Langwasser Wand-Fassade mit Graffiti

Amt für Kultur und Freizeit KUF

Steinbühler Geschichten

Der freie Autor und Journalist Andreas Thamm hat den Erzählungen der Nachbar*innen zugehört und daraus eine szenische Lesung "Steinbühler Geschichten" kreiert, die am Melanchthonplatz präsentiert wurde.

Vorrede für Karli

Es war ein heißer Tag, weit über 30 Grad. Du hattest Eis für uns dabei, Plombir, das schnell gegessen werden musste, damit es dir nicht in der Packung schmilzt. Sonst hatte dich anscheinend nichts angelacht im Discounter. Ich schleckte und wir versuchten, ein Gespräch zu führen. Du wolltest über Effizienz und Effektivität nachdenken. Sprechen sei manchmal nicht so einfach. Dein Kopf ist ein Dschungel, in den du greifst und Begriffe herausholst. Warum das gut war, mit 16 die Schule abzubrechen, wollte ich wissen:

  • „Effektivität, Effizienz, Pflichtbewusstsein, Zeitverschwendung, Klassenunterricht, Schulunterricht“, sagst du. „Das sind im Großen und Ganzen Zeitverschwendungen. Aber es gibt Schlimmeres. Manche sterben im Alter von sieben Jahren bei der Arbeit im Steinbruch und haben es nicht mal geschafft, lesen und schreiben zu lernen. Wollten vielleicht Schriftsteller werden.“

Ich bin Schriftsteller, erzählen Sie mir Ihre Geschichte, steht auf meinem Plakat. Ich bin da, es ist ein heißer Tag. Die Hitze hält die Menschen nicht davon ab, hier zu sein, Melanchtonpark. Die Spielenden, die Trinkenden, die Spazierenden, die Suchenden wie Karli, wie einer, der gerade noch wusste, wonach er auf der Suche war. Ich bin der Fremdkörper. Nicht dass ich stören würde. Die Leute schauen und sagen mit ihrem Blick: Bestimmt ist das was für jemand anderen.

Ich suche nach Geschichten, eh immer, jetzt mit Ansage. Und was ich glaube, was Geschichten sind, ist gelernt: Anfang, Höhepunkt, Schluss, eine Sache folgt auf die andere, als ob das Leben eine mathematische Gleichung wäre. Meine Fragen scheitern an Karli und seine Antworten an mir. Er habe lieber Gitarre spielen als Lernen wollen, sagt er. Aber jetzt sei das Gitarrespielen schon wieder über ein Jahr her. Warum?

  • „24 Stunden am Tag. Die waren für mich nicht so lang, wie ich mir das eigentlich vorstelle.“

Und was machst du jetzt noch?

  • „Vielleicht den Bart abrasieren. Etwas Körperpflege, warum nicht, warum? Effizienz und Effektivität. Zu viel Aufwand.“

Und er zieht weiter in Hausschuhen, mit seinem schmelzenden Eis. Karli aus der Wiesenstraße. Wie ein Suchender, der als einziger den ganzen Wirrwarr überhaupt sehen kann.

Susanne: Vogelfrei in Steinbühl

Woher jemand kommt und wohin jemand geht. Das ist eigentlich oft schon das ganze Wesen der Geschichten. Susanne kommt zum Yoga. Sie ist eine Stunde zu früh. Aber welche Entscheidungen und Zufälle überhaupt dazu führen, dass eine Sabine sich an einem heißen Dienstagnachmittag von Neumarkt auf den Weg macht, um auf dem Melanchtonplatz Yoga zu machen, das sieht man nicht. Dafür bin ich da.

Aufgewachsen ist sie da drüben. Das Eckhaus aus den 20er-Jahren in der Singersraße, in dem ihr Großvater einmal eine Bäckerei hatte. Er starb 1933 als Susannes Mutter selbst noch ein kleines Kind war. Susannes Großmutter verwaltete das Haus, das in den letzten Wellen des Krieges doch noch zerbombt wurde. Und erst Anfang der 50er-Jahre wieder stand. Jahrelang, das habe ihre Mutter erzählt, habe man hier in der Umgebung von Ruinen gelebt, aus dem Fenster auf Ruinen geschaut, die teilweise als Notunterkünfte genutzt werden mussten. Susanne kommt 1962 auf die Welt.

  • "Meine Mutter," sagt sie, "hat uns nicht gern da rüber gelassen, auf den Spielplatz. Da lagen schon immer Glasscherben rum. Aber man hat das als Kind nicht hinterfragt, ob es hier schön war oder nicht. Das war so wie es war."

Der Spielplatz an der Singerstraße hatte einen Hügel in der Mitte. Im Winter warten Susanne und ihre Schwester nur darauf, dass endlich Schnee fällt, um die paar Meter Schlitten fahren zu können. Viel braucht man als Kind ja nicht. Einen Hügel und ein paar Zentimeter Schnee. Einen gepflasterten Hinterhof hinterm Eckhaus, in dem man einen Ball an die Wand werfen kann, Rollschuhfahren die Singerstraße hoch und runter. Es gibt kaum Autos in der Stadt. Der Gehsteig ist eigentlich der gleiche wie heute, und trotzdem breiter.

  • "Die Eltern waren mit Geldverdienen beschäftigt. Und wir waren weg, bis jemand geschrien hat, dass es Essen gibt. Ansonsten waren wir nicht zu sehen, wir waren vogelfrei."

Susannes Eltern betreiben einen Laborhandel, der ursprünglich vom zweiten Mann ihrer Oma gegründet wurde, die Geschäftsräume zunächst in der ehemaligen Bäckerei, dann wächst der Betrieb und die Firma zieht um. Man vertreibt medizinisches Gerät aller Art vom Reagenzglas über Chemikalien bis zu Spritzen. Die Familie bleibt im Eigentum in der Singerstraße wohnen. Die Eltern haben früh den Anspruch, ihren Mädchen jedes Interesse, jedes Hobby zu ermöglichen. Volleyball, Turnen und Ballett in einem Studio eingerichtet in einer privaten Wohnung in St. Johannis. Sie tanzt bis heute.

