Eingang Stadtbibliothek

Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg

Ausstellung Schriftbilder

Schriftbilder. Meisterwerke aus Kalligrafie und Schnörkelfigur

Eine Seite mit Schrift als Kunstwerk zu gestalten – diese Herausforderung stellte sich für Schönschreiber in den vergangenen Jahrhunderten aus vielen Gründen. Einzelblätter eigneten sich zum Werben, Verkaufen oder Verschenken. Besonders erfolgreich waren hybride Varianten, die das Lesen von Texten und das Sehen von Bildern ermöglichten. Dazu zählen die naheliegende Bereicherung von Schrift um Darstellungen, aber auch die Anordnung von Wortfolgen in Figuren oder das Konstruieren von Figuren aus Schnörkeln und Zierzügen.

Die in der Stadtbibliothek erhaltenen Schreibmeisterblätter überraschen mit Kuriositäten!

Bild: Venus pudica, Stiftzeichnung einer Venusfigur mit in Mikrografie eingeschriebenem Text von Ovids Ars amatoria, 16. Jh. (?) (Stadtbibliothek im Bildungcampus Nürnberg, Fragm. lat. 6)

Informationen zur Ausstellung

Dienstag, 22. September 2026 bis Samstag, 9. Januar 2027
Stadtbibliothek Zentrum, Ebene L2, Ausstellungskabinett
Gewerbemuseumsplatz 4,
90403 Nürnberg

Öffnungszeiten Mo-Fr 11-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr,
Sonn- und Feiertage geschlossen

Der Eintritt ist frei!

1409 wird erstmals ein in Nürnberg ansässiger Schreibmeister erwähnt, der sich als Lehrer betätigte und den Kindern der Handwerker und Kaufleute Grundkenntnisse im Schreiben, Lesen und Rechnen beibrachte. Da sich der Unterricht auf die Volkssprache bezog, wurden diese Lehrstätten als deutsche Schulen bezeichnet, um sie von den bei den Klöstern und Kirchen angesiedelten lateinischen Schulen zu unterscheiden.

Bild: Johann Neudörffer: Schreibmeisterblatt mit Kreuzestitel, Seligpreisungen der Bergpredigt, Nürnberg, 1518 (Hert. Ms. 67, Bl. 34)

Ihre Fertigkeiten im zierlichen schreiben im Sinn einer prächtigen und kunstvoll verzierten Schrift nutzten viele Schreibmeister als weitere Erwerbsquelle: Sie nahmen Auftragsarbeiten gegen Lohn an wie zum Beispiel das Schreiben von Chroniken, Geschlechterbüchern oder Wappenbriefen. Viele fertigten auch Schreibmeisterblätter zum Verkauf, als Werbung oder als Verehrung an den Rat und besondere Gönner in der Hoffnung, für diese Einzelblätter eine Aufmerksamkeit zu erhalten.

Der Grundstock für die in der Stadtbibliothek vorhandenen Schreibmeisterblätter wurde mit dem Ankauf der sogenannten Norica-Sammlungen von Georg Andreas Will (1727-1798), Christian Schwarz (1760-1835) und Georg Paul Amberger (1789-1844) sowie mit der Übernahme der Kunstbibliothek des Kaufmanns Johann Jakob Hertel (1782-1851) gelegt; antiquarische Ankäufe vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart haben zur Abrundung beigetragen. Zwar nicht in Vollständigkeit, aber doch in außerordentlicher Dichte dokumentieren diese Drucke und Handschriften die Entwicklung der Schönschreibkunst vom 16. bis in das 19. Jahrhundert hinein.

