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Khémaïs Chammari

Khémaïs Chammari wurde am 7. November 1942 in Tunis geboren. Nach der Grundschule besuchte er weiterführende Bildungseinrichtungen sowohl in der tunesischen Hauptstadt als auch in Paris und studierte Mathematik, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Das Jahr 1968 bedeutete eine erste tiefgreifende Zäsur im Leben des damals 26-jährigen: Der politisch und sozial engagierte junge Mann, der sich mit Idealismus für Demokratie und Menschenrechte einsetzte, wurde nach Studentenunruhen von der Universität Tunis verwiesen. Trotz der damit verbundenen einschneidenden Konsequenzen für seine weitere Zukunftsplanung konnte sich Khémaïs Chammari in den kommenden Jahren beruflich durchsetzen. Zwischen 1970 und 1994 bekleidete er leitende Positionen bei verschiedenen Unternehmen, Organisationen und Institutionen in seinem Heimatland und arbeitete als Journalist für französische ebenso wie für arabische Zeitungen und Zeitschriften.
Die bittere Erfahrung von 1968 konnte Khémaïs Chammari aber auch nicht entmutigen, sich weiterhin konsequent für Demokratie und Menschenrechte einzusetzen: Nur kurze Zeit später zählte er zu den Initiatoren des „Komitees zur Verteidigung demokratischer Freiheiten in Tunesien“ und eines weiteren Gremiums, das sich dort zur Aufgabe machte, die Opfer der Repression zu unterstützen.

Sein unermüdliches Engagement und sein unbeugsamer Charakter machten ihn schon bald zu einem führenden Kopf der Menschenrechtsbewegung in seiner nordafrikanischen Heimat: Vierzehn Jahre lang, von 1980 bis 1994, amtierte er als Vorstandsmitglied der „tunesischen Vereinigung zum Schutz der Menschenrechte“. 1989 wurde er darüber hinaus Mitbegründer des dort errichteten arabischen Instituts für Menschenrechte, dessen Verwaltungsrat er bis 1995 angehörte.
Seine Kompetenz verschaffte ihm auch rasch Ansehen und Respekt weit über die Grenzen Tunesiens hinaus. Khémaïs Chammari wurde zu einem international gefragten Menschenrechtsexperten. Um nur einige Beispiele zu nennen: 1983 wählte ihn die renommierte „Fédération Internationale des Ligues des Droits de l’Homme“ (F.I.D.H.) in Paris zu ihrem Vizepräsidenten, ein Amt, das er neun Jahre lang ausübte.

Von 1991 bis 1995 fungierte er für die Vereinten Nationen und die „Agency for Cultural and Technical Cooperation“ (ACCT) als Sachverständiger in Fragen des internationalen Menschenrechtsschutzes. 1992 war er als Berater für den „Conseil executif du Service International des Droits de l’Homme“ in Genf tätig. Im gleichen Jahr arbeitete er auch für die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen. 1993 beteiligte er sich an der zweiten Weltmenschenrechtskonferenz in Wien, an deren Vorbereitung er auch mitgewirkt hatte. In den Jahren 1972 bis 1995 nahm er in Europa, Afrika, Asien, Amerika und der arabischen Welt an zahlreichen Konferenzen und internationalen Symposien zu Menschenrechts- und Entwicklungsfragen teil.

Sein vielfältiges Engagement zum Schutze der Menschenrechte fand 1990 erstmals auch internationale Würdigung, als er Preisträger der „Commission consultative française des Droits de l’homme“ wurde.
Auch als entschiedener Gegner der Todesstrafe machte sich Khémaïs Chammari einen Namen: Zwischen 1992 und 1996 trat er als führender Repräsentant eines internationalen Bündnisses für deren weltweite Abschaffung bis zur Jahrtausendwende ein („Ne touchez pas à Cain“). Damit setzte er konsequent fort, was er vor Jahren begonnen hatte, denn schon 1984 war er an einer Kampagne gegen die Hinrichtung der zum Tode verurteilten Teilnehmer des sogenannten „Brot-Aufstandes“ in Tunesien beteiligt gewesen.

Khémaïs Chammari hat sich als Intellektueller nie in den Elfenbeinturm zurückgezogen, sondern mit Entschlossenheit und - ungeachtet aller Risiken für seine Person - mit bewundernswertem Mut am Kampf gegen jede Form von Intoleranz, Rassismus, Fanatismus und Fundamentalismus beteiligt. Die idealistischen Vorstellungen des jugendlichen Studenten von einer friedlicheren, gerechteren und menschlicheren Welt hat er Zeit seines Lebens gegen jeden Anflug von Resignation verteidigt - und weit mehr als das Seinige getan, die Realität diesem Bilde anzunähern. Daher war es auch nur konsequent, dass Khémaïs Chammari schon sehr frühzeitig für eine friedliche und auf gegenseitigem Verständnis aufgebaute Lösung des Nahost-Konflikts plädierte. Unter Gefahr für Leib und Leben setzte er sich als einer der ersten arabischen Intellektuellen für einen politischen und religiösen Dialog zwischen Arabern und Israelis, zwischen Juden und Muslimen ein. Bereits 1963, lange vor Beginn des Friedensprozesses, nahm er an einem Symposium in Florenz teil, das dem Versuch dienen sollte, Bewegung in die erstarrten nahöstlichen Fronten zu bringen und Brücken der Verständigung zu bauen. Getreu seiner Überzeugung, dass nur das gemeinsame Gespräch Gräben überwinden und gegenseitiges Verständnis fördern könne, hat er in den vergangenen drei Jahrzehnten jede Gelegenheit genutzt, um Israelis und Palästinenser an den Verhandlungstisch zu bringen. Er ist für viele Araber zur Symbolfigur auf dem schwierigen Weg zu Frieden, Demokratie und Menschenrechte im nahöstlichen Raum geworden.

Sein mutiges Engagement für diese Ideale hat Khémaïs Chammari in seinem Heimatland immer wieder mit bitteren persönlichen Konsequenzen bezahlen müssen: Zwischen 1966 und 1987 musste er fünf Verhaftungen über sich ergehen lassen. Und im November 1995 erhob ein Gerichtshof in Tunis Anklage gegen ihn wegen angeblichen Verrats von Staatsgeheimnissen an eine fremde Macht. Da jedoch keine überzeugenden Beweise für diese schwerwiegende Anschuldigung vorgelegt werden konnten, vermutete amnesty international, dass Khémaïs Chammari für seine politischen und Menschenrechts-Aktivitäten bestraft werden sollte. Während des Prozesses stand seine Familie unter ständiger polizeilicher Überwachung, die tunesischen Behörden verhängten ein Ausreiseverbot über ihn und konfiszierten seinen Pass. Im Juli 1996 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, wurde er nach massivem internationalem Druck im Dezember des gleichen Jahres aus der Haft entlassen. Jahre im Pariser Exil folgten, bis er trotz zu befürchtender Repressalien wieder zurück nach Tunis ging. Anfang 2011 wurde Khémaïs Chammari zum Botschafter der Ständigen Vertretung Tunesiens bei der UNESCO ernannt.

1997 erhielt er den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis gemeinsam mit dem Abe J. Nathan.

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