Im Kunst-Leistungskurs, soll Susanne ein Stillleben mit Utensilien aus dem Chemielabor malen. Auf dem Erlenemeier Kolben steht Schnabel OHG, die Firma ihrer Eltern. Kritischer findet Susanne, dass die auch Atomkraftwerke beliefern. Eine der ersten Auszubildenden der Firma kündigt aus diesem Grund. Als die Branche immer schwieriger wird, verkaufen die Eltern die Firma.

Susanne zieht es nicht in die Chemie. Sie studiert Landespflege in Weihenstephan und wird Kreisfachberaterin für Landespflege und Gartenarchitektur am Landratsamt in Neumarkt. Eine Gärtnerin, gewachsen auf dem versiegelten Pflaster von Steinbühl.

  • "Wir hatten einen Kleingarten in Königshof. Mein Vater war Staudenliebhaber, wir hatten gar kein Gemüse, weil das muss man ja gießen und so. Seine Lieblingsstauden waren die Schattenstauden. Meine Schwester und mich hat das gar nicht interessiert. Aber als ich dann später im Studium die Pflanzen lernen musste, habe ich gemerkt, dass ich mir die Lieblingsstauden von meinem Vater alle sofort merken konnte."

Nach 38 Jahren in ihrem ersten Beruf ist Susanne in Rente gegangen. Sie lebt auf dem Land, allein nach zwei Scheidungen. Spätestens ab 2015 aber, als ihre Mutter nach dem Tod ihres Mannes immer pflegebedürftiger wurde, kommt Susanne häufiger zurück in die Singerstraße. Und sie spürt, nach all den Jahren, dass etwas übrig geblieben ist, ein warmes Gefühl für Steinbühl. Sie hat sich immer ein Fachwerkhaus auf dem Land gewünscht und es auch bekommen. Ihre Heimat bleibt trotzdem hier.

Der Besitz verpflichtet. Das Haus in der Singerstraße. Susanne hat sich vorgenommen, dass es schön bleibt. Das Dach wird gemacht, heute hat sie drei Stunden lang Lindenblüten gekehrt. Und in der Gewerbefläche im Erdgeschoss ist auch wieder Leben. Kein Bäcker, kein Labor. Ihre Tochter hat dort seit vergangenem Jahr ihr eigenes Geschäft. Es ist eine Ballettschule, Hey Hilde, benannt nach Susannes Mutter. Susanne selbst ist dort Teil der Tanzgruppe Silver Swans.

  • "Mir ist es lieber, wenn ich mit meiner Tochter trainieren kann, als mit Fremden. Es ist ja auch toll zu sehen, was die eigenen Kinder können. Das macht einen stolz. Und es ist jedes Mal ein bisschen wie heimkommen."

Als sie ein Kind war, sagt Susanne, wurden in der Gegend Linden gepflanzt. Jetzt sind das große Bäume für die man Patenschaften übernehmen kann. Natürlich hat sie das gemacht, sie ist ja Gärtnerin. Und sie will, dass es hier schön ist. Dabei hat sie gemerkt: Es liegt weniger Müll, wo sich einer kümmert. Die Menschen wollen, dass es schön bleibt. Diese Hoffnung hat sie, auch wenn sie neulich erst Menschenkot vor der Haustür wegmachen musste.

  • "Je älter man wird," sagt Susanne, "desto länger werden die Geschichten. Ich bin aber auch eine Labertasche."

Und jetzt muss sie aber doch weiter, Yoga fängt an, mitten in ihrer Südstadt.

Heidi: Die eigenen Wünsche

Ich bilde mir immer ein, ich würde die Menschen kennen, wenn sie mir eine Stunde lang von ihrem Leben erzählt haben. Es ist natürlich immer nur ein zufälliger Ausschnitt. Heidi wurde von ihrer Nachbarin hergeschickt, wegen der vielen Geschichten aus der Wiesenstraße. Aber eigentlich ist das nur der Schlussakkord in Heidis bewegtem Leben. Ich weiß nicht, ob es anmaßend ist, aber wenn man mit ihr spricht, ist es manchmal, ganz kurz so, wenn sie so verschmitzt kichert, als würde man mit dem Mädchen sprechen, das sie einmal war.

Heidi kommt 1950 in Seubersdorf in der Oberpfalz auf die Welt. Nach nur sieben Monaten im Bauch ihrer Mutter. Sie ist noch zu schwach für die Welt, wird immer wieder krank, nimmt alles mit, was es an typischen Kinderkrankheiten so gibt. Bis zum Keuchhusten, der ihre Lunge schädigt. Noch vor der Einschulung erkrankt Heidi an TBC, Tuberkulose.

Deswegen erinnert sie sich an so wenige Geschichten aus ihrer Kindheit, sagt sie. Neun Monate musste sie in einem Krankenhaus bleiben, das auf Lungenerkrankungen spezialisiert war. Als sie nach Hause zurückkommt, erkennt das Mädchen seine eigene Großmutter nicht mehr, mit der sie bis dahin immer zusammengelebt hatte.

Heidi hat zwei Brüder. Die Großeltern wohnen darüber, das klassische Dreigenerationenhaus. Sehr beengte Verhältnisse. Der Vater arbeitet als Maurer und Stuckateur, die Tochter soll nach acht Jahren Schule eine Lehre machen, als Schneiderin.

  • "Niemals wollte ich das machen, niemals, das war mir viel zu langweilig! Aber eigene Wünsche hat es nicht gegeben zu unserer Zeit."

In Neumarkt beginnt sie in einem Modesalon. Da ist die Arbeit noch halbwegs interessant. Dann wird die Chefin schwanger und gibt den Betrieb auf. Das zweite Lehrjahr muss sie bei der Schneiderin im Dorf arbeiten. Und eigentlich wäre sie lieber weiter zur Schule gegangen und hätte Fremdsprachen gelernt. Aber das ist für Heidis Eltern nicht denkbar: Mädchen müssen nur einen gescheiten Mann zum Heiraten finden, wozu viel Geld in ihre Bildung investieren.

Mit 18 zieht Heidi nach Nürnberg, um im Stoffladen Wirsching als Verkäuferin zu arbeiten. Als der Laden schließt, wechselt sie zur Quelle nach Fürth. Sie lebt in einem Mädchenwohnheim, das Zimmer teilt sie mit einer Holländerin. Aber man sieht sich nicht oft. Das Leben besteht aus Arbeit, an den Wochenenden fährt sie meist heim ins Dorf. Da sind die Freundinnen, das Gasthaus mit Tanzsaal, das ist der Ort zum Ausgehen, nicht die fremde Großstadt.

