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»Ein Stein ist ins Rollen gekommen ...« 10 Jahre Inklusion als Menschenrecht

Die Lernwirkstatt hatte am 26.3.2019 zu dieser Veranstaltung ins Karl-Bröger-Zentrum eingeladen. Die Veranstaltung war von Daniela Rotella von der Lernwirkstatt und Mitglied des BRN, hervorragend organisiert.

Moderiert wurde der Abend von Ulrike Nikola vom Bayerischen Rundfunk.

Nach der Begrüßung durch Dr. Gerald Klenk, Vorsitzender der Lernwirkstatt Inklusion und Grußworten der Stadt Nürnberg (Frau Arabackyj in Vertretung von Herrn Dr. Maly) begann das Programm.

UN-Behindertenrechtskonvention – ein Meilenstein im Menschenrechtsschutzsystem

Referent Dr. Reinald Eichholz, Jurist – ehemaliger Kinderbeauftragter der Landesregierung NRW und Mitglied in der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland.

Herr Dr. Eichholz stellte die Frage „Ist es des Feierns würdig?“ Die UN-Behindertenrechtskonvention bezieht sich darauf, dass Menschen mit Einschränkungen die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen haben. Dies ergibt sich aber schon aus den Menschenrechten. Alle Rechte leiten sich aus der Menschenwürde her. Die Menschenwürde ist immer eine Beziehung zwischen dem Ich und dem Du oder der Gemeinschaft. Dies bedeutet Inklusion ergibt sich aus der Menschenwürde.

Es ist aber noch viel zu leisten. Der gleichberechtigte Zugang muss ins Gefühl übertragen werden, was durch die Behindertenrechtskonvention gefordert wird.

Herr Dr. Eichholz äußerte sich nun zu einzelnen Bereichen, wo Inklusion stattfinden muss.

• Bildung und Schule

Die inklusive Schule ist ein großes Menschheitsziel. Dabei wird jedoch vergessen, dass dafür die Lerninhalte und die Räume verändert werden müssen.

Die Schule sollte nicht nur Lernort, sondern Lebensort sein. Der Lebensort Schule bedeutet, dass so viel Gemeinsamkeit wie möglich, aber auch Differenzierung (z.B. Lerngruppen) wie nötig geschaffen wird.

Zurzeit wird nur immer gefragt „was geht?“ und „was geht nicht?“. Die Wahl der Schule bleibt den Eltern überlassen. Die Menschenwürde und damit auch die Inklusion kann jedoch nicht abgewählt werden.

Die gesamte Regelschule sollte neu konzipiert werden. Die bisherige Weichenstellung ist fehlerhaft. Dies zeigt sich auch beim Bau von Schulen. Hier wird der Gedanke der Inklusion nicht konsequent verfolgt.

Um Inklusion an Regelschulen nachzuweisen, werden Schüler „umetikettiert“. Dies bedeutet, dass manche Schüler, die immer schon die Regelschule besucht haben, als besonders förderungswürdig eingestuft werden. Die Regelschulen profitieren davon (z.B. im Stellenplan), die Schüler von Förderschulen, die ebenfalls eine Regelschule besuchen wollen, werden zunächst nicht berücksichtigt.

Im Bereich Schule ist die Inklusion und ihre Bedeutung noch nicht begriffen worden.

• Arbeitswelt

Im Gegensatz zur Bildungswelt, in der der Staat eine hohe Verantwortung hat, sind in der Arbeitswelt die Strukturen anders. Hier hat der Gesetzgeber weniger Möglichkeiten, auf die Arbeitgeber einzuwirken. Diese können sich mit Ausgleichszahlungen freikaufen, wenn sie nicht genügend Arbeitsplätze für Menschen mit Einschränkungen bereitstellen. Wie Roland Weber vom BRN feststellt, zeigt das Beispiel Frankreich mit sehr hohen Ausgleichsabgaben, dass eine Erhöhung nichts daran ändert.

Wichtig ist bei externen Arbeitsplätzen jedoch auch, dass das Betriebsklima stimmen muss. Es soll ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen.

Dies alles braucht viel Werbung bei den Arbeitgebern und ebenfalls ein Umdenken bei den Werkstätten.

Herr Dr. Eichholz betonte auch, dass dies alles ein Steuerungsproblem sei. Dafür gibt es seiner Meinung nach vier wichtige Vorgaben:

• die Inklusion (aller) im Leitbild einer Kommune
• der Abbau von inneren und äußeren Barrieren
• die Finanzierung
• die Evaluation, das heißt die kritische Auseinandersetzung

Dies alles kann nur durch Ratsbeschlüsse durchgesetzt werden. Dazu ist aber die Einstellung der Menschen, hier vor allem die der Politiker, die Triebfeder.

