Sitzungen im Jahr 2020

21. Sitzung des Bildungsbeirates

Am 13. Oktober fand im Historischen Rathaussaal unter zahlreicher Beteiligung die erste Sitzung des Bildungsbeirats in der neuen Stadtratsperiode statt. Das Zusammentreffen des Gremiums unter dem Motto „Bildung im Herbst 2020: Standort- und Perspektivbestimmung“ war geprägt von der Analyse der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Bildungsgeschehen. Cornelia Trinkl, Referentin für Schule und Sport und Elisabeth Ries, Referentin für Jugend, Familie und Soziales leiteten die Sitzung stellvertretend für Oberbürgermeister Marcus König, der sich am selben Tag kurzfristig in Quarantäne hatte begeben müssen.

Zunächst führte Cornelia Trinkl die Erhöhung der Bildungsbeteiligung und -qualität, die Verbesserung von Ausbildungs- und Beschäftigungsfähigkeit, die Verwirklichung von mehr Bildungsgerechtigkeit sowie die Stärkung der demokratischen Kultur als bildungspolitische Ziele der Stadt Nürnberg auf. Als große Herausforderung identifizierte Trinkl den weiter notwendigen Ausbau der Bildungsinfrastruktur durch das starke Bevölkerungswachstum aufgrund von Geburtenanstieg und Zuwanderung sowie die Bedeutung von Integration durch Bildung. Gleichermaßen sozial- wie bildungspolitisch herausfordernd seien die Häufung prekärer Lebenslagen in bestimmten Stadtteilen, starke Unterschiede bei den Übertrittsquoten zwischen Stadtteilen und die zu hohe Anzahl von Abgängerinnen und Abgängern ohne Schulabschluss. Als zentrale bildungspolitische Querschnittsaufgaben stellte sie Inklusion sowie politische Bildung heraus.

Trinkl benannte auch die unternommenen Anstrengungen, mittels derer sich das Referat für Schule und Sport den allgemeinen bildungspolitischen und den besonderen Anforderungen aufgrund der Pandemiesituation stellen würde: So waren ca. 100 zusätzliche Lehrkräfte zum neuen Schuljahr eingestellt worden sowie sogenannte Team-Lehrkräfte, die Lehrkräfte, die einer Risikogruppen angehören oder einem Beschäftigungsverbot unterliegen, bis Schuljahresende zur Seite stünden. Die IT-Strategie mit Ziel einer flächendeckenden Vernetzung sei pandemiebedingt zügig vorangekommen, als großes Problem bestehe allerdings die Sicherstellung des heimischen Internetzugangs fort. Alternativ werde nach Lösungen gesucht, wie die Einrichtung von sprengelbezogenen „Lernorten“ in Schulen, Horten oder Stadtteilbibliotheken. Zur Ausstattung mit digitalen Endgeräten
führte Trinkl aus, dass eine Abfrage einen Bedarf bei einem Fünftel aller Schülerinnen und Schüler ergab, 6.000 I-Pads wurden bereits ausgeliefert.

Im Weiteren nahm Elisabeth Ries eine bildungspolitische Standortbestimmung aus Sicht des Referats für Jugend, Familie und Soziales, „einem der Bildungsreferate der Stadt“, vor. Es gehe hier um Aspekte des lebenslangen Lernens sowie die enge Vernetzung verschiedener Bildungsbereiche. Sie skizzierte einen „gigantischen Ausbaubedarf“ in der frühkindlichen Bildung, dies auch vor dem Hintergrund der jüngsten Bevölkerungsprognose. Durch den geplanten Rechtsanspruch im Grundschulalter werde der Druck auf den Ausbau der Ganztagsbildung weiter steigen. Als mögliche „Wechselwirkung mit der Pandemiesituation“ bezeichnete Ries den Umstand, dass Eltern die Betreuungsangebote seit den Sommerferien zögerlicher wahrnehmen würden, was genauso im Blick behalten werden müsse wie eine mögliche Retraditionalisierung von Rollen aufgrund von gleichzeitigem Homeschooling und -working.

