Der Erwerb der deutschen Sprache ist ein entscheidender Schlüssel für Integration – für Bildung, für den Zugang zum Arbeitsmarkt und für gesellschaftliche Teilhabe. Literalisierung und Spracherwerb ermöglichen Orientierung und eröffnen Perspektiven. Beim Fachtag „Deutschspracherwerb und Grundbildung – Passgenau und vernetzt!?“ am Donnerstag, 26.3.2026 im südpunkt trafen sich über 100 Teilnehmende, um zu erörtern, wie passgenaue Sprach- und Grundbildung allen Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Bildungshintergrund – ermöglicht werden kann.
Im Hauptvortrag zeigte Frau Prof. Dr. Grotlüschen, Universität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaft, anhand der LEO PIAAC 2023 - Auswertungen, dass Literalität nicht nur für die Teilhabe am Arbeitsmarkt von hoher Bedeutung ist, sondern auch für den Erhalt der Demokratie. Literalität ist notwendig, um zu einer durchdachten politischen Meinung zu kommen, geringe Literalität macht anfällig für Werbung und für Falschnachrichten. Für Deutschland stellte die Studie fest, dass trotz vorheriger positiver Trends der Anteil der gering Lese- und Schreibkundigen (Level One und darunter) bei 20 % stagniert, das sind 10,6 Millionen Erwachsene im Alter von 16 bis 65 Jahren. In Österreich liegt der Anteil bei 27 %, in der Schweiz bei 20 %.
Im Anschluss zeigten Saskia Rieger und Tamara Morro vom Bildungsbüro sowie Kristin Rieper vom Bildungszentrum auf, wie in Nürnberg konsequent daran gearbeitet wird, Sprachförderung passgenau, inklusiv und vernetzt zu gestalten. Durch das kommunale Programm Deutschspracherwerb (KPDe) werden die unterschiedlichen Angebote verschiedener Träger und Institutionen der Alphabetisierung, Sprachbildung und Grundbildung zusammengedacht, aufeinander abgestimmt und weiterentwickelt.
Auf dem Podium diskutierten Prof. Grotlüschen, Elisabeth Ries, Referentin für Jugend, Familie und Soziales der Stadt Nürnberg und Uta Saumweber-Meyer, Abteilungsleiterin für Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt im BAMF, über zentrale Herausforderungen und Chancen von Literalisierung und Deutschspracherwerb. Sie waren sich einig, dass Integration keine Einbahnstraße ist, sondern ein gemeinsamer Prozess, der nur durch gute Zusammenarbeit gelingt.
Der Nachmittag diente der Vertiefung der Themen Alphabetisierung und digitale Grundbildung. In drei Workshops führten Valeria Bornhäuser, Lehrkraft an der vhs Buchloe e.V., Sascha Dowidat, Lehrkraft am Bildungszentrum Nürnberg und Miriam Mersch, Lehrkraft an der vhs Fürth gGmbH, in das Thema Alphabetisierung von Erwachsenen ein. Dabei kam neben der Wissensvermittlung auch die Selbsterfahrung der Teilnehmenden nicht zu kurz. Einfache Übungen ermöglichten es, sich in die Herausforderungen und Lösungsstrategien von gering literalisierten Menschen hineinzufühlen.
Der dritte Workshop widmete sich der digitalen Grundbildung. Haupt- und Ehrenamtliche aus dem Projekt "Digi iQ - Digitale Grundbildung im Quartier" zeigten, wie Menschen, die Deutsch lernen, niedrigschwellig durch den Peer-to-peer-Ansatz technische und medienpädagogische Grundkompetenzen erwerben.
Nach den Workshops ging es zurück ins Plenum: Dort arbeiteten Harald Burczyk, Teilnehmer in einem Alphabetisierungskurs und Lehrkraft Sascha Dowidat im Gespräch heraus, wie gute Lernangebote zur Alphabetisierung aussehen sollten. Schnell wurde klar, dass insbesondere ein sehr niederschwelliger Zugang ohne lange Wartezeit sowie eine angenehme Arbeitsatmosphäre im Kurs mit positiver Gruppendynamik und ohne Druck zu den wichtigsten Gelingensbedingungen zählen. Deutlich wurde aber auch, dass Menschen, die schlecht Lesen und Schreiben können, entgegen vielen Vorurteilen nicht arbeitslos oder ausgegrenzt sind. So ist Harald Burczyk nicht nur Schüler von Sascha Dowidat im Alphakurs, sondern die beiden sind auch Kollegen in einem großen Unternehmen. Auch die Leo Studie hat festgestellt, dass 57 Prozent der funktionalen Analphabeten erwerbstätig sind. Harald Burczyk zeigte auf beeindruckende Weise, welche Leistungen erbracht werden müssen, um gesellschaftlich teilzuhaben ohne Lesen und Schreiben zu können.
Nach der Veranstaltung nutzten viele Besucher*innen die Zeit zum Networking bei Kaffee und Kuchen.
Vielen Dank für die kompetente Moderation an Korbinian Gramenz vom Bayerischen Volkshochschulverband e.V. (bvv), Fach- und Koordinierungsstelle Alphabetisierung und Grundbildung, sowie an alle Beteiligten für den wertvollen Austausch und die wichtigen Impulse. Gemeinsam arbeiten wir weiter daran, dass Teilhabe für alle möglich wird.
Der Fachtag wurde mit Unterstützung der Förderprogramme „Grundbildungspfade“ und „Bildungskommune“ des Bundesministerin für Bildung und Familie (BMBFSFJ) durchgeführt.