Mit 19 heiratet sie einen Jungen aus dem Nachbardorf, der sie dort, im Gasthaus, zum Tanzen aufgefordert hat. Auch der lebt nicht mehr auf dem Dorf, sondern in einem Männerwohnheim in der Stadt. Er macht Karriere, wird Filialleiter bei Plus. Und Heidi hängt ihre Laufbahn an den Nagel.

  • "Im Nachhinein weiß ich, dass das ein Fehler war. Ich habe auf meinen Mann gehört und das war falsch."

Ihr Leben mit ihrem Mann, sagt sie, war trotzdem interessant. Sie waren jung und flexibel. Heidi wird zum ersten Mal schwanger. Das Kind soll lieber nicht in der Stadt aufwachsen, finden beide, also zieht das Paar nach Burghausen. Dort kommt das zweite Kind auf die Welt. Für die Zukunft, finden die Eltern, wäre es vielleicht doch besser, in die Stadt zurückzugehen. Erst eine große Wohnung in der Holzgartenstraße,als die große Tochter auszieht, eine kleinere in der Rankestraße.

Als die kleine Tochter in die Wiesenstraße zieht, bleibt das Paar zu zweit. Und in ihr wachsen wie geduldige Pflanzen die Zweifel an ihrer Beziehung. Die Tochter hat eine wirklich günstige Wohnung gefunden. Und dabei gut angebunden, nah an der Innenstadt. So etwas Eigenes könnte man doch auch haben, vielleicht. Als im selben Haus eine Wohnung frei wird, die Heidi haben könnte, wird ihr Plan konkret.

  • "Ich habe zu meinem Mann gesagt, ich ziehe aus. Weil wir uns so wenig zu sagen haben. Und dann kucken wir mal. Wenn wir uns vermissen, können wir auch zu zweit da wohnen. Aber so will ich das nicht. Da könnte ich ja mit jedem zusammenwohnen, den ich auf er Straße treffe."

Ob ihn das überrascht hat, ihren Mann, will ich wissen. Und Heidi sagt, überrascht vielleicht nicht, aber geglaubt habe er ihr nicht, dass sie das durchzieht. Er war das nicht gewöhnt, ein Mann, dem immer jeder nur gehorcht hat. Er war schrecklich gekränkt, beleidigt.

Da ging das los, dass Heidi von ihrem eigenen Mann verfolgt wurde. Stundenlang geht er vor dem Haus in der Wiesenstraße auf und ab. Sie versteht nicht, was er von ihr will, ignoriert ihn, geht weiter ihrem neuen Leben nach. Eines Abends trifft sie sich wie üblich mit ihrer Kartelrunde zum Schafkopfen. Sie stellt ihr Fahrrad ab und muss im Dämmerlicht noch ein paar Meter gehen, als er auf einmal vor ihr steht.

  • "Da bin ich ausgeflippt. Da habe ich gesagt, jetzt ist Schluss. Das machst du nicht nochmal, sonst rufe ich die Polizei. Und von da an ist es besser geworden. MIttlerweile hat er sich daran gewöhnt, nach 30 Jahren."

Weihnachten feiert die Familie trotzdem noch zusammen. Da kommt dann auch die große Tochter aus Amerika. Mit 19 hat die in der Disco einen kennengelernt, jetzt lebt sie schon so lange mit ihm in den USA, zwei Kinder, riesen Grundstück, guter Job in einem Autohaus. Mal haben sie in Michigan gelebt, dann in Kalifornien, dann wieder in Michigan … Drei Mal ist Heidi selbst rüber geflogen, nach Kalifornien und das war toll, den deutschen November zurückzulassen und dort Sommer zu haben. Und wie offen und aufgeschlossen die Menschen sind. Aber nach Michigan, sagt sie, das musste sie nicht haben, das ist ja wie hier.

Nach dem Mädchenwohnheim damals, und dem Leben in der Ehe ist die Wohnung in der Wiesenstraße Heidis eigenes Reich. Es ist wie Luft holen, dort einzuziehen, obwohl die Wohnung in keinem guten Zustand ist. Heidi fängt an zu renovieren, ein neues Bad, neue Toilette, neue Elektrizität, neue Heizung. Sie sagt das, als wäre es nichts. Aber man sieht ihr an, dass sie stolz ist, auf ihren Neustart.

Vieles verbirgt sich dem Passanten in diesen Steinbühler Straßenzügen. Das andere Leben in den Hinterhöfen. Vorn sieht das Haus in der Wiesenstraße schmucklos aus,. hinten blüht eine Hortensie mit handballgroßen Blütenköpfen. Da irgendwo in der Pflanze muss einmal ein Bankräuber seine Waffe versteckt haben. Das haben die Nachbarn ihr erzählt. Und einmal, da kam Heidi erst spät abends aus dem Biergarten nach Hause, sperrte die Tür auf und … Da schnarcht doch einer. Um Gottes Willen, dachte sie, das wird doch nicht mein Mann sein. Sie ging in die Küche: niemand. Bitte nicht im Schlafzimmer. Auch das Bett ist leer. Das Schnarchen verstummt nicht, aber es kommt aus dem Hinterhof. Heidi ruft die Polizei.

  • "Ich glaube bei mir im Hinterhof liegt einer und schläft. Da sagen die: Haben Sie was getrunken. Ich bin gerade heimgekommen, habe ich gesagt, und habe auch ein Radler getrunken, aber das Schnarchen bilde ich mir nicht ein."

Es dauert nicht lange, bis die Polizei anrückt und den Hof mit der großen Leuchte absucht. Da lag tatsächlich einer, unter ihrem Fenster und meinte, da wäre es halt so schön ruhig, weg von der Straße. Hat er ja auch Recht gehabt, aber bleiben durfte er trotzdem nicht.