Auch die non-formale Bildung im Jugendalter war laut Ries stark von der Pandemie betroffen, so wurden Kinder- und Jugendhäuser geschlossen und viele offene Angebote abgesagt. Dabei stellten sich neben praktischen Fragen des Kontakthaltens solche nach dem gesellschaftlichen Stellenwert non-formaler Bildungsangebote. Deren Wegfall schränke wiederum Gelegenheiten informellen Lernens ein, z.B. des voneinander Lernens in der eigenen Peer-Group. Darüber hinaus beleuchtete die Sozialreferentin verschiedene Übergänge wie zwischen Kindergarten und Schule, wo z.B. die Vorkurse „Deutsch 240“ für Kinder mit Unterstützungsbedarf im Bereich Sprache nicht stattfinden konnten oder dem Übergang zwischen Schule und Beruf, wo viele Angebote zur Berufsorientierung wie z.B. Praktika ausgefallen sind. Ries forderte, referatsübergreifend darüber nachzudenken, wie individuellen Nachholbedarfen begegnet werden und wie z.B. hinsichtlich digitaler Formate oder Kontaktangebote voneinander gelernt werden könne.

An der sich anschließenden, sehr rege geführten Diskussion beteiligten sich Vertreterinnen und Vertreter aller Bildungsbereiche. Sehr eindrücklich schilderte Hilde Kugler die Herausforderungen im Bereich der Familienbildung, wo zahlreiche Angeboteausgesetzt werden mussten und sich die Umstellung auf digitale Formate schwierig gestalte. Häufig seien es die Frauen, die am stärksten von den Mehrfachbelastungen betroffen waren.

Anhand eines konkreten Beispiels skizzierte Andreas Hoffmann, Schulleiter und Sprecher der Mittelschulen, die aktuellen Herausforderungen aus Schulsicht. Die Frage von Sozialreferentin Ries nach der Situation am Ausbildungsmarkt beantworteten Stefan Kastner, Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken und Wolfgang Uhl, Handwerkskammer für Mittelfranken unterschiedlich: Während die IHK einen Rückgang um 15,4 % bei den Ausbildungsverträgen feststellen musste,
verzeichnete die Handwerkskammer ein Plus von 1,5 % im Handwerk.

Detaillierte Einblicke in die Situation an den Hochschulen gewährten Christoph Adt von der Hochschule für Musik und Niels Oberbeck von der Technischen Hochschule Nürnberg, naturgemäß mit unterschiedlichen Akzenten, da sich die Umstellung auf digitale Formate im Musikbereich schwieriger gestalte als im technischen Bereich, wo die Studierenden „mindestens so gut wie Lehrende ausgestattet sind – meistens besser und sich mindestens so gut auskennen wie Lehrende – meistens besser.“ Viele von der Pandemiesituation „aufgezwungene Methoden“ werden womöglich Bestand haben, so Oberbeck. Die Studierenden-Zahlen blieben an beiden Hochschulen konstant.

Madjid Lohrasbi, Arbeitsgemeinschaft der Elternbeiräte an Nürnberger Realschulen und Gymnasien wies auf die Dringlichkeit des Kontakthaltens zwischen Kindergärten
und Familien hin, denn gerade „kleine Kinder sind die großen Verlierer“ der Krise.

Zur Frage dieses Kontakthaltens zwischen Kindergärten und Eltern bezog Christiane Stein, SOKE e.V. Stellung: Zwischenzeitlich seien in Fachgremien hierfür Ideen entwickelt und Konzepte ausgearbeitet worden, denn dass der Kontakt aufrechterhalten werden muss, sei Grundkonsens. Aber auch hier bestehe Ausbau- und Verbesserungsbedarf.

Stefanie Fuchs, bei der Regierung von Mittelfranken für den Bereich der Förderschulen zuständig, stellte positive Veränderungen im IT-Bereich fest, u.a. hinsichtlich der Versorgung mit Leihgeräten, allerdings bestünde auch hier oft das Problem der fehlenden heimischen WLAN- Versorgung. Weiterhin verwies sie auf die Notwendigkeit der Barrierefreiheitder Softwareangebote.

Nach mehreren Frage- und Antwortrunden, in denen die städtischen Referentinnen Trinkl und Ries ausführlich auf die genannten Punkte und Fragen eingingen, appellierte Steffen Zimmermann vom Z-Bau eindringlich an die Stadt, die pandemiebedingten Verwerfungen im kulturellen (Bildungs-)Bereich bestmöglich aufzufangen.