In den rund dreihundert Jahren ihres Wirkens schufen die Schreibmeister auch auf eine Seite begrenzte Schriftkunststücke. Hier wollte der Schöpfer sein Können unter Beweis stellen, etwa durch ein ausgewogenes, kalligrafisch durchgestaltetes Schriftbild und in sich stimmig konstruierte Zierinitialen (Versalien). Von Anfang an zählten dazu Versuche zu einer Ausweitung um bildliche Elemente:

- Additiv durch die Nutzung von Versalien als Bühne für eine Erzählung oder durch das Einfügen von Bildern in oder um einen Textblock

Bild: Versal A mit Geburt Christi und Verkündigung an die Hirten, Detail aus Caspar Mannich: Summa deß Evangelij, Nürnberg, um 1623 (Grafikkasten Schreibmeisterblätter)

- Durch figurative Wortordnungen für doppelte Rezeptionsformen zum Lesen eines Texts und zum Sehen eines Bilds. Darunter verbergen sich mit winzig kleiner Schrift geschriebene Texte, die zu grafischen Figuren formiert werden konnten: Geschriebene Zitate ersetzen Konturen und Binnenzeichnungen von Figuren und Gegenständen oder füllen eine im Umriss angelegte Fläche. Zu solchen figurativen Wortordnungen zählen Figurengedichte, Gittergedichte oder Netzliteratur in Form von Labyrinthen und Flechtwerk.

Bild: Mikrografie, Det. aus Porträt Johann Friedrich von Sachsen, 17. Jahrhundert (Hert. Ms. 44)

- Durch die Nachbildung von Figuren oder Gegenständen in Federzierzügen (Schnörkel- oder Zugwerkfiguren)

Bild: Schnörkelfigur, Detail aus Johann Christoph Albrecht: Stundenschlagtafel, Nürnberg, um 1769 (Grafikkasten Schreibmeisterblätter)

Erste Einzelblätter mit Bibelzitaten, gestaltet von Nürnbergs bedeutendstem Schreibmeister Johann Neudörffer und meisterhaft in Holz geschnitten von Hieronymus Andreae, entstanden bereits im frühen 16. Jahrhundert. Mit der Blütezeit der Kunst- und Wunderkammern im 17. und 18. Jahrhundert erreichte die Produktion von Schreibmeisterblättern ihren Höhepunkt. Die Bewunderung für solche Kuriositäten reizten einzelne Kalligrafen bewusst aus, indem sie ausdrücklich auf eine Beschriftung mit der linken Hand, in Spiegelschrift oder ein vorgerücktes Lebensalter hinwiesen.

Die meisten der als Einzelblätter in Umlauf gebrachten Schriftkunststücke gehen auf ausgebildete Kalligrafen zurück. Zu den Schreib- und Rechenmeistern in der Nachfolge von Johann Neudörffer dem Älteren zählen Andreas Gundelfinger, Caspar Mannich, Konrad Sturm oder die in Hersbruck, Heilbronn oder Schwäbisch Gmünd tätigen Jakob Christoph Muscat, Johann Michael Schweickardt und Johann Michael Püchler d.J.

Bild: Jakob Christoph Muscat: Huldigungsblatt zur Verabschiedung des Patriziers Georg Burkhard II. Löffelholz (1644-1737) und seiner Gemahlin Anna Maria, geborene Paumgartner, Hersbruck 1709 (Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg, Grafikkasten Schreibmeisterblätter)

Als Kalligraf bezeichnete sich Johann Christoph Albrecht, als Mikrograf der in Frankfurt am Main ansässige Josef Grund. Nachahmer fanden sich auch in anderen Berufen: Johann Leonhard Tauber war Müller in der an der Pegnitz gelegenen Sandmühle.

Schriftkunst auf Einzelblättern entstand zu amtlichen Zwecken als Aushang oder zu nützlichem Gebrauch. Zumeist aber sollte sie erfreuen: Beliebt waren religiöse, oft konfessionell gebundene und daher nur in bestimmten Gebieten verkäufliche Themen. Stets Abnehmer fanden der Herrscherpanegyrik dienende Porträts. Anlässe wie Neujahr oder Abschied, Huldigungen oder Danksagungen boten Gelegenheiten für individualisierte, auf den Empfänger zugeschnittene Exemplare. Letztere wurden ausschließlich handschriftlich hergestellt. Porträts berühmter Personen oder Christusdarstellungen eigneten sich dagegen für die Umsetzung in Reproduktionstechniken wie Kupferstich oder Radierung zum Vertrieb in größerer Stückzahl. Einen Mittelweg fand der Kalligraf Johann Christoph Albrecht: Er sah in von der Kupferplatte abgezogenen Stundenschlagtafeln leere Spiegel für das Einfügen von Inschriften und Wappen vor.