Die Vermieterin von damals gibt es nicht mehr, das Haus wurde an einen großen Investor verkauft, die Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt. Es hat sich schon sehr verändert alles, sagt sie, man kennt sich nicht mehr, die Hausgemeinschaft ist dahin. Ihr neuer Vermieter kommt aus Düsseldorf, den hat sie noch kein Mal gesehen. Und um sie herum finden ständig Ein- und Auszüge statt. Während der Coronazeit, im Februar war das und kalt draußen, stand auf einmal eine junge Frau auf der Straße, ganz nackt bis auf so eine Art Schürze und rief um Hilfe. Die Polizei holte einen Mann aus der Wohnung, die zu der Zeit anscheinend als Bordell genutzt wurde. So steht zu vermuten.

Heidi ist nicht finanziell abhängig von irgendwem. Die gelernte Schneiderin fand eine Stelle beim Postamt am Hauptbahnhof, bis das dichtgemacht wurde, dann im Paketzentrum, bis das nach Langwasser verlegt wurde, dann beim Giroamt der Post, wo es wegen der Wende viel zu tun gab, bis es da nichts mehr zu tun gab und sie zur Telekom wechselte, Auskunft. Ein paar Jahre lang geht das gut, dann wird auch die Auskunft langsam abgewickelt. Sie wird nach Regensburg verlegt, schließlich nach Bonn. Das war die schönste Arbeitszeit. Warum?

  • "Es gab keine Arbeit. Du hast in deinen Computer reingeschaut, das hat alles nicht funktioniert. Ich hatte einen netten Kollegen mit im Zimmer und es war wie Urlaub."

Am Ende wird sie noch nach Köln versetzt. Die Telekom will sie loswerden, die teure alte Arbeitskraft, aber sie gibt nicht auf. In Köln kann sie bei einer Freundin wohnen, es ist herrlich. Der Fall landet sogar vor Gericht. Weil ihr Vorgesetzter die Abfindung von 20.000 Euro nochmal runterhandeln will, entscheidet der Richter: Dann darf die Frau eben bleiben bis zur Rente.

  • "Ich hab mir auch gedacht, sagt sie, ich will jetzt in ein betreutes Wohnen. Also habe ich mich auf dem Seniorenamt gemeldet, weil ich ja gar nicht weiß, wie sowas abgeht. Da hat die mir abgeraten: Das würde sie nicht machen in meinem Alter. Heidi lacht. Ja, vielleicht bin ich doch noch zu jung."

Ria: Das volle Leben

Sie sagt, sie heißt Maria nur ohne Ma. Ria, geboren 1952, aufgewachsen da vorne, Humboldtstraße. Ich kann sehen, dass sie sich für Mode interessiert. Später wird sie sagen,sie habe gelernt, immer im Hier und Jetzt zu sein. Wenn sie Zähne putzt, putzt sie nur Zähne, wenn sie isst, isst sie nur. Wenn sie sich im Melanchtonpark zu einem auf die Bank setzt, der Geschichten sammeln will, dann macht sie in dem Moment nur das. Und das merkt man.

  • "Ich bin nicht mit meinem Kopf in tausend Sachen unterwegs, sondern immer bei mir. Und ich war immer ein sehr zufriedener Mensch."

Und wenn man weiß, was Ria erlebt hat, ist dieser Satz noch viel erstaunlicher.

Ria erinnert sich an eine Kindheit auf Südstadtpflaster. Grüne Flecken waren rar. Hier am Melanchthonplatz, auf dem es damals noch einen Brunnen gab, in den sie einmal reingefallen ist, drüben der Wiese, auf dem man im Winter Eislaufen konnte. Und der Schuttberg, womöglich noch aus Resten der Weltkriegszerstörungen, im Winter ein Ort zum Schlittenfahren. Drum herum standen teilweise noch immer die Ruinen, die auch zu Spielplätzen wurden.

Ihr Vater arbeitet bei Siemens, die Mutter bleibt zu Hause bei den Kindern. Ria besucht deshalb keinen Kindergarten. Die Kinderkrankheiten treffen ihr Immunsystem dann in der Schule unvorbereitet. Eine Maserninfektion legt sich auf die Lunge, auf Keuchhusten folgt eine Lungentzündung. Gleich in der ersten Klasse verpasst sie ein dreiviertel Jahr. Das Mädchen liegt daheim und schaut Kindersendungen, zum Glück hat der Siemens-Papa so früh einen Fernseher angeschafft.

  • "Meine Mutter hat immer gesagt, wenn es das Penicilin nicht gegeben hätte, dann wäre ich gestorben. Aber dann haben sie mich wieder hingebracht."

Die Lungenerkrankung heilt, aber Ria bleibt ein Herzfehler. Ihre ängstliche Mutter nimmt sie deshalb aus der Ballettschule, verbietet ihr Fahrrad, Rollschuh, Schlittschuh zu fahren. Mit 10 oder 11 löst sich das Problem scheinbar in Luft auf.

An die Krankheiten, sagt sie, erinnert sie sich aber mehr aus Erzählungen. Für sie war es eine schöne Kindheit in Steinbühl. Mit ihrer Freundin spielt sie mit Puppen, die sie im Wagen durch die Straßen fahren. Im Hof sitzen die Mädchen auf der Treppe oder auch hier auf dem Spielplatz und stricken für ihre Puppen. Der Vater kommt abends von Erlangen nach Hause und kontrolliert die Hausaufgaben. Sprachen fallen ihr leicht, Mathe weniger. Es steht für ihren Vater außer Frage: Wenn sie gut genug ist, soll Ria natürlich Abitur machen.

Und Ria will auch Abitur machen. Um Stewardess werden zu können. Die Angst ihrer Mutter steht dem Wunsch im Wege. Was, wenn du abstürzt…! Nein, die Tochter soll machen, was ihre Mutter auch gemacht hat: eine Lehre in einem Parfümerie-Großhandel, in der Breiten Gasse findet sie eine Stelle.

Während dieser Ausbildung erzählt Ria einer Kollegin von ihren schönen Erinnerungen ans Ballett. Und dass sie dort irgendwann nicht mehr hingehen durfte. Die Kollegin sagt: Du, in der Garde bei uns suchen sie Mädchen. So kommt Ria relativ spät zur Nürnberger Luftflotte.

  • "Ich habe mich da vorgestellt. Und das hat eigentlich mein ganzes Leben geprägt. Da habe ich meinen Mann kennengelernt, das ist eigentlich schon das halbe Leben, oder?"