20. Sitzung des Bildungsbeirates

Eine allgemeine Standortbestimmung zur Bildungssituation in Nürnberg stand im Mittelpunkt der 20. Sitzung des Bildungsbeirats am 21. Januar 2020 im Großen Sitzungssaal des Rathauses. In der letzten von Oberbürgermeister Ulrich Maly geleiteten Beiratssitzung nahm dieser auf die Ergebnisse des 5. Nürnberger Bildungsberichts „Bildung in Nürnberg 2019“ Bezug, der offiziell am 18. Dezember 2019 im Stadtrat vorgestellt wurde. Verglichen mit dem ersten Bildungsbericht gäbe es Fortschritte zu verzeichnen, beispielsweise bei den Übergangsquoten, so Maly. Eine weiter bestehende Aufgabe sei aber die Verwirklichung von mehr Bildungsgerechtigkeit, konkret die Beantwortung der Frage, wie es gelingt, mit Hilfe von Infrastruktur und Fördermaßnahmen noch immer vorhandene Barrieren, z.B. aufgrund des sozioökonomischen Hintergrunds, zu überwinden. Im Anschluss resümierten die Beirätinnen und Beiräte verschiedener Bildungsbereiche sowohl Fortschritte als auch weiterbestehende Herausforderungen hinsichtlich der Bildungsziele in Nürnberg.

Sozialreferent Reiner Prölß erläuterte anhand von zehn Thesen seine Sicht auf die Entwicklungen der letzten (zehn) Jahre im Bereich der frühkindlichen Bildung. Nach wie vor entscheide die soziale Herkunft maßgeblich über die Bildungschancen der Kinder und beeinflusse beispielsweise auch die Besuchsdauer von Kindertageseinrichtungen. Dabei wirke der positive Effekt der frühkindlichen Bildung bis zur zweiten und dritten Jahrgangsstufe der Grundschule. Um möglichst vielen Kindern einen frühzeitigen Kita-Besuch zu ermöglichen, werde auch deshalb weiter intensiv am Kita-Ausbau gearbeitet. Neben der Quantität dürfe man nicht die Qualität der Pädagogik aus den Augen lassen.

Nachfolgend ging Klemens Gsell, 3. Bürgermeister für Schule und Sport, auf die fachlichen Entwicklungen im schulischen Bereich ein. Die Übertrittsquoten auf das Gymnasium (ein zentraler Indikator für Bildungserfolg und im sozialräumlichen Vergleich für Bildungsgerechtigkeit) wären leicht rückläufig, auf Realschulen seien sie hingegen in etwa gleich geblieben, bei Mittelschulen wäre ein leichter Zuwachs zu verzeichnen. Als positiv wertete er den Trend zu höheren Abschlüssen bei der jüngeren Bevölkerungsgruppe. Dabei würden allgemeine Abschlüsse häufig im Berufsschulsystem nachgeholt. Gleichzeitig gebe es nach wie vor einen zu großen Anteil von Mittelschulabgängerinnen und -abgängern ohne Abschluss. Insbesondere dem beruflichen Schulwesen sprach Gsell sein Lob für die umfassenden integrativen Schulangebote für Menschen mit Fluchthintergrund aus, welche zu mehr Bildungsgerechtigkeit beigetragen hätten. Nicht zufriedenstellend sei aus seiner Sicht hingegen die Umsetzung der Inklusion an Schulen.

Gabriele Klaßen, Rektorin der Grundschule Friedrich-Hegel-Schule, verwies auf die großen Chancen inklusiver Schulpraxis: „Die Kinder, die jetzt inklusiv unterrichtet werden, könnten die Grundlage einer inklusiven Gesellschaft bilden“ und beschrieb gleichzeitig auftretende Schwierigkeiten im Schulalltag. Die Grundschule habe das Schulprofil Inklusion und vier Partnerklassen der Merian-Schule (Schule mit Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“) sowie 30 Kinder in Einzelinklusion. Ihre Einschätzung: Die Inklusion der Kinder mit geistiger Behinderung oder der Kinder mit dem Förderbedarf „Lernen“ funktioniere gut, auch werde das Schulprofil von den Eltern von Regelkindern positiv gesehen und sei sehr nachgefragt. Problematisch sei für die Lehrkräfte der Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit hohem sozial-emotionalem Förderbedarf, da diese häufig aggressives Verhalten zeigen würden. Diesen Kindern könnten zwar in komplexen Verfahren Schulbegleitungen zur Seite gestellt werden, aber sie hätten dennoch unter Ausgrenzung und verkürztem Unterricht zu leiden.