Es muss noch viel getan werden. Die Inklusion ist eine große Vision, die man nicht aus den Augen verlieren darf.

Gesprächsrunde: Inklusion in der Diskussion

Die Gäste auf dem Podium waren:

Claudia Arabackyj - stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Nürnberger Stadtrat, Eva Didion - IHK Nürnberg Geschäftsbereich Standortpolitik/Unternehmensförderung, Dr. Reinald Eichholz – Jurist, Angelika Feisthammel - Vorsitzende mittelfränkischer Behindertenrat, Dinah Radtke - ZSL Erlangen, hat an der UN-BRK in New York mitgearbeitet, Johannes-Jürgen Saal - Abteilungsdirektor Bereich Schulen, Regierung von Mittelfranken.

Hier einzelne Wortbeiträge der Podiumsteilnehmer in Kürze:

• Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung wurde zitiert: „Barrierefreiheit muss so durchgesetzt werden wie der Brandschutz.“
• Der Berufsbildungsbereich wird zum größten Teil nur durch die Werkstätten abgedeckt
• Berufliche Gleichstellung bei Außenarbeitsplätzen sollte auch nach Tarif und nicht nach Werkstattentgelt entlohnt werden
• Es dürfen keine prekären Arbeitsverhältnisse geschaffen werden
• Die Diskussion über die Inklusion muss in den Parteien vorangebracht werden
• Vernetzung und persönliche Erfahrungen sind wichtig
• Barrieren in den Köpfen müssen abgebaut werden
• Das Budget für Arbeit wird zu wenig genutzt, da viele Menschen die Sicherheit der Werkstätten und die Rentenansprüche nicht verlassen wollen
• Gemeinsame Beschulung ist wichtig, um hier schon die Normalität zu vermitteln
• Andere Schulstrukturen sind notwendig, die Lernstandards funktionieren schon im Regelbereich nicht

Die anwesenden Mitglieder des BRN beteiligten sich rege an der Diskussion. Herbert Bischoff sagte zum Thema Schulen, dass der barrierefreie Zugang zu den Räumlichkeiten erste Vorrausetzung sei. Dies sei jedoch oft nicht der Fall.

Peter Vogt äußerte, dass von Menschen mit guter Ausbildung auch viel zurückgegeben wird. Inklusion im Bildungssystem zahlt sich aus.

Arbeitgebermodell Wohnen in Altdorf

Referentin: Sabrina Wölfel, Fachbeirätin Lernwirkstatt

Sie berichtete von ihren Erfahrungen mit diesem Modell.

Ihr ist es wichtig, dass sie so selbst entscheiden kann, wann, wo und was passiert. Sie kann auch die Personen für Pflege, Assistenz und Haushalt selbst heraussuchen, was auch sehr wichtig ist.

Menschen mit Einschränkungen sollten mehr ermutigt werden, diesen Weg zu beschreiten.

Grund- und Mittelschule (GMS) Thalmässing

Referent: Schulleiter Ottmar Misoph

Die GMS Thalmässing hat den im Jahr 2016 den Jakob-Muth-Preis für inklusive Schule erhalten.

Herr Misoph will mehr Mut für Inklusion an Schulen machen. Man muss die Schule neu denken. Es darf kein Etikett für Inklusion geben. Jeder Schüler hat unterschiedliche Hürden zu bewältigen. Das Handicap ist, wie es ist, also muss sich die Schule dem Handicap anpassen. Die Schule muss sich in allen Bereichen verändern, wie Räume, Möblierung, Medien…

Inklusion in der Arbeit Villa Regenbogen Adelsdorf

Marina Fleischmann, Stephanie Kretschmann und Meike Reichow, Kindertagesstätte Villa Regenbogen, Adelsdorf und Kristin Feuerstein, ACCESS

Die Kindertagesstätte Villa Regenbogen beschäftigt eine Inklusionskraft: Meike Reichow. Ihr Arbeitsbereich (Kinder von 1-3 Jahren) wird vorgestellt. Marina Fleischmann und Stephanie Kretschmann berichten von den Erfahrungen. Frau Reichow hat durch den Arbeitsplatz für sich viel gewonnen. Falls es Probleme gibt, wird offen darüber gesprochen. Frau Reichow ist jeder anderen Mitarbeiterin gleichgestellt. Die Mitarbeiterinnen mussten sich erst einmal auf die neue Situation einstellen und Unsicherheiten (überfordern wir Frau Reichow, geht es ihr gut in der Arbeit…) abbauen. Die Kinder machen zwischen den Mitarbeiterinnen keinen Unterschied. So profitieren alle Beteiligten voneinander.

-Renate Serwatzy Vorstandsmitglied-

Aktualisiert am 06.06.2019, 09:58 Uhr

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