Bei der Faschingsgarde hat ihr späterer Mann die Rolle des Gardebetreuers, beruflich ist er Schlachter. Er schleppt das große Tonbandgerät von Grundig auf die Bühne und stellt den Tänzerinnen die Lieder ein. Er fährt die Mädchen zu den Auftritten: im Deutschen Hof, in den Humboldtsälen, in Krankenhäusern und Altenheim, überall, wo es einen Saal oder eine große Turnhalle gibt, und bei den Turnieren in ganz Bayern. Das Tanzen, sagt sie, hat ihr gut getan, die Kostüme, die Bühne, vielleicht sei sie ein wenig extrovertiert.

Mit 21 kommt sie mit dem Gardebetreuer zusammen, mit 25 heiratet sie. Das erste Kind wäre noch im ersten Jahr ihrer Beziehung gekommen, aber Ria erlebt ihre erste Fehlgeburt. Es wäre ein Mädchen gewesen, das erfährt sie noch im Krankenhaus. Die zweite mit 23, die dritte mit 27 Jahren. Viel später erfährt sie, dass sie an der Schilddrüse erkrankt ist. Was ihre Müdigkeit erklären kann, die Erschöpfungszustände, aber vielleicht auch die Fehlgeburten.

  • "Ich hatte eine Kollegin, die hat in jeden Kinderwagen geschaut und geheult. Da habe ich mir geschworen, wenn dir das einmal passiert - das willst du nicht, das machst du anders."

Nach drei Fehlgeburten beschließt Ria, ihr Leben nicht an diesen Wunsch zu ketten. Sie sagt: Ich will nicht mehr, ich mache etwas anderes, ich mache mich selbstständig. Ihr Mann, selbst unglücklich in der Großschlachterei, die er führen muss, weil sein Vater und sein Großvater den Betrieb aufgebaut haben, unterstützt sie in dem Vorhaben. Ein Ästhet sei der gewesen, das habe nicht zusammengepasst.

Im Dachgeschoss des Hauses, das er von seinem Großvater geerbt hat, eröffnet Ria ihren ersten Kosmetiksalon. Im Großhandel hat sie gelernt, was sie dafür braucht: die Warenkunde, die Buchhaltung. Ihr Angebot umfasst die standardmäßige Kosmetik, auch Haarentfernungen, später kommt eine Sonnenbank dazu. Es läuft gut und Ria macht sich auf die Suche nach einer Immobilie in der Stadt, für ihre eigene Schönheitsfarm, mit Schwimmbad.

Über ein Inserat in der Zeitung findet sie das ideale Objekt: Am Marientorzwinger, 400 Quadratmeter, Schwimmbad und Sauna schon vorhanden. Die Fläche gehört den Imo Waschstraßen, die damals ihr Angebot erweitern wollten, was anscheinend nicht funktioniert hatte. Man muss auch Glück haben im Leben.

  • "Es gab schon auch schwierige Zeiten, sagt sie, zum Beispiel kam 1989 Aerobic. Die Leute wollten das haben. Jeder Dritte, der angerufen hat, hat gefragt: Haben sie Aerobic. Nach Fitness hat keiner mehr gefragt. Von uns konnte aber keiner Aerobic, ich musste erst jemanden engagieren und Platz schaffen."

Das Wichtigste an der Trendsportart aber war ja die Kleidung, die knallbunten Klamotten. Auf einer Sportmesse in München entdeckt Ria tolle Sachen, die in Nürnberg noch keiner hatte. Sie fängt an, Aerobic-Kleidung zu verkaufen und macht damit eigentlich mehr Geld als mit den Kursen.

Von 10 bis 10 hat Rias Schönheitsfarm geöffnet. In der Spitze beschäftigt sie 14 Mitarbeitende. Ihr Mann verkauft die Schlachterei und unterstützt sie, wo es nur geht im Geschäft. Sie haben eine gute Zeit, mehr Zeit miteinander als andere Paare, können es sich leisten, in Urlaub zu fahren. 2006 wird Rias Mann schwer krank, Darmkrebs. Ein Experte auf dem Gebiet wohnt in der direkten Nachbarschaft. Der meint, eine Operation wäre sofort nötig. Davor scheut sich Rias Mann.

Stattdessen geht er nach Kronach um sich einem minimalinvasivem Eingriff zu unterziehen. Acht Tage lang wird er operiert. Ria bleibt in Nürnberg, sie arbeitet noch, telefoniert täglich mit ihm. Die Nähte halten nicht und alles geht wieder von vorne los. Bei der zweiten Operation erleidet er einen Herzinfarkt. Es wird lange dauern, bis er sich von der Tortur erholt hat. Drei Bypässe, eine Darmverlegung, eine Entzündung und eine Reha in Gunzenhausen lang.

  • "Dann ging es eigentlich jahrelang wieder gut, natürlich mit Medikamenten und allem. Und dann kam Blasenkrebs. Da wurden auch alle möglichen Kuren mit ihm ausprobiert. Am Ende musste er doch wieder operiert werden."

Ab dem Punkt, sagt sie, war es nicht mehr schön. Phasenweise geht es noch, an guten Tagen kann er noch vor die Tür. Aber es geht deutlich bergab. Dann stellen die Ärzte Lungenkrebs fest. Sie hatte ihn gebeten, mit dem Rauchen aufzuhören, aber anscheinend zu spät. Irgendwann nimmt Ria den Telefonhörer und ruft beim Hospizverein an. Sie bittet um einen Platz in der Palliativstation.

  • "Ich habe gedacht, ich kann das nicht ertragen, wenn die mich aus dem Krankenhaus anrufen und ich bin daheim und muss da erst hinfahren. Das ist für mich schlimmer, als wenn ich bei ihm sein kann. Mein Mann wollte, dass ich bei ihm bin. Ich habe ihn in den Tod begleitet."

Acht Wochen Leben bleiben ihm noch auf der Station. Eines Abends teilen die Mitarbeiter ihr mit, dass die nächste Nacht seine letzte sein würde. Die ganze Nacht liegt sie wach und denkt, gleich ist es vorbei. Am Morgen wacht er auf und fragt: Warum habe ich noch kein Frühstück? Das war nicht mehr eingeplant. Acht Tage später verlangt er plötzlich nach Sekt. Sie stoßen noch einmal miteinander an und er schlägt seine großen blauen Augen auf und sagt: Ich habe dich immer geliebt. Sie hält ihn am Arm und spürt, wie er immer schwerer wird. Wie er dahindämmert. Es ist, so als hätte er es gewusst, sein letzter Tag.

