Luftaufnahme des Max-Morlock-Stadions mit Schriftzug der Kampagne "Zukunft Stadionareal"

Zukunft Stadionareal


Identität des Max-Morlock-Stadions

Was macht unser bestehendes Stadion heute aus? Welche Merkmale prägen seine Gestalt, Atmosphäre und Wirkung? Mit dieser Fragestellung im Hinterkopf hat die Stadt Nürnberg das Max-Morlock-Stadion unter die Lupe genommen.

Ziel dieser Dokumentation ist es, die Identität des heutigen Max-Morlock-Stadions zu erfassen und für die Nachwelt zu bewahren. Die Identität eines Stadions entsteht aus vielen Ebenen: aus seiner Baugeschichte, aus dem Charakter der Fanszene, aus der Lage und dem Umfeld, in dem es steht – und nicht zuletzt aus seiner Architektur. All diese Faktoren
prägen die Wahrnehmung und die emotionale Bindung, die Menschen mit einem Stadion verbinden.

Das Max-Morlock-Stadion mit eingeschaltetem Flutlicht, Bild © Stadion Nürnberg Betriebs GmbH

In dieser Dokumentation steht die architektonische Identität im Mittelpunkt. Sie betrachtet die baulichen, räumlichen und gestalterischen Merkmale des Max-Morlock-Stadions, weil diese im Zuge des geplanten Vollumbaus voraussichtlich am stärksten verändert werden. Die anderen Ebenen – Geschichte, Fankultur und Lage – bleiben auch künftig weitgehend erhalten und bilden den konstanten Rahmen, in dem sich das neue Stadion wiederfinden wird.

Ob und in welcher Form einzelne dieser Merkmale im Rahmen des künftigen Neubaus oder der Vorplanung berücksichtigt werden, ist derzeit noch offen. Diese Dokumentation dient zunächst der Beschreibung und Bewusstmachung – sie bildet die Grundlage, auf der spätere Planungs- oder Entscheidungsprozesse aufbauen können.

Dem Dokument geht ein mehrstufiger Prozess voraus:
Im Oktober 2025 wurde im Rahmen einer Podiumsdiskussion diskutiert, was ein Stadion einzigartig macht und warum im Gegensatz dazu viele moderne Arenen als austauschbar wahrgenommen werden.
Im November 2025 folgte darauf aufbauend eine Stadionbegehung mit Vertreterinnen und Vertretern von Fanbeirat und Fanclub-Workshop, bei der vor Ort gesammelt wurde, welche Elemente das Max-Morlock-Stadion prägen und von anderen Stadien unterscheiden.

Das Max-Morlock-Stadion ist ein gewachsenes Bauwerk, ein bauliches Mosaik verschiedener Epochen:
• der ursprüngliche Bau von 1928, mit erhaltenen Formen und Strukturen,
• der Umbau zur Bundesliga-Gründung in den 1960er-Jahren,
• der Ausbau mit Dach und Oberrang Ende der 1980er,
• sowie die Ergänzungen zur WM 2006.

Gerade diese Überlagerung von Zeitschichten und architektonischen Handschriften verleiht dem Stadion seine unverwechselbare Identität – und macht es zu einem Ort, dessen Charakter es wert ist, dokumentiert zu werden.
Im Rahmen der Begehung wurden zwölf Merkmale herausgearbeitet, die nach Einschätzung der Fans und Beteiligten die Identität des Max-Morlock-Stadions prägen und es von anderen Stadien unterscheiden.

Achteckige Stadion-Form

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 1

Die achteckige Grundform des Stadions ist in Deutschland einzigartig. Außen tritt sie markant in Erscheinung und unterscheidet das Stadion deutlich von modernen Arenen, die häufig rund oder oval gestaltet sind und gibt dem Stadion eine unverwechselbare geometrische Identität.

Innen folgt die Form ebenfalls dem Achteck – ein historisches Erbe früherer Bauphasen, das funktional aus einer Zeit stammt, in der Stadien als Leichtathletikanlagen mit Laufbahn konzipiert wurden. Für die Umbauung eines rechteckigen Fußballplatzes gibt es keinen funktionalen Grund, den Innenraum achteckig auszubilden.

Auskragende Dachkonstruktion mit Zugbändern

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 2

Das weit auskragende Dach mit seinen markanten Zugbändern und ohne Stützen im Innenraum ist eines der prägendsten technischen Elemente des Stadions. Die nach innen geneigten Dachflächen und das transparente Polycarbonat erzeugen eine helle, offene Atmosphäre, in der man sich nicht eingeengt fühlt.

Die Dachstruktur prägt die Silhouette des Stadions und gehört zu den Elementen, an denen das Max-Morlock-Stadion unmittelbar erkannt wird. Die blaue Farbgebung wird von vielen jedoch nicht als identitätsstiftend wahrgenommen.

