Einer der „besten Lehrer“ Deutschlands kommt aus Nürnberg: Serhat Gökce zählt zu den zehn bundesweiten Preisträgerinnen und Preisträgern beim Wettbewerb „Deutscher Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ 2025“. Der 47-Jährige bildet an der Berufsschule 9 angehende Kaufleute für Büromanagement aus. Ein Gespräch über Schule, junge Menschen und Wertschätzung. Und worauf es im Bildungssystem wirklich ankommt.
Nürnberg Heute Magazin: Humor, immer ansprechbar, hilfsbereit und eine absolute Vertrauensperson – nur einige Statements Ihrer Schülerinnen und Schüler zur Nominierung für den „Deutschen Lehrkräftepreis“. Klingt fast nach übermenschlichen Kräften. Sind Sie ein Lehrer von einem anderen Stern?
Serhat Gökce: Solche Aussagen waren auch für mich ein echter Wow-Effekt. Das hat mich sehr gerührt. Insgesamt war die Resonanz riesig. Nicht nur in den Medien. Ich habe viele Glückwünsche von ehemaligen Schülerinnen und Schülern bekommen, die mir geschrieben haben, wie toll mein Unterricht war und wie stolz sie sind, dass ich diesen Preis bekommen habe. Das waren sehr wertschätzende Nachrichten. Sollte es mir irgendwann mal schlecht gehen, lese ich mir die alle wieder durch. Spaß beiseite: Ohne dass das jetzt überheblich klingt – das ist mein Anspruch an mich als Lehrer.
Nürnberg Heute Magazin: Hat Sie da auch Ihre eigene Schulzeit geprägt?
Serhat Gökce: Absolut. In Summe muss ich leider sagen, dass die guten Lehrkräfte in der Unterzahl waren. Bei vielen hat man sich gedacht, da kann man sich genau abschauen, wie man es nicht machen möchte. Mit Bauchschmerzen in die Stunde zu gehen oder zu hoffen, dass man nicht drangenommen wird und sich möglichst unauffällig zu verhalten, hat für mich mit Schule nichts zu tun. Es geht mir eher darum, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren, sich gegenseitig ernst zu nehmen. Dieses Angstgefühl – das möchte ich auf keinen Fall.
„Es ist wichtig, einen Draht zueinander und füreinander zu entwickeln“
Nürnberg Heute Magazin: Was machen Sie deshalb anders?
Serhat Gökce: Einerseits versuche ich so zu sein, wie ich mir als Schüler einen Lehrer gewünscht hätte. Ich setze mich zum Beispiel nicht hinters Lehrerpult, das baut gleich eine Barriere auf. Laut werden ist auch nicht mein Stil, sondern für mich eher ein Zeichen von Schwäche. Aber die Schüler merken schon, wo meine Grenzen sind. Und wissen, dass es klare Regeln gibt. Andererseits bemühe ich mich, die Schülersicht mal einzunehmen. Wenn etwas schiefgelaufen ist, frage ich mich, wie ist das vielleicht bei ihnen angekommen oder was hätte er oder sie von mir erwartet in dem Moment. Es ist wichtig, einen Draht zueinander und füreinander zu entwickeln.
Nürnberg Heute Magazin: Wie kriegt man diesen Draht zu den Schülern?
Serhat Gökce: Mich interessieren Lebensläufe und unterschiedliche Biografien. Ich schaue immer, wo gibt es Anknüpfungspunkte. Ich hatte ein wunderbares Elternhaus, aber beim Thema Schule konnten mir meine Eltern nicht helfen. Da habe ich mich allein durchbeißen müssen. Auch bei mir hieß es mal, der packt das Gymnasium nicht. Aber ich habe mich da durchgeboxt. Da gibt es Parallelen zu Schülerinnen und Schülern.
Nürnberg Heute Magazin: Null-Bock-Schüler und gestresste Lehrer – diese landläufigen Vorurteile stimmen also nicht?
Serhat Gökce: Echtes Interesse kommt bei jungen Menschen gut an. Ich bin ein offener und neugieriger Mensch. Statt im Lehrerzimmer verbringe ich meine Pausen mit meinen Schülerinnen und Schülern in der Cafeteria. Auch im Unterricht läuft es nicht immer nur stur nach Lehrplan. Es geht um die Zwischentöne: Mal drüber zu sprechen, wie geht’s euch, wo drückt der Schuh oder wo gibt’s es Probleme. Effektiv habe ich dann vielleicht nur 35 Minuten pro Stunde Zeit, aber da sind sie eben voll bei der Sache.
Nürnberg Heute Magazin: Was ist für Sie das Schöne am Lehrerberuf?
Serhat Gökce: Ich freue mich eigentlich immer auf meinen Unterricht. Also ich freue mich auf meine Schülerinnen und Schüler. Es ist interessant, wie sehr man als Lehrer den Lebensweg junger Menschen beeinflussen kann. Ein ehemaliger Schüler hat mir geschrieben, dass er jetzt studiert und fast fertig ist. Er hat mir gedankt und gesagt, dass ich der Einzige war, der gesagt hat, dass er das packt. Seine Familie hätte nicht geglaubt, dass er das schafft. Das sind schöne Momente. Ich bin eher der Lehrertyp, der eine Beziehung zu seiner Klasse braucht. Deswegen bin ich hier an der B9 auch sehr gut aufgehoben.