Das ist der Moment, in dem Ria und ich beide auf der Bank sitzen und Tränen in den Augen haben. Und ich will sie eigentlich fragen, wie man das schafft, wie man das durchsteht und dann hier sitzt, 20 Jahre später oder so, und sagt, ich bin ein positiver, zufriedener Mensch. Wie man nicht kaputt geht. Und während ich noch nach den Worten suche, um zu fragen, gibt sie mir schon ihre Antwort:

  • "Ich habe nie etwas hingenommen und gesagt, das musst du alleine durchstehen. Ich habe mir immer Hilfe gesucht. Ich habe mir gleich am nächsten Tag einen Seelsorger geholt. Ich habe immer versucht, etwas zu tun, was mir gut tut. Man muss sich Hilfe holen, es gibt Hilfe, es gibt immer Hilfe."

Wenn Sie isst, isst sie und wenn sie Zähne putzt, putzt sie Zähne und wenn sie trauert, trauert sie, bis es vorbei ist. Mit aller Hilfe, die zur Verfügung steht. Die Profis, die Beruhigungsmittel, der telefonische Krisendienst. Es ist kalt im Haus und sie ist alleine. Mit dem Krisendienst telefoniert sie am Anfang jede Nacht.

Weil sie nachts friert, besorgt sich Ria einen kleinen Heizofen. Aber auf ihrer Seite des Bettes findet sie keinen Platz, um ihn abzustellen. Auf seiner Seite aber gibt es eine kleine Marmorbank. Von dem Moment an schläft sie auf seiner Seite. Ein Zufall mit großer Wirkung.

  • "Wissen Sie, wie gut mir das getan hat? Ich hatte die Perspektive von meinem Mann und musste nicht immer auf die Seite schauen, in der er dringelegen war. Ich hatte seinen Geruch, ich hatte seine Wärme und ich habe wirklich geschlafen."

Am nächsten Morgen setzt sie sich zum Frühstücken auf seinen Platz. Und sie merkt: Das Böse geht weg.

Die beiden hatten einen gemeinsamen Traum: Im Alter in die Stadt zurück, ins Heilig-Geist-Spital. 2019 schafft es Ria, sich diesen Traum wenigstens allein zu erfüllen. Es ist ihre Rückkehr ins Leben. Sie gibt ihr Auto ab und bleibt mit den Öffentlichen in Bewegung. Geht ins Café, in Vernissagen, so viele wie nur möglich, in Vorträge. Alles, wofür sie wegen der Arbeit keine Zeit hatte, holt sie jetzt nach. Was während der Phase des Pflege zu allem Übel hinzukam, war: Sie hatte sich überreden lassen, viel Geld in Aktien zu stecken. Davon blieb nicht viel übrig. Ria war einigermaßen wohlhabend, jetzt ist sie es nicht mehr, aber zufrieden dafür.

Die alten Freunde aber verschwanden, als sie kein Geld mehr hatte und ihr Mann pflegebedürftig wurde. Über das Interesse für Kunst gewinnt Ria im Spital einen neuen Freundeskreis. Um zwei Damen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, kümmert sie sich, die nimmt sie mit. Viele Bekannte sind schon gestorben und das bedeutet für sie: Solange sie auf der Welt ist, will sie noch Gutes tun.

Mit 50 etwa hat sie begonnen, sich mit spirituellen Themen zu beschäftigen. Jetzt im Alter wird der Glaube wieder wichtiger. Sie geht nicht auf den Friedhof, sagt sie, das bringt ihr nix, sie hat ihren Mann eh bei sich. Und, will ich wissen, gehört zum Glauben dazu, dass man sich wiedersieht?

  • "Ich denke schon," sagt sie und nimmt sich einen Moment, um nachzudenken. "Aber ich habe ja jetzt einen Freund. Da wird es ein bisschen kompliziert."

In der Cafeteria des Spitals ist es passiert. Niemals hätte sie das für möglich gehalten. Ein 80-jähriger Mann, sieben Jahre älter als sie – und sie hat sich noch einmal so richtig verliebt. Nur eine Regel gibt es für diese Altersbeziehung: Nicht mehr stationär, nur noch ambulant. Um zusammen zu wohnen, sind ihre 47 Quadratmeter zu wenig.

Das Wichtigste sei, aktiv zu bleiben, egal, wie alt man ist. Ria liebt die Großstadt. Zukunftsmuseum, Nacht der Wissenschaft, Vorträge, Kunst, Tauschring, Gemeinwohllobby das hält sie fit.

  • "Und wenn der liebe Gott doch einmal meint, ich soll … dann will ich ganz schnell sterben. Aus dem vollen Leben heraus."

Ali: Goldene Zeiten

Bei den Geschichten ist es ja so, sagt man, dass immer einer oder eine was will. Und erst, wenn er oder sie das dann erreicht hat oder etwas anderes, ist die Geschichte vorbei. Ali ist so alt wie ich, aufgewachsen in der Südstadt, nicht direkt Steinbühl, sondern in der Nähe der Frankenstraße. Und Ali sagt, seit er sich erinnern kann, wollte er Hausmeister werden.

Es gibt so Leute, die einen Raum aufhellen oder eine Wiese und man liest an den Reaktionen der anderen sofort, dass sie sich freuen, dass genau er jetzt um die Ecke kommt: Ali, groß, lange schwarze Haare, breitestes Grinsen. Weiß nicht so genau, was ich eigentlich von ihm will, setzt sich trotzdem dazu. Weil das da ist ein Liegestuhl und ist doch schön, hier zu sein.

Sein Vater kam als er 18 war aus der Türkei nach Deutschland und fing hier, auch in der Südstadt, an, bei der Firma Leistritz zu arbeiten. Kenne ich nicht, obwohl ich wahrscheinlich schon tausend Mal dran vorbeigefahren bin. Ein gerade 120 Jahre altes Maschinenbauunternehmen, Turbinen und so. Alis Vater konnte dort damals einsteigen, weil auch Alis Großvater schon bei Leistritz war. In drei Jahren geht er in sein 40. Arbeitsjahr.