Fassade der Haupttribüne

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 3

Die denkmalgeschützte Fassade der Haupttribüne ist eines der letzten sichtbaren Elemente des Ursprungsbaus von 1928. Auch wenn sie heute durch spätere Anbauten teilweise verdeckt ist, bleibt sie Symbol für die Geschichte und Kontinuität des Ortes. Sie erinnert daran, dass das Stadion eine lange Baugeschichte hat – und kein reines Produkt der Gegenwart ist.

Während die Rückwand durch eine Galerie überbaut und von einem Funktionsgebäude teilweise verdeckt wird, sind die Seitenwände im Stadioninnenraum gut sichtbar.

Offener Stadionumlauf

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 4

Das Max-Morlock-Stadion besitzt keinen vollständig geschlossenen Umlauf. Der freie Blick auf die Rückseite der Tribünen, auf Beton und Kanten, macht das Stadion als solches erkennbar. Die Konstruktion ist sichtbar, nicht verkleidet – das verleiht ihm eine technische Klarheit, die heute selten geworden ist.

Kioske und Sanitäranlagen liegen unter dem Oberrang; Wege sind dadurch überdacht, aber stets im Freien. Diese offene Wegeführung unterscheidet das Stadion von modernen Arenen mit abgeschlossenen Innenhöfen. Sie verleiht dem Stadion einerseits eine besondere Atmosphäre, andererseits bieten geschlossene Innenbereiche moderner Arenen mehr Komfort, Witterungsschutz und Aufenthaltsqualität.

Weiträumiger Umlauf mit Raum für Begegnung und Fankultur

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 5

Der großzügige Umlauf rund um das Stadion bietet Platz für Begegnungen, Veranstaltungen und Fankultur. Hier finden Elemente wie die Max-Morlock-Statue, Wandbilder oder Faneinrichtungen ihren Ort. Grünflächen und Bäume machen den Raum lebendig. Dieser offene Außenbereich trägt wesentlich zur Identität des Stadions als Ort des Miteinanders bei.

Der Umlauf wird gemeinschaftlich genutzt – unabhängig vom Steh- und Sitzplatzbereich. Diese Offenheit fördert Begegnung und soziale Durchmischung, anstatt Zuschauergruppen zu trennen.

Laufbahn und Marathontore

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 6

Laufbahn und Marathontore sind historisch gewachsene Strukturen, die das Erscheinungsbild und die Proportionen des Innenraums prägen. Die Laufbahn war in der Vergangenheit Schauplatz von Leichtathletik-Wettkämpfen, wird heute aber in dieser Weise nicht mehr genutzt. Die Tore sind typische Elemente klassischer Stadionarchitektur und strukturieren das Rund.

Mit den funktionalen und stimmungstechnischen Anforderungen moderner Fußballstadien sind Laufbahnen und Marathontore jedoch nicht mehr vereinbar: Die Laufbahn schafft Distanz zum Spielfeld und schwächt die Intensität des Stadionerlebnisses. Die Tore teilen den Unterrang der Kurven in zwei Hälften und erschweren die Ausbreitung der Stimmung.

Offene Form des Innenraums und Bezug zum Umfeld

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 7

Der Innenraum des Stadions ist von einer außergewöhnlichen Offenheit geprägt. Die achteckige Form sorgt für weite Sichtachsen, die den Blick nicht nur auf das Spielfeld, sondern auf das gesamte Rund und darüber hinaus in die Umgebung lenken.
Auch während des Spiels bleibt der Bezug zum Umfeld spürbar: Der Blick in den Volkspark, auf die Baumreihen und das Zeppelinfeld begleitet das Stadionerlebnis. Die gläsernen Rückwände von Ober- und Unterrang verstärken diesen Effekt und verleihen dem Stadion Leichtigkeit.

Das Max-Morlock-Stadion wirkt dadurch nicht abgeschlossen, sondern als Teil seiner Umgebung – offen, durchlässig und eingebettet in den Landschaftsraum. Geschlossene Arenen erzeugen akustisch und atmosphärisch eine höhere Verdichtung, die mit der Offenheit und dem räumlichen Erlebnis aber in Konkurrenz steht.

Freigestellte Haupttribüne

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 8

Die Haupttribüne ist bewusst nicht mit den angrenzenden Tribünen verbunden, sondern steht seitlich leicht abgesetzt. Die Lücken rechts und links von ihr erzeugen Blickbeziehungen nach außen und lassen Licht und Luft in den Innenraum.

Gleichzeitig führen diese Öffnungen zu Licht- und Lärmemissionen, die in modernen Arenen durch geschlossene Bauweisen stark reduziert werden. Die Freistellung verleiht der Haupttribüne Eigenständigkeit, ohne sie dominant wirken zu lassen, und betont zugleich die offene, fragmentarische Gesamtstruktur des Stadions.

Tribünenchrakter

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 9

Alle Tribünen des Max-Morlock-Stadions sind markant in einen Ober- und einen Unterrang geteilt. Der Oberrang ist steiler, größer und kragt weit über den Unterrang hinaus. Diese Proportionen sind ungewöhnlich und erzeugen eine eigene visuell charakteristische Raumwirkung. Aus heutiger statischer und funktionaler Sicht wäre eine derart starke Auskragung nicht mehr üblich – sie geht auf die frühere Funktion als Leichtathletikstadion zurück, bei der größere Überbrückungsweiten notwendig waren.

