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"Alle tun es - ALLE!" - Erotik barrierefrei

Digitale Fotoausstellung von Joan van Hout

Alle tun es - Bild 2

Ursprünglich sollte die Ausstellung von Joan van Hout von März bis Mai 2020 im südpunkt stattfinden. Nun machte uns jedoch die Verbreitung des Coronavirus einen Strich durch die Rechnung.

Trotzdem oder gerade erst recht wollen wir das Thema „Inklusion“ auf die Bildfläche bringen – auf den digitalen Wänden unserer Website. Denn in dieser Zeit scheint es wichtiger denn je, im Dialog zu bleiben und den Menschen soziokulturelle Impulse zu liefern.

Begleitend zu den Fotografien von Joan van Hout haben wir Aussagen zusammengetragen, die einen Einblick in „Inklusion und Sexualität“ sowie in das Denken und Handeln betroffener Akteure vermitteln.

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen kennt auch in der Liebe keine Grenzen - "Alle tun es"!

Viel Spaß!

Bilderserie "Alle tun es - ALLE!"


Wie kommst Du zu den vielfältigen Themen deiner Ausstellungen, Joan van Hout?

„Ich suche mir ein Thema aus, das mich interessiert, das mir Spaß macht, und vertiefe mich darin. So bin ich zu allen Themen meiner Fotoausstellungen, wie „Homosexualität“, „Menschenrechte“ oder „Inklusion“, gekommen.
Mir ist es wichtig, über den Tellerrand zu schauen und einfach loszulegen. Ich möchte mich immer wieder mit neuen Dingen auseinandersetzen und interessante Menschen kennenlernen.
Eine Ausstellung ist für mich so etwas wie der Abschluss eines Themas. Im Anschluss entsorge ich die Fotos. So sind sowohl die Bilderrahmen als auch mein Kopf wieder frei für neue Ideen. Es geht mir ums Machen, nicht ums Aufheben.
Mein Leitsatz ist: Nur wenn sogar mein Vater versteht, worum es geht, dann funktioniert Kunst!“

Warum eine Ausstellung zu barrierefreier Erotik?

„Es gibt einen Sportverein für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer namens „Rollitreff Franken“. Dort gehe ich ab und zu hin. So auch im letzten Sommer. Um auf Augenhöhe zu sein, habe ich mich in einen Rollstuhl gesetzt und mich mit einer Gruppe unterhalten.
Ganz locker meinte eine Rollstuhlfahrerin mit verschmitztem Blick zu ihrem Mann: „Ja, wir tun es auch noch“. Und schnell war die Idee einer Ausstellung zu Inklusion und Sexualität geboren.“


Bilderserie "Model"


Ingrid, Model:

„Ich habe Joan auf der Messe von Reha & Care kennengelernt, weil unser Verein „Rollitreff Franken“ dort einen Stand hatte. Dabei hat er mir von seiner neuen Ausstellung erzählt und im Laufe des Gesprächs gefragt, ob ich mich fotografieren ließe. Mein erster Gedanke dazu war: „Nee, Hilfe, mit 53 Jahren ist die Haut faltig, das Bindegewebe schwach und Muskelschwäche macht nicht gerade Barbie-Beine“. Dann habe ich einen Moment innegehalten und gemerkt: „Hoppla, da geht es um was ganz andres“.

Denn Liebe und Erotik kennen keine Grenzen oder Behinderung. Die einzige Barriere ist die in den Köpfen. Der Wunsch nach Intimität ist nicht anders bei Menschen mit Behinderungen. Sie haben genauso Bedürfnisse nach Nähe, Zärtlichkeit, Intimität und Sexualität. Joan will vor allem zeigen, dass es immer Möglichkeiten gibt, egal wie die Voraussetzungen sind.

Ich finde vor allem, dass er mit ganz hoher Sensitivität und feinem Gespür für Grenzen an das Thema „Sexualität“ herangeht. Genauso wie bei seiner letzten Ausstellung über Inklusion, die mich sehr beeindruckt hat.

Leider ist das Thema der Intimität überhaupt – und bei Behinderten noch viel mehr – ein sehr totgeschwiegenes Thema. Aber, und ich spreche für die Rollstuhlfahrer, fast jeder Fußgänger fragt sich heimlich: kann der/die noch und wie macht der/die das dann? Doch geredet wird darüber nie.

Die Ausstellung soll daher dazu beitragen, die Barrieren auch in den Köpfen der Leute zu beseitigen – sowohl bei behinderten als auch bei nicht behinderten Menschen – und soll einen gemeinsamen Austausch ermöglichen.

Allerdings ist Sexualität mit körperlichen Einschränkungen oft ein schwieriges Thema.

