

Der Gestalter der Repräsentionsräume (*1915 Deggendorf, †2009 Nürnberg) studiert an der Akademie für angewandte Kunst in München und wird 1946 als Professor für Innenarchitektur an die Nürnberger Kunstakademie berufen. Er gilt als kraftvoller Lehrer und Künstler, der das Ziel verfolgt, aus dem Inneren und Äußeren eines Bauwerks ein Gesamtkunstwerk zu gestalten. Beim Bau des Großen Saals legt Wunibald Puchner größten Wert auf Proportionen, die vom menschlichen Maß hergeleitet sein sollen, um in diesem Riesensaal ein Raumerlebnis hervorzurufen, das den Eintretenden Ausgeglichenheit und Ruhe empfinden lässt.

3.3 DATEN ZUM GEBÄUDE

09.12.1959:

Beschluss zur Durchführung des Baus und dessen Finanzierung.
Die Bauausführung wurde einem Konsortium Nürnberger Firmen als Arbeitsgemeinschaft Konzerthalle übertragen.

19.04.1960:

Festliche Grundsteinlegung

28.07.1961:

Richtfest

11.07.1962:

Das Konzerthaus erhält den Namen Meistersingerhalle. Es kann bis zu 4.000 Besucher aufnehmen und umfasst den Hauptsaal mit 2.121 Sitzplätzen für Konzerte, Vorträge, Empfänge, Feste und Feiern, den Kleinen Saal mit 520 Sitzplätzen, ein großzügig dimensioniertes Foyer, das Restaurant für 500 Gäste und eine 700 Sitzplätze fassende Gartenterrasse.

07.09.1963:

Feierliche Eröffnung

12.02.2007:

Erklärung zum Baudenkmal
Denkmalgerechte Brandschutzsanierung, Dachsanierung

Kosten 1963:

 

Reine Baukosten:

16.500.000 DM

Technische Einbauten:

6.850.000 DM

Geräte und Sonderausstattung:

2.700.000 DM

Erschließungskosten:

400.000 DM

Außenanlagen:

1.700.000 DM

Baunebenkosten:

2.350.000 DM

Gesamtsumme:

30.500.000 DM

Flächen und Volumen:

 

Gesamtnutzfläche:

28.000 m²

Raumvolumen:

150.000 m³

Saalvolumen:

23.000 m³

Höhe Großer Saal:

14,00 m

Breite Großer Saal:

43,00 m

Baukostenindex 2013:

70.000.000 €

Brandschutzsanierung 2006–2008:

12.500.000 €

3.4 AKUSTIK UND ORGEL

Für den Hauptsaal der Meistersingerhalle wird ein Modell im Maßstab 1:10 gebaut, um die akustische Wirkung der Raum- und Deckenformen bewerten und optimieren zu können. Zugleich dient das Modell den Architekten, die optische Wirkung ihrer Planung besser beurteilen und mit den Akustikern abstimmen zu können.

Die Gesamtwirkung des Großen Saals ist von der Orgel geprägt. In einem modernen Konzerthaus muss die Orgel Kompositionen früherer Epochen, die für deren eigene Klangwelt geschrieben wurden, ebenso gewachsen sein wie den musikalischen Leitbildern des 19. und 20. Jahrhunderts und unserer Gegenwart. Beim Bau der Orgel für die Meistersingerhalle werden diese verschiedenen Anforderungen erstmals nebeneinander verwirklicht. Heute kann sie der Klangwelt Johann Sebastian Bachs ebenso gerecht werden wie der ganz anderen etwa eines Max Reger. Die von der traditionsreichen Orgelbauanstalt Georg Friedrich Steinmeyer und Co. aus Öttingen geschaffene Orgel besitzt 6.646 Pfeifen, 86 klingende Stimmen, vier Manuale und ein Pedal.

TECHNIK

Die schallgedämpfte Haustechnik ist in den Kellerräumen installiert. Sie umfasst neben der Heizungsanlage und der Kältezentrale zwei hauseigene Trafostationen sowie eine Batterieanlage für die Not- und Panikbeleuchtung. Die Beleuchtung und Beschallung der Räume in Verbindung mit einer kontinuierlich erneuerten Kommunikationstechnik beruht auf einer ausgeklügelten Steuerung, die viele Effekte ermöglicht. Das Herzstück der technischen Anlagen ist der Regieraum. Unter den Veranstaltungsräumen befinden sich – in der Dimension einer Fabrikationshalle – Kühllager, Speicher und Zubereitungsbereiche.

3.5 DIE BAUKÜNSTLERISCHE GESTALTUNG

Die Stadträte von Nürnberg geben 1959 ein Konzerthaus im Grünen in Auftrag. Deshalb wird das flache Gebäude nach den Leitbildern der englischen Parks und den Anlagen von Peter Joseph Lenné und Fürst Hermann von Pückler-Muskau behutsam in die Parklandschaft eingefügt.

Ein historischer Baumbestand aus Eichen, Buchen und Ulmen umgibt das moderne Bauwerk. Die Waagerechten des Gebäudes bilden gegenüber den aufstrebenden Gehölzen einen belebenden Kontrast, wie auch die sich in den Glasscheiben spiegelnden Naturformen mit den Wandflächen aus schwarz glänzendem Quarzit und römischem Travertin.