Gestalterische Details unterstreichen den unverwechselbaren Charakter: keine Netze vor den Kurven, keine hohen Zäune, keine Werbebanden an den Stimmungsblöcken. Die roten Sitze, festen Steh-Sitz-Kombinationen, sichtbare Zaunfahnen und die Positionierung der Gäste sichtbar hinter dem Tor prägen das Erscheinungsbild.

Haupttribüne mit funktionaler, nicht dominanter Gestaltung

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 10

Die Haupttribüne beherbergt Logen und Funktionsräume, fügt sich aber in das Gesamtbild des Stadions ein. Ihre Form und Materialität entsprechen den übrigen Tribünen – sie wirkt integriert, nicht abgesetzt. Der Oberrang gleicht den anderen Tribünen. Die Logen sind durch den auskragenden Oberrang verdeckt, wodurch die Haupttribüne ihre Zurückhaltung und Einbindung in die Gesamtarchitektur bewahrt.

Haupttribünen moderner Stadien unterscheiden sich aufgrund gestiegener Anforderungen an Hospitality, Medien und Technik automatisch stärker von den anderen Tribünen als die Haupttribüne des Max-Morlock-Stadions, die in ihrer Ausgestaltung dem Standard der 1980er-Jahre entspricht.

Erschließung und Wegeführung

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 11

Der Unterrang hat keine klassischen Mundlöcher, sondern ist eine durchgehende ununterbrochene Tribüne, die alleine von hinten befüllt wird. Im Oberrang liegen die Mundlöcher relativ weit oben, was dem Oberrang eine durchgehende Front gibt. Dadurch entsteht eine besondere Raumwahrnehmung und eine eigenständige Blickführung. Diese Struktur trägt zum spezifischen Charakter des Innenraums bei und unterscheidet das Stadion deutlich von standardisierten Neubauten.

Moderne Stadien setzen häufig auf andere Erschließungssysteme, um Wege zu verkürzen, Orientierung zu erleichtern und Entfluchtungskapazitäten zu erhöhen. Die bestehende Lösung ist architektonisch eigenständig, geht aber mit funktionalen Einschränkungen einher.

Flutlichtmasten

Identitätsstiftendes Merkmal des Stadions 12

Die vier Flutlichtmasten sind fester Bestandteil der architektonischen Gestalt des Stadions. Sie prägen das äußere Erscheinungsbild und strukturieren die Dachsilhouette deutlich sichtbar über den Rängen. Die ersten Masten entstanden in den 1960er-Jahren im Zuge der Einführung der Bundesliga; ihre heutige Form erhielten sie beim Umbau zur WM 2006. Mit ihrer schlichten, funktionalen Konstruktion greifen sie die technische Sprache des Stadions auf und ergänzen dessen Gesamtkomposition.

Sie markieren das Stadion im Stadtbild und machen es aus der Ferne erkennbar. Viele moderne Stadien verzichten auf freistehende Masten, weil sie eine hohe Lichtstreuung erzeugen und enge Dachkonstruktionen kaum Platz für freistehende Masten lassen.

Ausblick

Die zwölf Merkmale dokumentieren die Identität des Max-Morlock-Stadions – insbesondere in architektonischer, räumlicher und städtebaulicher Hinsicht. Sie sind nicht als verbindliche Planungsvorgaben zu verstehen, sondern als qualitative Beschreibung dessen, was das Stadion heute prägt und unterscheidet. Diese Beschreibung bildet eine Grundlage, auf der die Vorplanung aufbauen kann.

Im weiteren Verlauf sind folgende Schritte vorgesehen:
Bereits heute ist durch den Beschluss der Funktionalplanung entschieden, dass die achteckige Grundform des Stadions erhalten bleibt und die Laufbahn entfällt. Die weiteren erarbeiteten Merkmale sollen in die Vorplanung und später in die Funktionale Leistungsbeschreibung einfließen und dort als Orientierung und Leitfaden dienen, um die architektonische Identität des Bestandsstadions im Planungsprozess mitzudenken. Soweit es in diesem Planungsstand möglich ist, werden Wirtschaftlichkeit, Umsetzbarkeit und die schlüssige Integration einzelner Merkmale in das Gesamtkonzept des Vollumbaus geprüft.

Für besonders prägnante Elemente – etwa die denkmalgeschützte Fassade – werden Variantenbetrachtungen vorbereitet, auf deren Grundlage der Stadtrat zu gegebener Zeit über Erhalt oder Neugestaltung entscheiden kann.

Mit dieser Dokumentation liegt erstmals eine systematische Beschreibung der architektonischen Identität des Max-Morlock-Stadions vor. Sie schafft ein gemeinsames Verständnis dafür, was den Ort ausmacht – als Grundlage für eine Planung, die das Bestehende kennt, bevor sie Neues schafft.

Mehr zum Thema