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Ein Tag mit dem Schneider

In der Damenschneiderei des Staatstheaters Nürnberg arbeitet der Schneider Gunther Bickel an Kostümen, die sich ständig verändern müssen. Ein Blick hinter die Kulissen eines Handwerks, das Präzision, Flexibilität und Geduld verlangt.

Gunther Bickel im Portrait. Im Stofflager der Damenschneiderei im Theater Nürnberg.

Für eine Schneiderei ist es erstaunlich laut. Von wegen stille Handarbeit: Kein konzentriertes Flüstern, kein leises Klacken einer Schere. Stattdessen ein geschäftiges Treiben: Nähmaschinen rattern, Dampfbügeleisen zischen, bauschige Stoffe rascheln. Dazwischen die Absprachen der gut zehn Schneiderinnen und Schneider, die gerade in der Damenschneiderei des Staatstheaters Nürnberg arbeiten.

Mitten in diesem Geräuschmix sitzt Gunther Bickel an seinem Arbeitsplatz. Er ist Schneidergeselle in der Damenschneiderei des Theaters und einer von denen, die dafür sorgen, dass Kostüme rechtzeitig zur Premiere sitzen. Man sieht ihm an, dass er mit Mode arbeitet – auch wenn sein Outfit betont lässig wirkt: dunkle Wide-Jeans im Used-Look, ein weiter, bunter Pullover und auffällige hellbraune Lederschuhe mit angedeuteter Croco-Optik.

Gunther Bickel Damenmaßschneider im Theater Nürnberg, Bild © Christine Dierenbach
Ein Raum wie ein Wimmelbild: Nähmaschinen, Schneiderpuppen, Stoffballen und Spulen.

Der Raum wirkt wie ein Wimmelbild. Eng, länglich, vollgestellt mit Arbeitstischen, Pinnwänden, Nähmaschinen, Schneiderpuppen, Stoffballen und Spulen. An jedem Tisch sitzen zwei Personen, im Hintergrund läuft leise Musik. Überall stehen kleine Schächtelchen mit Steck- und Sicherheitsnadeln, die Mülleimer sind gefüllt mit nicht mehr recycelbaren Stoffresten. In den Rollen der Drehstühle haben sich hunderte verschiedenfarbige Fadenreste aufgerollt. Auf den Pinnwänden hängen Visualisierungen aktueller Nähprojekte, daneben Kalender, Inspirationen und Postkarten.

„Ehrlich gesagt ist es heute ziemlich ruhig“, sagt Gunther. „Letzte Woche, kurz vor der Premiere, da sah das ganz anders aus. Da ist hier dann richtig Stress.“ Auch ohne unmittelbar bevorstehende Premiere ist die Schneiderei gut gefüllt.

Ein Herrenmaßschneider in der Damenschneiderei

Gunther Bickel näht von Hand an einem pinken Rock.

Gunther arbeitet an einem flamingopinken, dreiteiligen Rock. Den Saum näht er von Hand mit einem gut sichtbaren weißen Faden, der nur der Vorbereitung dient und später wieder entfernt wird. Mit ruhiger, präziser Bewegung führt er die Nadel durch den dünnen Stoff. An seinem rechten Mittelfinger trägt er eine metallene Kuppe, die aus der Ferne wie ein Siegelring wirkt. Erst aus der Nähe wird ihre Funktion sichtbar: Der Faden gleitet kontrolliert über das Metall, wird geführt, gebremst, auf Spannung gehalten.

„Das ist ein Nähring“, sagt Gunther. „Herrenschneider verwenden traditionell solche Ringe, Damenschneider eher Fingerhüte.“ Dass Gunther in der Damenschneiderei einen Nähring benutzt, liegt an seinem beruflichen Hintergrund. Er hat 25 Jahre in der Herrenschneiderei gearbeitet und ist erst vor drei Jahren in die Damenabteilung gewechselt. „Veränderung ist nie verkehrt“, sagt er.

Damen- und Herrenschneiderei unterscheiden sich in der Verarbeitung. Wenn er etwas mal nicht weiß, fragt er nach. „Die Kolleginnen sind jederzeit bereit, weiterzuhelfen.“ Der Wechsel habe gut funktioniert. In der Damenschneiderei kommt sein gesamtes handwerkliches Können zusammen. Je nach Arbeitsschritt greift Gunther Bickel sowohl zum Nähring als auch zum Fingerhut – Werkzeuge aus unterschiedlichen Traditionen, die er selbstverständlich kombiniert.

Handarbeit ist Kopfarbeit

So ruhig seine Arbeit wirkt, sein Kopf ist dabei selten ruhig. Während er näht, plant er bereits weiter. Im Theater ist nichts endgültig. Kostüme müssen veränderbar bleiben. Rollen werden neu besetzt, andere Darstellerinnen und Darsteller springen ein, Wiederaufnahmen finden oft nach längeren Pausen statt. „Am Theater arbeiten wir immer mit mehr Nahtzugabe“, erklärt Gunther. Größere Nahtzugaben erlauben es, Kostüme schnell anzupassen, wenn sich Maße ändern. Neben ihm arbeitet eine Schneiderin an einem absichtlich abgewetzten, knallroten Paillettenkleid. Mit großer Geduld bringt sie Paillette für Paillette an. Handarbeit ist hier kein Sonderfall, sondern Alltag.