Nürnberg Heute Magazin: Was machen Sie deshalb anders?
Serhat Gökce: Einerseits versuche ich so zu sein, wie ich mir als Schüler einen Lehrer gewünscht hätte. Ich setze mich zum Beispiel nicht hinters Lehrerpult, das baut gleich eine Barriere auf. Laut werden ist auch nicht mein Stil, sondern für mich eher ein Zeichen von Schwäche. Aber die Schüler merken schon, wo meine Grenzen sind. Und wissen, dass es klare Regeln gibt. Andererseits bemühe ich mich, die Schülersicht mal einzunehmen. Wenn etwas schiefgelaufen ist, frage ich mich, wie ist das vielleicht bei ihnen angekommen oder was hätte er oder sie von mir erwartet in dem Moment. Es ist wichtig, einen Draht zueinander und füreinander zu entwickeln.
Serhat Gökce ist seit 2005 an der Beruflichen Schule 9 (B 9) in Nürnberg Lehrer. Nach einem Studium der Wirtschaftspädagogik und Referendariat an der Fachoberschule wurde er Berufsschullehrer. Zur B 9 gehört auch die Berufsfachschule für Büroberufe. Hier erlernen Schülerinnen und Schüler den Ausbildungsberuf Kaufmann/-frau für Büromanagement in vollschulischer Form mit praktischer Ausbildung in der Übungsfirma NÜLAG GmbH sowie Betriebspraktika in der 12. Klasse.
Nürnberg Heute Magazin: Wie haben Sie von dem Preis erfahren?
Serhat Gökce: Im November 2025 hat uns über die Schulleitung eine E-Mail erreicht. Ich kannte den Preis gar nicht, sondern dachte, da will uns jemand verschaukeln. Dann habe ich recherchiert und entdeckt, okay die Auszeichnung gibt’s wirklich. Im Schulalltag geht manches ein bisschen unter, plötzlich kriegt man einen Preis und hört auf einer Bühne: Das, was du machst, ist herausragend. Das ist schon ein großartiges Gefühl.
Nürnberg Heute Magazin: Wie war die Reaktion des Kollegiums?
Serhat Gökce: Überwiegend sehr positiv. Ich muss echt sagen: Mein Arbeitsumfeld an der B9 hilft mir sehr. Zum einen erfahre ich großes Vertrauen und Rückhalt durch meine Schulleitung, zum anderen fühle ich mich bei meinem Arbeitgeber Stadt Nürnberg sehr wohl. Diese positive Energie kann ich an meine Schülerinnen und Schüler weitergeben.
Nürnberg Heute Magazin: Auszeichnungen sind das eine, Alltag das andere – was ist im Schulalltag die besondere Herausforderung?
Serhat Gökce: Es ist eine spannende Zeit für junge Menschen kurz vor dem Eintritt ins Berufsleben: Das ist eine irre Entwicklungsphase, in der viel passiert. Und genau in der Zeit, bist du Lehrer: Der Großteil der Schülerinnen und Schüler ist zwischen 15 und 19, die Brandbreite dabei enorm. Wir haben auch schon Mütter mit einem kleinen Kind daheim, die die Schule rocken. Wo man nur sagen kann: Wahnsinn. Allerhöchsten Respekt.
Nürnberg Heute Magazin: Was ist Ihr Erfolgsmodell?
Serhat Gökce: Ich fürchte, es gibt kein Patentrezept. Es muss halt ehrlich sein und man darf sich nicht verstellen. Man muss auch offen für Kritik sein: Ich ermuntere meine Schülerinnen und Schüler mir zu sagen, wenn Ihnen etwas nicht passt und entschuldige mich auch, wenn ich über das Ziel hinausgeschossen bin. Ich erwarte aber auch, dass sich die Schüler an unsere Spielregeln halten. Man muss authentisch bleiben.
Was ist der „Deutsche Lehrkräftepreis“?
Es handelt sich um einen bundesweiten Wettbewerb, die Auszeichnung wird seit 2008 vom Deutschen Philologenverband und der Heraeus Bildungsstiftung vergeben:
Am 23. Februar 2026 sind die Preisträgerinnen und Preisträger des „Deutschen Lehrkräftepreises – Unterricht innovativ“ der Wettbewerbsrunde 2025 geehrt worden – zehn Lehrkräfte, fünf Unterrichtsprojekte und drei Schulleitungen aus insgesamt zehn Bundesländern.
In der Kategorie ‚Ausgezeichnete Lehrkräfte‘ ist Serhat Gökce von der Beruflichen Schule 9 in Nürnberg ausgezeichnet worden. Nominiert hat ihn seine ehemalige Abschlussklasse 2024/25. Seine Schülerinnen und Schüler beschreiben ihn als engagierten, motivierenden Lehrer und verlässliche Vertrauensperson, der sie fachlich wie persönlich auf ihrem Weg ins Berufsleben begleitet.
Der ‚Deutsche Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ‘ ehrt jährlich Lehrkräfte und Lehrkräfte-Teams, die sich durch besonderes Engagement sowie innovative Konzepte auszeichnen.