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P.E.N. Programm „Writers in Exile“

Nürnberg ist offizieller Partner des vom deutschen P.E.N.-Zentrum initiierten Programms "writers in exile", das seit 1999 verfolgten Autorinnen und Autoren Zuflucht in deutschen Städten ermöglicht. Das Projekt entstand als Antwort auf die steigende Zahl an Schriftstellern und Journalisten, die vor Verfolgung und Todesdrohungen fliehen müssen. Ziel der Initiative ist es, ihnen ein freies Leben und Schaffen in Deutschland zu ermöglichen und die Gelegenheit zu bieten, ihr Werk in öffentlichen Lesungen und Diskussionsveranstaltungen dem deutschen Publikum vorzustellen.

Gründe für Nürnbergs Engagement

Nürnbergs Geschichte während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bedeutet eine besondere Verantwortung für die Stadt - auch und insbesondere gegenüber Autoren und Intellektuellen. Ganze Kunstrichtungen wurden für "entartet" erklärt, Künstler in die Emigration gezwungen, verhaftet oder umgebracht und ihre Werke vernichtet.
So musste auch Hermann Kesten, der prominenteste Nürnberger Schriftsteller, vor nationalsozialistischer Verfolgung ins Ausland fliehen. Von dort konnte er zahlreichen verfolgten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum helfen. Es ist deshalb posthum als besondere Würdigung der Menschlichkeit Hermann Kestens durch seine Heimatstadt zu verstehen, dass sich Nürnberg bemüht, jenes mutige Engagement des verstorbenen Ehrenbürgers fortzuführen und verfolgten Schriftstellern eine Stätte der Zuflucht zu sein.

Möglich ist dies nicht zuletzt dank der großzügigen Unterstützung der wbg gruppe Nürnberg, die den Stipendiaten eine Wohnung zur Verfügung stellt.

Willkommen in Nürnberg: Abbad Yahya

Der palästinensische Schriftsteller, der unter anderem Soziologie und Journalismus studierte, promovierte in Gesellschaftswissenschaft an der palästinensischen Hochschule Bir Zait. Er hatte sich bereits mit drei Erzählungen einen Namen gemacht, geriet dann aber mit seinem vierten Roman „A Crime in Ramallah“ in schweren Konflikt mit der Autonomiebehörde. In dem 2016 erschienenen Buch thematisiert er Homosexualität, Alkoholkonsum und religiösen Extremismus in der palästinensischen Gesellschaft, allesamt Tabuthemen, was zu weitreichenden Konsequenzen für ihn führte.

In dem 2016 erschienenen Buch thematisiert er Homosexualität, Alkoholkonsum und religiösen Extremismus in der palästinensischen Gesellschaft, allesamt Tabuthemen, was zu weitreichenden Konsequenzen für ihn führte. Er wurde seines Rechts auf Meinungsfreiheit beraubt, sein Name tauchte auf Fahndungslisten auf und alle Exemplare seines Werkes wurden beschlagnahmt. Über soziale Medien erhält der Autor Morddrohungen und muss enorme Kritik aushalten. In seiner Heimat drohen dem Palästinenser Polizeiwillkür und ein Haftbefehl.

Dazu sagt er: „Wie alle Gesellschaften in der Region hat auch unsere mit zunehmendem Fanatismus und Extremismus zu kämpfen, während gleichzeitig konservative Werte gepredigt werden. Diese Trends zeigen sich im Alltag in einer Mischung aus religiösem und nationalistischen Parolen.“

Dank der großzügigen Unterstützung der wbg Nürnberg kann Abbad Yahya für die nächsten drei Jahre in Nürnberg in Sicherheit leben und arbeiten.

Stipendiat von 2013 bis 2016: Liu Dejun

Von November 2013 bis Ende 2016 lebte der chinesische Dissident Liu Dejun als PEN-Stipendiat in Nürnberg. Sein Engagement als Menschenrechtsverteidiger begann in der südchinesischen Provinz Guandong, wo er Wanderarbeiter über ihre Arbeitsschutzrechte aufklärte. Später gründete er dort eine nichtstaatliche Organisation, die Rechtsberatung und Schulungen anbot.

Der Aufruf zu politischen Reformen und sein Einsatz für Menschen, deren Privathäuser für staatliche großprojekte abgerissen wurden, brachten ihm mehrmalige Inhaftierungen ohne Gerichtsverfahren ein. 2010 wurde er von der Polizei entführt, misshandelt und in der Umgebung von Peking an einer Straße ausgesetzt. Ai Weiwei drehte dazu einen Dokumentarfilm.

In einer Serie von drei Blogs beschrieb Liu Dejun diese Erfahrungen. Die „disappearances“, die auch auf der Website von Frontline Defenders veröffentlicht wurden, stehen beispielhaft für das willkürliche Verschwindenlassen von Menschenrechtsaktivistinnen und –aktivisten weltweit. Nachdem immer mehr Menschen aus seinem Umfeld verhaftet worden waren, suchte auch Liu nach Wegen, das Land zu verlassen.

Mit Unterstützung von Frontline Defenders konnte er von Juli bis Oktober 2013 einen Englisch-Kurs in Dublin absolvieren und fand eine sichere Bleibe in Nürnberg. Heute lebt Liu Dejun in Erlangen.

Mansoureh Shojaee

Stipendiatin 2011 - 2013: Mansoureh Shojaee

Mansoureh Shojaee gehört zu den führenden Aktivistinnen der Frauenbewegung im Iran und arbeitet als Autorin und Übersetzerin. Sie ist Mitbegründerin des Frauenkulturzentrums (Markaze farhangi-ye zanan) und der Frauenbibliothek (Sadiqe Dolatabadi) in Teheran und eine der Initiatorinnen der Kampagne "Eine Million Unterschriften für die Gleichberechtigung" sowie der Webseite Feminist School.

Bis heute hat sie über 200 Artikel verfasst für diverse Zeitschriften, Zeitungen und Frauenmagazine wie Gense Dowwom (Das zweite Geschlecht) und Fasle zanan (Die Jahreszeit der Frauen) und für Feminist School. Auch als Übersetzerin ist sie bekannt geworden.
22 Jahre war sie als Bibliothekarin bei der Nationalbibliothek Teheran tätig. Seit dem Jahr 2000 hat sie u. a. an der Konzipierung und Realisierung der Wanderbibliotheken für Frauen und Kinder mitgewirkt und zu diesem Zweck erfolgreich mit iranischen und internationalen Organisationen wie zum Beispiel UNICEF zusammengearbeitet.

Seit dem Jahr 2008 hat sie sich auf den Vorschlag Shirin Ebadis hin für die Gründung eines Frauenmuseums im Iran eingesetzt, das noch in der Anfangsphase seiner Realisierung verboten wurde. Am 27. Dezember 2009 wurde sie zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren verhaftet. Nach einem Monat Haft kam sie gegen Zahlung einer hohen Kaution wieder frei und durfte nach Beendigung eines vierjährigen Ausreiseverbots das Land verlassen. Seitdem lebt und arbeitet sie in Deutschland.

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