Sein Arbeitstag beginnt früh. Meist fängt Gunther um sieben Uhr an, Gleitzeit erlaubt einen Beginn zwischen sieben und neun Uhr. Dann geht er an seinen Platz, holt Stecknadeln und andere Werkzeuge aus der Schublade und schaut, welche Arbeit anliegt. Entweder beginnt er etwas Neues oder arbeitet an einem Stück weiter. Zwischendurch gibt es Anproben oder Rücksprachen. Kurz vor Premieren kann es dann auch zu Überstunden kommen.

Zwischen Banderolen und Brokat

Gunther Bickel im Stofflager der Damenschneiderei des Staatstheaters.

„98 Prozent der Zeit verbringe ich hier in der Werkstatt“, sagt Gunther. Den Rest ist er beispielsweise im Stofflager oder im Fundus unterwegs. Zum Stofflager führt eine kleine Holztreppe direkt aus der Werkstatt nach oben. Es ist ein Raum, der modebegeisterte Herzen höherschlagen lässt. Banderolen stapeln sich bis unter die Decke. Feinste, außergewöhnliche Stoffe, soweit das Auge reicht. Gunther zeigt einen Stoff, der ohne Zweifel sofort in einen Barbie-Film eingefügt werden kann: fast transparentes Petrol- Aquamarin mit floral-anmutenden rosafarbenen Ornamenten und schimmernden Elementen.

Um bereits geschaffene Werke von Gunther und seinen Kolleginnen und Kollegen zu sehen, muss man erst durch das schier endlose Labyrinth der Backstage-Räume im Opernhaus.

Gunther Bickel Damenmaßschneider im Theater Nürnberg, Bild © Christine Dierenbach
Gunther Bickel zeigt im Fundus ein besonders aufwendiges Kostüm.

Im Fundus angekommen, zeigt Gunther ein besonders aufwendiges Kostüm, das für die Oper Turandot angefertigt wurde. Es wirkt barock, historisch, angelehnt an das Erscheinungsbild von Queen Elizabeth I. Gerade bei solchen Kostümen wird deutlich, wie kleinteilig die Arbeit ist. Was auf der Bühne als Gesamtbild erscheint, setzt sich aus vielen einzelnen Arbeitsschritten zusammen, verteilt auf unterschiedliche Hände. „Manchmal sehe ich das Ergebnis auch erst auf der Bühne und bin dann total überrascht, was am Ende daraus geworden ist“, lacht er.

Privat schneidert Gunther kaum noch. „Irgendwann ist gut“, sagt er. Es fällt ihm schwer, Menschen außerhalb des Theaters zu vermitteln, wie viel Arbeit hinter maßgeschneiderter Kleidung steckt. Ein aufwendiges Ballkleid mit Mieder, Schnürung, Unterbau und ausladendem Rock kann schnell bei 200 Arbeitsstunden liegen. Selbst eine einfache Hose braucht – ohne Schnitt – acht bis zehn Stunden, ein Sakko 30 Stunden und mehr.

Im Theater beginnt ein Kostüm nicht an der Nähmaschine, sondern mit einem Konzept. Regie, Kostümbild und Bühnenbild entwickeln gemeinsam eine Idee. Daraus entstehen Figurinen – gezeichnet, digital oder als Collage –, die zeigen, wie ein Kostüm aussehen soll. Mit diesen Entwürfen kommt das Kostümbild in die Kostümabteilung. Dort übernehmen die Gewandmeisterinnen eine zentrale Rolle: Sie setzen die Entwürfe in Schnitte um, organisieren Anproben und koordinieren die Arbeit in den Werkstätten. Gunther arbeitet meist über diese Schnittstelle, direkter Kontakt zu den Kostümbildnern entsteht nur gelegentlich. Er richtet Kostüme für die erste Anprobe vor, näht, heftet, arbeitet an der Maschine oder von Hand. Bei der ersten Anprobe – bei denen die Schneiderinnen und Schneider nicht dabei sind - wird geprüft, ob Passform, Funktion und Optik stimmen. Änderungswünsche kommen zurück in die Werkstatt, wo weitergearbeitet wird, manchmal über mehrere Anproben hinweg.

Gunther Bickel Damenmaßschneider im Theater Nürnberg, Bild © Christine Dierenbach
Gunther Bickel: „Ich würde mich jederzeit wieder für diesen Beruf entscheiden.“

Was ihn in seinem Beruf hält, ist die Vielfalt: unterschiedliche Materialien, Kleidungsstücke, Epochen. Historische Kostüme sind eine besondere Herausforderung, aber auch eine Freude. Dazu kommen fantasievolle Entwürfe oder sogenannte Fatsuits, die Körper verändern – manchmal sichtbar, manchmal kaum. Auch nach fast drei Jahrzehnten am Staatstheater hat das Theater für ihn nichts von seinem Reiz verloren. Wenn er Inszenierungen in anderen Städten sieht, schätzt er die Arbeit dahinter umso mehr. „Das ist eben Theater“, sagt er. „Ich würde mich jederzeit wieder für diesen Beruf entscheiden.“

Text: Kathrin Brunner, Fotos: Christine Dierenbach

Bildergalerie Ein Tag mit Gunther Bickel

Gunther Bickel im Interview

Ein Tag mit...

Rund 12.500 Menschen arbeiten bei der Stadt. Aber was genau tun sie eigentlich? Unsere Serie „Ein Tag mit…“ lässt Sie hinter die Kulissen der Stadtverwaltung blicken. Wir zeigen, wo Menschen für die Stadt im Einsatz sind.

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Aktualisiert am 23.03.2026, 10:54 Uhr