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Ein Tag mit dem Tatort-Reiniger

Jürgen Sindel reinigt ein Toilettenhäuschen.

Hinterlassenschaften von Feiernden oder Müllsündern, tote Tiere, Rückstände von Unfällen: Jürgen Sindel und seine sechs Kollegen vom Sör-Bereitschaftsdienst räumen die Stadt auf.


13:55 Uhr: „Burggraf 44, bitte kommen“: Die Spätschicht hat noch nicht einmal begonnen, da rückt Jürgen Sindel schon zu seinem ersten Einsatz aus. An der Ecke Rollner-/Kilianstraße ist ein LKW auf den Gehweg geraten und hat einen Betonpoller überrollt. Der massive Kegel ragt schräg aus dem Boden, das Pflaster hat es zu einem Haufen getürmt: eine potenzielle Gefahr für Passanten.

Der Ruf nach dem „Burggrafen“ gilt dem Team des Bereitschaftsdiensts Servicebetrieb öffentlicher Raum Nürnberg (Sör). Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienste, sie alle haben die Rufnummer des Burggrafen. Wenn das Stadtbild irgendwo nicht so ist, wie es sein sollte, Grünanlagen vermüllt, Toiletten verdreckt oder Wände beschmiert sind, auf Straßen Gefahr durch herumliegende Gegenstände droht, dann klingelt das Bereitschaftstelefon. „Burggraf war unser Funk-Rufname. Der ist geblieben, auch wenn es heute Handys und keinen CB-Funk mehr gibt“, sagt Jürgen Sindel.


„Last Line of Defence“

Der 57-Jährige, ein Polizist und zwei Arbeiter einer nahen Baustelle hebeln mühsam den Poller aus der Grube und rollen ihn zur Seite. Dann sichert Sindel das Loch, das sich aufgetan hat. Er verteilt Trümmer und Steine, rückt Gehwegplatten zurecht und kehrt Split in die Fugen, um Stolperfallen zu schließen. Mehr kann er auf die Schnelle nicht tun. „Wir sind die Last Line of Defence“, scherzt er. Dann wird er wieder ernst: „Es geht darum, die Sicherheit wiederherzustellen. Die dauerhafte Reparatur muss der Tiefbau übernehmen.“

Sindels orangener Iveco-Doppelachser, intern Burggraf 44 genannt, ist mit vielen Extras ausgestattet, etwa mit einem 200-Liter-Wassertank mit Schlauch oder einer Ölbinder-Streuanlage. Auch ein Gerät zum Auslesen von Mikrochips gehört dazu, für den Fall, dass ein aufgefundenes totes Tier zu Lebzeiten mit einem Transponder versehen und in einer Datenbank registriert wurde. Hinterm Steuer füllt Sindel seinen Fahrauftrag aus: Datum, Uhrzeit, Kilometerstand, erledigte Arbeit, benötigte Materialien. Dann macht er sich auf den Weg zurück in die Sör-Zentrale in der Großreuther Straße. Dort wartet sein Kollege Michael Engelbrecht. Am Computer im Aufenthaltsraum teilen sich die beiden ihre restliche Schicht ein. Sie haben auch ohne Notfälle viel zu erledigen, denn zur Kernaufgabe des Bereitschaftsdiensts gehört es, 16 öffentliche Toilettenanlagen morgens aufzuschließen, zu kontrollieren, tagsüber zu reinigen und am Abend wieder abzuschließen.

15.10 Uhr: „Du machst die acht Anlagen im Süden, ich übernehme den Norden“, sagt Sindel gerade, da klingelt das Handy erneut. Einer Polizeistreife sind zwei umgefallene Leitpfosten an der Schleswiger Straße aufgefallen. „Verstanden, ich fahre gleich raus“, bestätigt Sindel. „Mit der Polizei haben wir ein echtes Vertrauensverhältnis“, unterstreicht er, steigt in seinen Transporter und reiht sich in den Berufsverkehr ein.

Die sieben „Burggrafen“ sind im Schichtbetrieb tätig. Unter der Woche erledigen zwei Männer die Frühschicht von 6 bis 14 Uhr und zwei andere die Spätschicht von 14 bis 22 Uhr. Während der Nachtbereitschaft von 22 und 6 Uhr ist ein Mann auf dem Posten und bezieht in dieser Zeit ein schlichtes Dienstzimmer. Samstag und Sonntag hat ebenfalls nur ein Mann pro Schicht Dienst. Nach einer Woche wird gewechselt. „Wir sind knapp besetzt. Da darf niemand ausfallen. Aber das Klima stimmt. Wir sind eine prima Truppe, da steht jeder für jeden ein“, lobt Sindel die Kollegen.

In der Schleswiger Straße sind die umgefallenen Leitpfosten schnell gefunden. „Ein dummer Streich“, vermutet Sindel, und drückt die Pfosten wieder in ihre Halterungen. Um 16 Uhr geht es weiter: In der Proesler Straße wurde eine illegale Müllablagerung gemeldet.


Bildergalerie: Ein Tag mit dem Tatort-Reiniger


Es stinkt zum Himmel

An einem Trafohäuschen liegen unter anderem ein Autositz, Schuhe, Altreifen, Tüten mit Abfällen und Essensresten. Es stinkt zum Himmel. Sindel zieht sich Handschuhe und Maske über, packt alles in Säcke und lädt sie ein. Punkt 17 Uhr ist er zurück in der Zentrale. Dort sortiert er den Müll in unterschiedliche Container. Auch ein Sack mit einigen Getränkedosen und -flaschen wandert in den Restmüll. „Wir dürfen kein Pfand sammeln. Das gäbe gewaltigen Ärger“, berichtet er.

Nach seiner Ausbildung zum Kunst- und Bauschlosser hat Sindel vor 32 Jahren bei der Stadt als Reinigungskraft angefangen: 25 Jahre war er beim Reinigungs- und Fuhramt, danach beim ASN, seit 2009 bei Sör. Der Müll nahm seitdem gewaltig zu. „Die Leute werden immer dreister. Früher hätte es sich niemand getraut, den Dreck einfach so auf die Straße oder in den Park zu kippen“, sagt er.

Dreck, Blut, Gestank: Dem Mann mit dem imposanten Tattoo am rechten Arm ist nichts fremd. Weil sie immer wieder mal in Parks oder auf Spielplätzen gefundene Fixerutensilien entsorgen müssen, ist eine Impfung gegen Hepatitis-A und -B obligatorisch. Einmal, bei einem Unfall-Einsatz, waren am Steuer des ausgebrannten Wracks noch die Überreste des Fahrers erkennbar. Ein anderes Mal musste er eine Blutlache eines Mannes vom Pflaster waschen, der einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen war. „Manchmal packt es einen schon an. Doch die Routine siegt“, sagt er und klettert auf den Fahrersitz. Der Arbeitstag ist noch nicht vorüber. Als nächstes sind die Toilettenanlagen dran: Erst reinigen, dann, später, auf einer weiteren Tour absperren. Falls nicht wieder das Telefon klingelt und es heißt: „Burggraf, bitte kommen!“


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Rund 11.500 Menschen arbeiten bei der Stadt. Aber was genau tun sie eigentlich? Unsere Serie „Ein Tag mit…“ lässt Sie hinter die Kulissen der Stadtverwaltung blicken. Wir zeigen, wo Menschen für die Stadt im Einsatz sind.


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