Das Problem ist: Man kann sich wegen Lähmungen nicht oder nur eingeschränkt bewegen, man spürt wegen Sensibilitätsstörungen nichts, anders oder sogar schmerzhaft, man hat Kreislaufprobleme, man muss wegen Blasen-Darm-Problemen den Sex vorbereiten, man hat eventuell Dauerschmerzen, kriegt Krämpfe in bestimmten Stellungen oder man braucht Hilfsmittel. Intimität geht also nur unter erschwerten Bedingungen oder auf Planung hin.

Wenn Körperlichkeit schon so schwierig ist, fällt es viel schwerer, unbelastete Intimität zu haben. Das hat auch Folgen auf der seelischen, emotionalen und spirituellen Ebene, da Sex nicht nur ein körperlicher Akt ist, sondern viel mehr. Außerdem hat veränderte Intimität immer auch Auswirkungen auf die Beziehung. Da ist viel Scham dabei, es erfordert viel Mut und viel Frustrationstoleranz, viel Reden, viel Vertrauen, viel Kreativität und einen guten Umgang miteinander. Es braucht auch alles Zeit, denn sowas funktioniert nach einem Unfall oder einem Krankheitsereignis selten nach zwei Monaten.

Und natürlich hat veränderte Intimität Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl als Frau oder Mann, man verkörpert ja nicht gerade DAS gesellschaftliche Ideal – was wiederum Auswirkungen auf die eigene Identität hat.

Alles das sind Faktoren, die bei einer eingeschränkten Sexualität mitspielen. Trotzdem kann Intimität mit Behinderung gut gelingen und befriedigend sein, vorausgesetzt man hat den Mut, das Thema anzugehen.

Wir wünschen Ihnen viel Neugier und Freude beim Anschauen der Bilder. Wir erhoffen uns vor allem einen guten Austausch und gute Gespräche dazu sowie die Erkenntnis, dass ein Behinderter auch ein ganz normaler Mensch ist – mit ganz normalen Wünschen, Sehnsüchten und Bedürfnissen.“


Bilderserie "Sexualbegleitung"


Maria, Sexualbegleiterin:

„Sexualbegleitung ist gelebte Menschenwürde und geteilte Lebensfreude. Sexualbegleitung ist ein Stück Selbstbestimmung – ja, einfach wichtig für all jene, die wir oft vergessen.

Jeder Mensch hat ein Bedürfnis und ein grundsätzliches Recht auf Nähe und Berührung, darauf, seine oder ihre selbstbestimmte Sexualität und Wünsche auszuleben. Sexualität ist Teil eines erfüllten Lebens und kann somit helfen, unser Leben glücklicher und erfüllter zu machen.

Ich komme ursprünglich aus dem Gesundheitsbereich. Seit vielen Jahren praktiziere ich leidenschaftlich als Tantramasseurin und seit meiner Ausbildung bei Kassandra e. V./pro familia vor zwei Jahren auch als qualifizierte Sexualbegleiterin und -assistentin.

Die Vielfalt von Menschen und Körpern sehe ich als eine Bereicherung im Leben. Sexualität ist eine Möglichkeit, Menschen ganzheitlich und voller Würde zu begegnen – einfühlsam und mit ganzem Herzen.

Ein achtsamer, wertschätzender und respektvoller Umgang ist mir sehr wichtig. Es gibt für mich nur vollwertige Menschen, mit oder ohne körperliche oder kognitive Beeinträchtigungen – egal mit welchen Wünschen, egal welchen Alters oder geschlechtlichen Vorlieben.“


Vita Joan van Hout

Vor 40 Jahren bin ich von Amsterdam nach Nürnberg gekommen.
Neben meiner Arbeit und dem Gitarrenspielen beschäftige ich mich seit 2004 mit Fotografie und Photoshop. Die erste Ausstellung war 2007 in der Erlangen Kinderklinik („medi art“). Es folgten weitere z. B. in Berlin, im CPH und jährlich im südpunkt. In meinen Ausstellungen setze ich mich mit verschiedenen Themen wie Homophobie oder Menschenrechten (in Zusammenarbeit mit amnesty international) auseinander. Ich arbeite aber auch an anderen Dingen, beispielweise erstelle ich einen Kalender für Porsche.
Mein Thema 2018 war „Inklusion“. Diese Ausstellung wurde im südpunkt, im Museum für Industriekultur in Nürnberg und in der Kirche Herz Jesu in Erlangen gezeigt. Die Besonderheit dieses Projekts war die doppelte Aufhängung der Bilder: niedrige für Rollstuhlfahrende und höhere für Menschen ohne Gehbehinderung. Diese spezielle Aufhängung hatte ich auch für diesjährige Ausstellung „Alle tun es, alle – barrierefreie Erotik“ geplant. 2010 habe ich mit Zeichnen begonnen und kombiniere seitdem auch Fotografie und Zeichnung (z. B. Klinikclowns).

mehr Impressionen unter: https://www.fotocommunity.de/fotograf/joan/27971
Kontakt Joan van Hout: joan@ncrn.net

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