Bei der Planung der Innenwirkung der Säle geht Prof. Puchner davon aus, dass eine sachlich-ingenieurtechnisch geprägte Gestaltung allein dem repräsentativen Anspruch an die Veranstaltungsräume nicht genügen kann. Er strebt deshalb ein künstlerisches Zusammenspiel der Formen und Materialien an.

Mit den Mitteln moderner Architektur schafft er Wand- und Deckenelemente in harmonischen Proportionen, mit denen es ihm zugleich gelingt, die technischen Anlagen für Akustik, Klimatisierung und Beleuchtung zu verkleiden. So entsteht eine zurückhaltend festliche Wirkung, die den Musikern und den Zuhörern gleichermaßen gerecht wird und mit ihrem zeitlosen Charakter bis heute gültig ist.

Daher kann die Meistersingerhalle mit Fug und Recht als eine nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene, legitime Fortschreibung des Gestaltungskonzepts angesehen werden, das Ludwig Mies van der Rohe für den deutschen Ausstellungspavillon der Weltausstellung von 1929 in Barcelona entwickelt hat. Die Meistersingerhalle ist damit ein herausragendes Beispiel für das neue baukünstlerische Gestalten nach der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland.

DAS SIGNET

Im Oktober 1962 beschließt die Kommission der Meistersingerhalle einen Wettbewerb zur Erzielung eines eindrucksvollen Signet für Geschirr, Bestecke, Drucksachen usw. unter den Künstlern von Nürnberg, Landkreis Nürnberg einschließlich der Städte Fürth, Erlangen und Schwabach. Realisiert wird ein Entwurf, der die Formensprache der Architektur aufnimmt.

DIE KUNSTWERKE IN DER MEISTERSINGERHALLE

Die Einstimmung auf ein Konzert oder andere künstlerische Veranstaltungen wird durch die Verbindung von architektonischen Elementen mit anspruchsvollen Kunstwerken geschaffen. Das Auffälligste unter ihnen – es war zur Bauzeit das bislang Größte seiner Art – ist ein zwischen Foyer und Großem Saal angebrachtes Relief aus getriebenen Kupferplatten von Günter Voglsamer. Diesem Kunstwerk kann es gelingen, die Besucher auf dem Weg vom Foyer zum Großen Saal in eine festliche Stimmung zu versetzen.

Im Kleinen Foyer unterstützt das Wandbild des ungarischen Künstlers Miklós Szemerédy die künstlerische Gesamtwirkung der Meistersingerhalle. Ein Netzwerk aus geraden Linien gliedert die gesamte Fläche zwischen dem Boden und der Decke; die Farben wirken luftig und transparent. Den benachbarten Kleinen Saal schmückt ein 25 m² großer Wandteppich, der in der Nürnberger Gobelin-Manufaktur nach einem Entwurf von Jacob Kuffner geknüpft wurde. Der Wandteppich im Großen Foyer von Hermann Kaspar Die Frau Musica ist ein Geschenk der Bayerischen Staatsregierung zur Eröffnung der Meistersingerhalle. Mit den wertvollen Oberflächenmaterialien der Böden, Wände und Decken sowie den Leuchten und kostbar gestalteten, von der Firma A. F. Gangkofner geschaffenen Kristallgehängen entfaltet eine für die 1960er Jahre typische künstlerische Formenwelt ihre belebende Wirkung.

Günther B. Vogelsamer

(*1918, †2004) wächst in München auf und studiert dort von 1942 bis 1950 an der Akademie der Bildenden Künste. Sein Haupttätigkeitsfeld wird die seinerzeit besonders virulente Kunst am Bau. Er engagiert sich in Künstlervereinigungen und begründet im Münchner Haus der Kunst die Reihe Kunstsalon. Im Jahr 1967 wird er zum Professor für Große Komposition an die Kunstakademie Nürnberg berufen und ist von 1975 bis 1984 auch ihr Präsident. Neben dem für die Meistersingerhalle entworfenen und vom Münchner Bildhauer Willy Guglhör ausgeführten Kupferrelief gestaltet er unter anderem auch das Foyer des Münchner Gärtnerplatztheaters.

Miklós Szemerédy

(*1930 in Tamási, †2015 in Nürnberg) gewinnt den unter sechs Nürnberger Künstlern ausgelobten Wettbewerb für die Wandgestaltung des Kleinen Foyers. Die Wandarbeit im Foyer der Kleinen Meistersingerhalle bleibt sein größter Auftrag. Später arbeitet er als Kunsterzieher am ungarischen Gymnasium in Kastl.

Jacob Kuffner

ein in Nürnberg und München tätiger Maler, entwirft den großen Wandteppich für den Kleinen Saal der Meistersingerhalle. Die Nürnberger Gobelin-Manufaktur setzt seinen künstlerischen Entwurf um.

Aloys F. Gangkofner

(*1920 Reichenberg-Riedelhütte, †2003 München) gilt als einer der bedeutendsten Industrie-Designer für Glas im 20. Jahrhundert. Er ist Fachlehrer für Glas an der Münchner Akademie für bildende Künste und später dort Honorarprofessor. Im Jahr 1983 wird er auf den Lehrstuhl für Glas und Licht an der Münchner Akademie der Bildenden Künste berufen.

Zurück zum Seitenanfang URL dieser Seite:
<http://www.nuernberg.de/internet/meistersingerhalle/dritter_ausstellungsbereich.html>