Das Selbstverständnis der freien Schulen in Nürnberg als Ergänzung und Bereicherung des öffentlichen Schulsystems stellte Gerhard Helgert von der Gemeinschaft der Freien Schulen in den Mittelpunkt. Im Bildungsbeirat will die Interessensgemeinschaft, so Helgert, künftig noch stärker an der Vernetzung der privaten Schulen mit den öffentlichen Schulen mitwirken, insbesondere bei den Themen Inklusion und Digitalisierung.

Anknüpfend an die Beiträge aus den Bereichen frühkindliche und schulische Bildung proklamierte der Leiter der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus, Siegfried Grillmeyer, als zukünftige Hauptaufgabe die Förderung der Demokratiebildung, die bereits im frühen Lebensalter beginnen müsse. Eckart Liebau, ehemaliger Lehrstuhlinhaber am Institut für Pädagogik der Universität Erlangen-Nürnberg merkte kritisch an, dass die Hierarchie der pädagogischen Berufe sehr starr sei und der Berufspraxis nicht gerecht werde. Seiner Ansicht nach sei es „völliger Unsinn, dass der Bereich der frühkindlichen Pädagogik gesellschaftlich viel weniger gewichtet wird als beispielsweise die Abiturstufe.“

Der Schulleiter der Beruflichen Schule 11, Michael Adamczewski, gab einen Überblick über die Entwicklungen des in Nürnberg sehr ausdifferenzierten Berufsschulsystems. Die Duale Ausbildung stehe weiterhin sehr gut da und würde ständig angepasst, auch hinsichtlich der Anforderungen der Digitalisierung. Eine große Neuerung sei die Wiedereinführung der Meisterpflicht. Nach oben bestehe viel Durchlässigkeit im beruflichen Schulsystem. Es gebe allerdings auch ca. 500 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, für die Angebote gemacht werden müssten.

Als Bildungsbeiräte für den Bereich Wirtschaft und Arbeit schilderten Stefan Kastner von der Industrie- und Handelskammer für Mittelfranken sowie Wolfgang Uhl von der Handwerkskammer für Mittelfranken die Ausbildungssituation vor dem Hintergrund des Fachkräftebedarfs in vielen Branchen. Dabei betonte Uhl die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Handwerkskammer, verstärkt junge Menschen mit Migrationshintergrund auszubilden und äußerte sich sehr positiv über das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das die erforderliche Einwanderung von Fachkräften aus dem Ausland ermögliche. Hier bedürfe es einer engen Zusammenarbeit zwischen den Kammern und der Stadt Nürnberg. Kastner berichtete von einer Verschiebung von kaufmännischen hin zu technischen Ausbildungsberufen In der Folge der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes werden Teilzeitausbildungen z.B. auch für neuzugewanderte Auszubildende ausgeweitet.

Mit der Feststellung, dass es sich bei non-formaler Bildung um freiwillige Leistungen handele und Mittel dafür meist nicht so selbstverständlich vorhanden seien wie im Kita- oder Schulbereich, begann die Kulturrefentin Julia Lehner ihr Statement zur non-formalen, in ihrem Verständnis „kulturellen Bildung“. Im Vordergrund stehe, dass maßgeschneiderte, optionale Angebote entwickelt würden, die gesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigten. Die Frage sei auch immer, wie diejenigen angesprochen werden können, die bisher nicht erreicht wurden. Geplant ist, die soziokulturelle Landschaft in einem partizipativen Prozess auf Bedarfe hin zu überprüfen. Als Schwerpunktthemen benannte sie das Thema "Spielen" sowie die Erinnerungskultur.

Jessica Marcus vom Kreisjugendring Nürnberg-Stadt entfaltete abschließend die vielfältigen Aufgaben der niedrigschwelligen, voraussetzungsfreien Jugend(verbands)arbeit, wie zum Beispiel in den Bereichen Demokratiebildung oder der Entwicklung von Medienkompetenz, und mahnte an, dass diese Form der außerschulischen Bildung im Bildungsdiskurs (immer noch) viel zu kurz komme.

Dankesworte von Herbert Bischoff vom Nürnberger Behindertenrat an die Stadt Nürnberg für ihre Anstrengungen, die sie im Bereich der Inklusion erbringe und sein Appell, hier „nicht nachzulassen“, bildeten den Abschluss der mit der 20. Sitzung zu Ende gehenden, zweiten Bildungsbeirats-Periode (2014-20), aber auch einen möglichen Anknüpfungspunkt für die künftige Beiratsarbeit.

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