In der Sperberschule wird damals, Mitte der 90er, streng sortiert. Die a-Klasse rein biodeutsch, die b-Klasse gemischt, in die c-Klasse gehen mit Ali ausschließlich Gastarbeiterkinder. Auf dem Spielplatz und Schulhof spricht man türkisches Deutsch und deutsches Türkisch. Alis Eltern sprechen noch wenig Deutsch, keine Zeit es zu lernen. Seine Mutter ist bei einem Partyservice angestellt.

  • "Die haben nur gearbeitet," sagt er, "damit wir es schön haben."

Die Kinder der dritten Generation lernen für sich selbst zu sorgen: Heim, Hausaufgaben schnell erledigen, spätestens um 14 Uhr auf dem Bolzplatz am Budapester Platz oder Annapark sein. Bolzen bis in den Abend, dann noch Pfandflaschen sammeln, um sich eine Cola oder Pommes selbst zu finanzieren.

Manchmal fühlt er sich dazwischen. In Deutschland ist er ein Ausländer, obwohl hier geboren. Manchmal wird er von Schulkameraden nicht zum Geburtstag eingeladen und versteht nicht, warum. In der Türkei sind sie, er und seine beiden Schwestern, Deutsche. Man hört es ihrem Türkisch an.

Aber: Die Kinder aus der Nachbarschaft hängen zusammen, jeden Tag. Bis die nächste Lebensphase beginnt, mit 14, 15 verlieren sich die ersten Wege. Manche fangen eine Ausbildung an, andere eine Drogenkarriere, wieder andere tigern immer noch zu Bolzplatz, wo bereits die nächste Generation übernommen hat.

In dem Alter, sagt Ali, musste man eine von zwei Sachen haben. Entweder einen geilen Rechner, um den ganzen Tag mit den Freunden zu chatten, ICQ, MSN, … Oder ein Mofa. Mit 14 macht er den Mofaführerschein und sein Vater ist so stolz, dass er ihm, einen Roller schenkt. Pegasus Sky 25, taiwanesisches Modell, 3 PS, zuverlässiger Zweitakter, 1100 Euro, Alis ganzer Stolz.

Noch zu Schulzeiten macht er sich Gedanken, was er werden will. Er sieht den Hausmeister mit seinem dicken Schlüsselbund. Mal repariert er hier was, dann da, sonst hat er ein leichtes Leben. Aber wie wird man Hausmeister …? Das weiß Ali nicht. Stattdessen trifft er auf dem Schulhof einen Herrn Fuchs, Maurermeister Fuchs. Und Ali will keine Zeit verlieren, sondern schnell Geld verdienen für den Autoführerschein. Er fragt den Herrn Fuchs direkt, wie es ausschaut mit Ausbildung. Nach zwei Wochen Praktikum ist er Teil der Firma.

Und war das gut, will ich wissen.

  • "Ganz ehrlich, es war hart als Ausländer auf dem Bau. Ich hatte fast nur deutsche Kollegen. Da hatte ich zum ersten Mal Kontakt zu Rechtsextremismus."

Die Kollegen testen ihn, schauen, wie weit sie mit ihren Sprüchen gehen können. Sie können weit gehen.Nach drei Jahren Ausbildung verlässt Ali die Firma und packt bei seinen Vorgesetzten noch einmal so richtig aus. Seine Beschwerden werden ernst genommen. Die Firma räumt auf unter ihren Mitarbeitern.

Als Ali sich beim Arbeitsamt meldet, 2010, beginnt im Handwerk eine goldene Zeit. Die Bausubstanz der Nachkriegsbauten ist durch. Am Ende seiner Haltbarkeit angekommen. Überall herrscht Sanierungsbedarf: Dächer, Fassaden, Putz, … Die Firmen suchen händeringend nach Leuten, die anpacken können. Ali hat keinen sonderlich guten Abschluss, aber Instandsetzung und Sanierung, das war sein Ding an der Berufsschule, kleine Reparaturen, wie ein Hausmeister könnte man sagen.

Zwölf Jahre lang arbeitet er bei Riemann Bau, einem Familienunternehmen mit Spezialisierung auf denkmalgeschützte Häuser. Zwei Fliesenleger, zwei Stuckateure, zwei Maurer – und jeden Tag gibt es in dieser Stadt etwas anderes zu tun. Auf einmal genießt Ali seine Arbeit. Und von Rassismus keine Spur.

  • "Da waren schon Italiener und Griechen in der Firma. Und drei Deutsche, aber ich sag mal, die Deutschen haben sich gut integriert."

Bis heute ist er stolz auf die Arbeit, die er damals geleistet hat. Er geht durch die Stadt und erkennt die Stellen wieder. Hier hat er geputzt, dort einen Dachziegel ausgetauscht, bei dem Haus eine Dickbeschichtung im Keller gemacht, zur Isolierung. Das sind die Dinge, die er hinterlassen hat, mit seinen eigenen Händen und die 50, wenn nicht 100 Jahre bleiben werden.

Nach zwölf Jahren macht Ali sich trotzdem Gedanken. Er hat noch 36 vor sich. Er geht zu seinem Juniorchef und fragt: Jürgen, kannst du die Firma noch so lange führen? - Jürgen: Ich werde hier arbeiten, bis ich tot umfalle, aber ich kann dir nicht garantieren, dass ich noch 36 Jahre durchhalte. Ali: Versteh mich nicht falsch, aber ich glaube ich muss mich weiterorientieren.

Es gibt, wenn er ehrlich ist, noch einen zweiten Grund für sein Gedankenspiel. Mit Abbau von allen Überstunden ist sein letzter Arbeitstag der 12.12.2020. Ali will weg aus Deutschland, weg von den Einschränkungen und der Maskenpflicht. Vor einem halben Jahr ungefähr hat er ein Mädchen kennengelernt, Safia. Sie lief ihm bei McDonald’s über den Weg. Wegen der Maske konnte er nur ihre Augen sehen und war sofort verliebt. Er sprach sie an, sie tauschten Nummern aus. Die Datingphase während der harten Lockdownzeit. Sie trafen sich, um im Auto Pizza zu essen und durch die Gegend zu fahren.

Jetzt wollen sie weg. Ali wohnt bei seinen Eltern, mittlerweile hier, am Melanchthonplatz, hat quasi keine Ausgaben aber gutes Gehalt. Er hat genug gespart, um für drei Monate nach Mexiko abzuhauen. Und bekommt ja nach wie vor Geld, weil er noch immer Überstunden abfeiert. Bei Safia, die im Tiergarten arbeitet, ist es ähnlich. Der Zoo ist zu, aber die Mitarbeiterinnen bekommen ihr Gehalt.

  • "Wir haben gelebt wie Rentner. Aber wir haben auch alles von Mexiko gesehen. Das war so schön, ich werde es niemals vergessen."

Nach seiner Rückkehr tritt er seine neue Stelle an, als Straßenwärter beim SÖR. Die Probezeit besteht er mit Bravour, besser geht nicht. Am ersten Tag nach der Probezeit stellt er sich vor seine Kollegen und sagt: Leute, versteht mich nicht falsch, aber: Ich wollte schon immer Hausmeister werden. Ich weiß nicht, wie lange ich hier bleibe. Tatsächlich hat er sich bereits intern weiterbeworben. Seine Kollegen lachen ihn aus: Beim SÖR, sagen sie, kommt keiner raus.

Als Straßenwärter kommt ihm sein handwerkliches Geschick und sein Wissen über Materialien zugute. Er muss Bürgerzettel abarbeiten. Irgendwo beschwert sich jemand über eine lockere Gehwegplatte oder ein Schlagloch - Ali rückt mit Zement an und macht das Loch zu.

  • "Das macht keinen Spaß. Da wirst du dick und dumm. Ich bin ein Mensch, der schnell fertig werden will. Wenn ich fünf solche Zettel hatte, war ich nach einer Stunde fertig. Dann fährst du rum, holst Kaffee, holst dir was vom Bäcker…"

Und das ist nicht das Schlimmste: Die meiste Arbeit wartet im Winter. Winterdienst, Straßen räumen und streuen. Es gibt eine Wintersperre für Urlaub. Dabei gibt es doch gar keinen richtigen Winter in dieser Stadt! Kiloweise Streugut hat er verteilt, aber nirgendwo lag Schnee. Das will er sich auf keinen Fall ein zweites Mal antun.

Zum 01. Juli, nach fünf Monaten im Job, wechselt er ans Gemeinschaftshaus Langwasser. Er ist beim Vorstellungsgespräch gewesen. Er hat sich nicht verstellt. Er hatte ja etwas vorzuweisen. Und sie haben ihn gern genommen, als neuen Hausmeister des Kulturladens.

Ali ist glücklich. Aber das Glück währt nicht lange. Nach einem Jahr nimmt die Stadt eine Umstrukturierung vor. Alle Hausmeister kommen in eine eigene Behörde, die HVE, und sind nicht mehr dem einzelnen Haus zugeordnet. Das Gemeinschaftshaus will Ali nicht loswerden und Ali will nicht gehen. Am Ende wird sein Kollege, der zweite Hausmeister im Gemeinschaftshaus in die HVE geschickt und Ali bekommt einen neuen Job als Veranstaltungsbetreuer. Keine Reparaturen mehr, kein dicker Schlüsselbund.

  • "Es ist ganz anders. Aber ich bleibe bis zur Rente dort. Ich rede mit Leuten, ich kann mich so krass connecten. Es ist nicht normal."

Ali grinst breit. Es ist der erste Tag nach seiner Elternzeit. Sein Kind ist jetzt zwei Monate alt. Die kleine Familie lebt immer noch in der Südstadt, aber in der Nähe des Dutzendteichs. Die Südstadt, sagt er, hat ihm gezeigt, was der richtige Weg ist. Gerade, weil andere abgestürzt sind und früh an der Flasche hingen. Das wollte er nicht, er wollte ein schönes Leben und die Welt sehen.

Nachwort für Göksu

Ich hab meine Sachen schon zusammengepackt, als Göksu zu mir kommt. Es sind immer die Kinder an diesem zweiten Termin im Melanchthonplatz. Weil sie denken, dass ich Teil der Bastelaktion bin. Aber hier bastelt nur einer und das bin ich. Ich schneide Ohren aus.

Göksu fragt, was man bei mir machen kann. Ich sage, sie kann mir eine Geschichte erzählen und sie sagt, sie wisse nicht wie das gehe. Aber ich, denke ich, ich stelle dir ein paar Fragen und los geht’s. Da bin ich doch der richtige Typ dafür.

Göksu ist 9. Vielleicht habe ich nicht die richtigen Fragen für sie dabei. Vielleicht bin ich zu alt für dieses Gespräch. Manche Sachen verstehe ich nicht. Squid Game zum Beispiel, das ist doch eine Serie für Erwachsene, aber Göksu erzählt von einem Spiel, das sie mit ihrer Freundin spielt und dessen Regeln mich verwirren.

Manchmal fährt sie mit ihren Eltern in die Türkei und manchmal nach Bulgarien. In der Türkei gefällt es ihr am besten, weil sie dort ihre Cousine trifft, die auch ihre beste Freundin ist. Ob sie dort am Meer sind, frage ich, aber das weiß sie nicht, das ist für sie nicht wichtig.

Göksu geht gern in die Schule, sagt sie und am liebsten mag sie Rechnen. Warum, frage ich und das ist eine sehr ehrliche Frage, weil mir das Rechnen immer so schwer fiel. Weil, sagt sie und denkt lange und genauso ehrlich nach, weil mir Nachdenken Spaß macht. Und das ist eine ziemlich gute Antwort.

Und einmal hatte sie einen Hund, den vermisst sie. Und ich glaube verstanden zu haben, dass sie ihn abgeben mussten, weil ihr Vater nicht genug Zeit hatte, um sich um den Hund zu kümmern. Das ist, weil ich nicht mehr verstanden habe, nur eine ganz kleine Geschichte, aber irgendwie auch ganz groß, weil sie auch vom Wünschen handelt und vom Schmerz des Vermissens.

Und dieses Nachwort handelt von Göksus Geduld. Geduld, bei mir zu sitzen und mit mir zu sprechen, ohne so recht zu wissen, warum eigentlich. Ich schenke ihr ein Ohr und zwei Kinogutscheine und richte an dich, Göksu, meinen Dank, der aber natürlich allen anderen genauso gilt, die mir ihre Zeit geschenkt haben.